Biografien & Erinnerungen
Hausexlosion - Ein Tatsachenbericht

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"Hausexlosion - Ein Tatsachenbericht"
Veröffentlicht am 04. Mai 2008, 10 Seiten
Kategorie Biografien & Erinnerungen
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Über den Autor:

Es fällt mir nicht leicht, etwas über mich zu schreiben. Also ganz kurz: 52 Jahre alt,glücklich geschieden, Mutter von drei Superkindern, Psychologisch-technische Assistentin - fühle mich viel jünger als ich bin. Noch Fragen, dann fragt ruhig, ich stehe jederzeit Rede und Antwort.
Hausexlosion - Ein Tatsachenbericht

Hausexlosion - Ein Tatsachenbericht

 
Ich habe versucht, auch dieses Ereignis in Reime zu kleiden, aber es ist mir beim besten Willen nicht gelungen. Das mag daran liegen, dass es sich hierbei einerseits um eine Tatsache handelt, andererseits um ein Ereignis, dass mich, obwohl es schon Jahre her ist, immer noch gefangen hält, mich bedrückt, mich erschreckt, mich einfach nicht loslässt.

Immer noch sehe ich die Bilder vor mir, die ich in jener Nacht gesehen habe.

Ich werde es nie vergessen. Es war die Nacht zum 24. Oktober 2004. Erst wenige Monate vorher hatte ich mich von meinem Mann getrennt und war mit unseren beiden jüngeren Kindern Dirk und Swea, damals 22 und 18 Jahre alt, in eine Wohnung auf einem Resthof gezogen.

Am Morgen des 25. Oktober musste ich sehr früh raus, denn für mich stand ein Lehrgang in Northeim an.

Mitten in der Nacht, es muss so zwischen 23.00 Uhr und 24.00 Uhr gewesen sein, ich weiß es nicht genau, weil ich nicht auf die Uhr gesehen habe, klingelte das Telefon.

Erst überlegte ich kurz, ob ich überhaupt rangehen sollte. Wer ruft schon mitten in der Nacht an und wenn es wichtig wäre, würde er sich bestimmt am nächsten Tag wieder melden. Es klingelte und klingelte, also entschloss ich mich doch, mich zu melden und das war gut so.

Meine Freundin, die in dem Ort wohnte, aus dem wir weggezogen sind, war völlig aufgelöst, Sie stammelte: „Christa, euer Haus brennt und diesmal träume ich nicht – kommst du?“

Ich kann nicht mehr sagen, was ich in diesem Moment gefühlt habe – Entsetzen, Ungläubigkeit – hat sie sich geirrt, hatte ich mich verhört? Ich weiß es nicht mehr. Mein Sohn stand plötzlich hinter mir, fragte was los sei. Ich erzählte es ihm mit brüchiger Stimme. Dann erschien auch meine Tochter. Sie stand völlig geschockt in der Wohnzimmertür. Die Stimmung war zum Schneiden, als spürten alle, dass etwas Schreckliches passiert war. Gott sei Dank war Sweas Freund bei ihr. Ich sagte nur: „Das Haus brennt, Swea, du bleibst mit Dennis hier, wir fahren hin.“

Dirk hatte sich schon angezogen und den Autoschlüssel geholt.

Unterwegs – es war weit und breit kein Feuerschein zu sehen, ich saß zitternd auf dem Beifahrersitz – überlegten wir, ob es nicht vielleicht doch ein Irrtum war.

Was, wenn sich Rita doch geirrt hätte? Was, wenn sie sich nicht geirrt hätte? Was war mit meinem Exmann, was war mit den Tieren, wie war das passiert? War noch was zu retten? Die wildesten Gedanken schießen einem in diesem Moment durch den Kopf, aber keiner traut, sie auszusprechen, um den anderen nicht noch mehr zu erschrecken.

Je näher wir kamen, desto mehr wurde es Gewissheit. Ein Feuerschein zeigte sich an der Stelle, wo einmal das Haus gestanden hatte, in dem wir 25 Jahre gewohnt hatten, das Haus, in das wir soviel investiert hatten, an dem wir ständig weitergebaut, es erweitert, aufgestockt, ausgebaut hatten, das Haus, in dem meine Kinder aufgewachsen waren.

Wir parkten ca. 200 Meter von unserem Grundstück entfernt - unser Grundstück, ja, denn auch ich stehe immer noch im Grundbuch.

Wie in Trance ging ich bei meinem Sohn eingehakt auf die Brandstelle zu. Das Haus hatte an einer vielbefahrenen Bundesstraße gestanden, die jetzt von Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr saubergefegt wurde. Das da nicht noch mehr passiert war, grenzt an ein Wunder.

Auch heute erscheint mir die ganze Situation immer noch wie ein Traum, obwohl ich sie in meinen Träumen immer und immer wieder erlebe, auch wenn die Abstände zwischen diesen Träumen mittlerweile größer geworden sind.

