Es ist so öde wie immer. Dieses ewige Einerlei! Selbst der tägliche Kontakt mit dem Staubwedel bringt niemanden in Rage. Vielleicht etwas Abwechslung. Einmal am Tage. Sonst aber steht sie einfach nur da. Hässlich ist sie, aber wertvoll! Am Fuße schmückt sie irgendein königliches Zeichen.
Sie soll der Rente von IHM eines Tages zugute sein. Sonst würde sie schon längst in irgendeiner Schublade schmachten. So aber soll sie sich zeigen dürfen, zeigen, dass sie etwas ist, auch wenn ihre Hässlichkeit eher an ein Sinnbild für Ohnmacht grenzt.
Vielleicht war der Töpfer nicht ganz bei Sinnen. Vielleicht hatte er einfach aufgegeben, ihrer Gestalt ein Sinnbild für Schönheit darzustellen. Sie scheint der Scheideweg von Kunst und Kitsch zu sein.
Die Vase kann sich nicht erinnern, je einer Blume Gesellschaft geleistet zu haben. Es steckt wohl der Teufel im Detail, dass noch niemand auf den Gedanken kam, die Vase je dazu verwenden zu wollen.
Wie sollte auch ein Pflänzchen Halt finden, wo die Öffnung doch statt nach oben nach vorne zeigt. Die Hoffnung daran hat die Vase längst begraben. Selbst Spinnen meiden den doch äußerst einladenden Schlund.
Staubflöckchen fliegen mühelos am glänzenden Porzellan hinab.
Fliegen …
Kein Stäubchen ziert die obere Kante.
Es ist, als umschlöße das hässliche
Gefäß ein eigenes Universum, gehemmt von allem Irdischen.
Neu und glänzend wie eh und je.
Natürlich gab es ein paar Lichtblicke im sonst öden Dasein. Erstaunlich, denn die hässliche Vase hat keine Augen. Und doch vermag sie zu sehen, zu empfinden. Aber zurück zum Gegenteil vom Einerlei. Da war zum Beispiel die Maus. Als sie sich in der Wohnung verirrte. Vielleicht aufgrund der Kälte draußen, wenn das Fenster offen steht und die frische Luft an glatten Oberflächen entlangstreift und mit der warmen Zimmerluft ein Tänzchen wagt. Die Maus wird gejagt, mit allen Mitteln, doch ist sie schlauer als man denkt. Und später, irgendwann, ging sie an die Schokolade.
Und wie wir alle wissen - wer an die Schokolade geht, dem das Schicksal Schnippchen dreht! - stürmte eine Hand zur Packung.
KLAPP – Schokolade und Maus flogen in den Ofen.
Fliegen …
Klappe zu – das war's! Süßes ist ungesund, heißt es.
Fliegen ...
Einfach mal fliegen...
Es wäre echt eine Erweiterung des eigenen Horizonts, wie es wäre,
wenn …
Wie die Fliegen, die die hässliche Vase umfliegen. Nicht um auf ihr zu landen, um sich zu putzen oder ihr Spiegelbild zu erhaschen. Nein, überall ja, aber nicht mittels der Vase. Wie hässlich muss man sein, sinniert die hässliche Vase, um von allen und jeglichen gemieden zu werden. Probleme gleiten einfach ab.
Dafür nimmt sie andere auf.
Die Wahrnehmung klappt hervorragend. Wie auch die Heimlichtuerei des Ehegatten. Er treibt ein zwielichtes Spiel mit seiner Gattin,scheint es.
Jedesmal, wenn der Mond seine volle Rundung komplettiert hat, mischt der Hausherr im diffusen Licht geheimnisvolle Ingredienzien.
Mit der Zeit der Wiederholungen schwinden jedoch die Mysterien.
Zurück bleibt eine Vision.
Seine Vision!
Vermengt mit gemurmelten Worten. Silberdisteltee. Botenstoff LABAS – zurück geht der Weg. Erbinformation, die die Zellen altern lässt. Überraschung, Schlaftee. Kichernde Laute, Und das alles im lauen Antlitz des hereinscheinenden Erdtrabanten. Morgens eine trinkende, von Gardinen umwehte Gestalt.
Die Gattin. Schönheitstrunk - heißt es sinngemäß definiert.
Doch wie bei der Maus scheint jedes Spiel ein Finale zu haben.
Wie die Gattin seinem Treiben auf die Schliche kam, ob sie ihn durchschaute,
wird unklar bleiben. Fakt ist, sie weist ihn in die Schranken mit schrillen Resonanzen, die selbst dickwandiges Glas zum Bersten bringen müsste.
Und die Vase erlebt alles glasurnah mit. Wie sie sich streiten, anschreien, miteinander debattieren – verbales Rangeln in höchster Güte.
Endlich mal etwas los!
Die hässliche Vase frohlockt vorsichtig. Zu arges Frohlocken bringt Sprünge, heißt es, also immer schön bedächtig. Derweil fliegen die Wörter nur so hin und her …
Fliegen …
Der Gatte stöhnt geradeaus:
„Es war doch nur zum Glück, zu deinem
Wie sollt ich wissen oder meinen
Dass dir der Sud zu Kopfe weht
Und Abkehr nun zur Frage steht …“
Die Gattin, jetzt auf hundertachtzig:
„Vergiften wolltest mich, du Schwein
Und ich, ich fall noch darauf rein
Und trink das Zeug so lange Zeit
Warum nur hab ich dich gefreit …“
So fliegen hin und her die Worte. Hässlich, schlingernd, knallend, Fetzen fallen zu Boden, Fragmente umschwirren den Raum.
Die hässliche Vase fühlt sich hin- und hergerissen. Dann herrscht plötzlich Ruhe. Die Gattin steht am Fenster und wirft Sachen hinaus. Seine Sachen. Kleider, Schuhe, Sachen – na eben alles, was ihm gehört – fliegt hinaus.
Fliegen …
Schon fühlt sich die hässliche Vase emporgerissen. Es gibt wohl doch keine Grenzen.
Ganz schnell geht es! Greifende Hand, umschmeichelnder Gardinenstoff, luftige Höhe, schwungvolles Schwingen -
Fliegen!
Ein luftiger Fön umschmeichelt die Eleganz des Augenblicks. Ehe das Trugbild der Freiheit schwindet und der freie Fall beginnt. Aber auch er heißt Fliegen. Losgelöst von allem was bisher. Mit einem fragwürdigen Ende. Aber wen interessiert DAS im Augenblick höchster Gefühle? Genießerischer Moment bis zu dem, was man weiß, aber nicht wahrhaben möchte - es ausklammert –
und eigentlich überhaupt nicht dran denkt. Warum auch – es gilt, den Augenblick zu genießen! Einfach nur genießen. Und was danach kommt?
Nun, das ist dann eben eine andere Geschichte …