Benjamin muss ungefähr zarte drei Jahre alt gewesen sein. Er hatte mittlerweile gelernt, wie man in der Gästetoilette den Stöpsel dichtmacht und dann den Wasserhahn andreht. Allerdings konnte er den Stöpsel noch nicht wieder öffnen. Nachdem er so einige Male für eine Überschwemmung gesorgt hatte – mittlerweile hielt ich Wischen schon für mein größtes Hobby – entschlossen wir uns, diese Aktionen zu verhindern, indem die Tür zur Gästetoilette von außen abgeschlossen wurde. Der Schlüssel blieb natürlich von außen stecken, denn zum einen muss jeder normale Mensch ab und zu mal die Toilette aufsuchen und zum anderen waren wir ja unter uns und hatten nichts zu verbergen, also auch keine Veranlassung, den Schlüssel ständig umzustecken, um uns einzuschließen.
Benjamin liebte es in diesem Alter, mich auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Wo ich hinging, da musste er auch hingehen und sei es nur die Toilette.
Ich saß also wieder einmal auf dem Thron. Benjamin stand in der halboffenen Toiletten und spielte von außen am Schlüssel herum. Dann kam er auch in diesen kleinen engen Raum, zog die Tür zu und – zack – sprang der Schlüssel um und wir waren eingesperrt. Das wurde mir allerdings erst klar, als ich nach verrichtetem Geschäft und frisch gewaschenen Händen versuchte, die Tür zu öffnen. Scheiße – und das auf einer Gästetoilette.
Ich sah mich suchend im Raum um und überlegte, wie ich uns aus dieser Misere befreien könnte. Benjamin sah mir interessiert zu. Ein Blick zum Fenster, dann an meiner fülligen Figur herunter – nein, das konnte man vergessen, da würde ich im Leben nicht durchpassen und selbst wenn, dann säße mein dreijähriger Sohn allein gefangen in diesem Raum und ich könnte ohne Schlüssel nicht einmal ins Haus. Verzweifelt suchte ich deshalb nach einem Gegenstand, mit dem ich den Schlüssel aus dem Schloss drücken konnte. In Filmen klappt so etwas immer. Erst einmal schob ich allerdings etwas Toilettenpapier unter der Tür durch – genauso genommen handelte es sich sogar um etwas mehr Toilettenpapier, denn ich wollte sicher gehen, dass ich, wenn mir diese Unterfangen gelingen würde, den Schlüssel auch in den kleinen Raum hereinziehen konnte. Schon beim Anblick des kleinen Spaltes unter der Tür zweifelte ich allerdings daran, dass mir dieses auch gelingen würde. So, Toilettenpapier hatte ich genug drapiert. Nun die Frage, womit kann man einen Schlüssel aus dem Schlüsselloch schieben? Gegenstände, die man dazu verwenden könnte, befanden sich natürlich nicht in der Gästetoilette. Also nahm ich das Toilettenpapier von der Rolle und versuchte, mit dem Stift den Schlüssel dahin zu befördern, wo ich ihn gerne haben wollte.
Ich weiß nicht, wie lange ich herumexperimentierte aber leider ohne Erfolg. Nun wurde auch Benjamin allmählich ungeduldig. „Mama, rausgehen“, sagte er. Ich genervt: „Ja, würde ich ja auch gerne, aber wir sind hier eingesperrt, die Tür geht nicht auf.“
Ich setzte mich auf den geschlossenen Toilettendeckel und versuchte, mein Kind mit Spielchen, Liedern und dergleichen bei Laune zu halten, denn Kindergeschrei in diesem kleinen Raum war wirklich das Letzte, was ich jetzt brauchen konnte.
Benjamin wurde allmählich immer ungeduldiger und quengeliger. Jedenfalls in die Hose machen würde er hier nicht. Wenn er jetzt mal müsste, kein Problem.
Plötzlich klingelte es an der Haustür. Ich muss dazu sagen, dass sich die Gästetoilette direkt neben der Haustür befand, so dass ich nur den Kopf aus dem Fenster stecken musste, um den Besucher auf unsere missliche Lage aufmerksam zu machen. Aber ich genierte mich schrecklich. Wie sollte ich erklären, dass mein kleiner Sohn und ich hier eingesperrt waren?
Das Klingeln nahm kein Ende, so dass ich mich letztlich doch auf die Toilette stellte, leise das Fenster öffnete, den Kopf hinausstrecke soweit es ging und leise ein „Hallo“ von mir gab. Vor mir erschien das Gesicht meines Mannes, leicht rot angelaufen, so wie es immer war, wenn er genervt war. „Mach doch mal auf.“ Polterte er. Ich flüsterte zaghaft: „Ich kann nicht.“ „Was heißt das, du kannst nicht?“ „Ich bin hier mit Benjamin eingesperrt.“ „Na toll, “ gab er grimmig von sich: „Und ich habe keinen Schlüssel mit. Ich guck mal.“ Sprach es und war verschwunden.
Irgendwo fern im Haus hörte ich etwas scheppern, kurz darauf ein Poltern und dann endlich erlösende Schritte auf dem Flur. Der Schlüssel wurde von außen umgedreht und wir waren endlich befreit.
Gott sei Dank war nämlich das Schlafzimmerfenster auf. Es mussten zwar ein paar Blumentöpfe unter dem Einstieg leiden, aber das war mir in dieser Situation völlig egal.
Ich kann heute nicht mehr genau sagen, wie lange ich in dieser Gästetoilette ausharren musste, nur soviel: für mich war es definitiv zu lange.
Ich habe aber daraus gelernt. Auch in Zukunft wurde die Tür abgeschlossen, allerdings zog ich den Schlüssel immer ab, wenn ich diesen Raum betrat und gab ihn nicht aus den Händen bis ich sicher sein konnte, dass mir so etwas nicht noch einmal passieren würde.
Irgendwann fand Benjamin das Spielen mit dem Wasserhahn nicht mehr so interessant, so dass sich das Problem von allein löste. Der Schlüssel steckte dann wieder von innen wie normalerweise.
Wer Kinder hat, kann wirklich etwas erleben.