Viele der Menschen, die sich dort versammelt hatten, kannte ich. „Hallo Christa“ erschallte es von hier und von dort. Ich nahm aber auch das nur wie in Trance wahr. Wir gingen auf unsere direkten Nachbarn zu, die auf ihrem Grundstück standen. „Wo ist Rolf?“ stammelte ich. Sie antwortete heiterer als es zu erwarten war: „Im Osten, den einen Dackel hat er mit.“ „Und der andere Dackel?“ fragte ich. „Scherry ist bei uns, die hat vor drei Tagen Welpen bekommen. Und eure Haustür ist durch die Explosion bis vor unsere Haustür geschleudert worden. Unser Bett ist voller Scherben. Willst mal sehen?“ Nein, wollte ich nicht, aber den Hund wollte ich sehen. Ich beugte mich zu ihr hinunter und konnte endlich die ersten Tränen vergießen. Tränen der Dankbarkeit, dass kein Schaden an Mensch oder Tier entstanden ist.

Als ich wieder aus dem Haus kam, war auch endlich meine Freundin da. Sie und ihre Familie nahmen uns in den Arm, so dass wir weitere Tränen vergießen konnten.

Arm in Arm standen wir nun also auf dem Nachbargrundstück. Unsere Blicke wurden von dem Feuer förmlich angezogen. Fast gleichzeitig bemerkten wir, dass der Wohnzimmerschrank noch an seiner alten Stelle stand und nun langsam ein Opfer der Flammen wurde.

Währenddessen redete Angie weiter auf uns ein: „Die Feuerwehr konnte nicht an ihre Geräte heran, obwohl das Feuerwehrgerätehaus direkt neben eurem Grundstück ist, aber die Wucht der Explosion hat die Türen des Feuerwehrgerätehauses eingedrückt, so dass die freiwilligen Feuerwehren der Nachbargemeinden angefordert werden mussten. Das hat einen Knall gegeben, das glaubt ihr gar nicht.“

Dirk und ich blickten in die Flammen und mussten offensichtlich gleichzeitig an Dinge denken, die wir nicht mehr rechtzeitig herausholen konnten. Er hätte so gern die Tür zu seinem Zimmer herausgeholt, die seine Freundin bemalt hatte. Sein Vater wollte sie ihm aber erst im Austausch gegen eine neue Tür geben. Wir hatten uns gerade erst in der letzten Woche Kostenvoranschläge geholt und wollten die Tür und mein Schimmel-Klavier dann aus dem Haus holen. So standen wir nun da. Er zeigte hilflos auf das brennende Haus und flüsterte: „Meine Tür.“ Ich schloss mich an: „Mein Klavier.“

Ich erinnere mich auch noch daran, dass jemand von der Kripo mich ansprach und mir ankündigte, an einem der nächsten Tage mit mir sprechen zu wollen.

Die meisten Schaulustigen hatten offenbar genug gesehen. Vielleicht mussten auch viele von ihnen am nächsten / diesem Morgen früh aufstehen. Jedenfalls zog sich der eine und der andere zurück.

Selten habe ich mich so hilflos gefühlt. Hätte ich nur irgendetwas tun können, es hätte mir bestimmt geholfen, irgendwie aktiv sein, nachsehen, was die anderen Tiere, die Hühner, die Enten, die Puten, die Pfaue usw. machten. Sehen, ob ich am Rande des Feuers noch irgendetwas in Sicherheit bringen konnte, einfach nur irgendetwas tun. Als ich das ansprach, wurde ich aber sowohl von den Feuerwehrleuten, als auch von dem Herrn von der Kripo zurückgehalten. So aber ich stand da, starrte ins Feuer und fühlte mich einfach nur hundeelend.

Es mag komisch klingen, aber in dieser verfahrenen Situation kamen Erinnerungen in mir hoch, Erinnerungen daran, wie wir das Haus das erste Mal gesehen haben, Erinnerungen an Familienfeste, an Ereignisse aus dem Leben meiner Kinder, an den Umbau, den Ausbau, das Unterschreiben des Kaufvertrages. Es zog wie ein Film an mir vorbei und ich stand da, starrte in die Flammen und weinte. Auch jetzt in diesem Moment, wo ich das niederschreibe, muss ich wieder weinen. Ich weiß nicht, ob ich das jemals restlos verarbeiten werde. Ich weiß aber auch nicht, ob ich das wirklich will. Es ist ein Ereignis, das zu meinem Leben dazugehört. Ich wünschte mir nur, dass die Träume ausbleiben, dass ich nicht gleich in Panik verfalle, wenn ich Rauch rieche. Ich wünschte, dass ich vorbehaltlos an dieses Haus und alles, was damit zusammenhängt, denken kann.

Vor allem aber wünschte ich mir, dass derjenige, der uns dieses angetan hat, dass der Brandstifter dieses Hauses gefasst wird und dass er endlich gesteht, dass er mir und meinen Kindern erklärt, weshalb er das getan hat, weshalb er meinen Kindern einen Teil ihres Lebens genommen hat. Ich wünsche mir, dass er dafür bestraft wird. Nein, ich hege keinen Hass gegen ihn, aber ich verstehe es einfach nicht. Und wieder ist da diese Leere, diese Hilflosigkeit. Wann wird das enden?

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Hörbuch

Über den Autor

Chrissy55
Es fällt mir nicht leicht, etwas über mich zu schreiben. Also ganz kurz: 52 Jahre alt,glücklich geschieden, Mutter von drei Superkindern, Psychologisch-technische Assistentin - fühle mich viel jünger als ich bin. Noch Fragen, dann fragt ruhig, ich stehe jederzeit Rede und Antwort.

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glumpio Hausexplosion - Sehr packend geschrieben und ich hoffe auch
das die den jenigen schnappen der euch das angetan hat.


LG
Der Glump
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