Beschreibung
Eine Erzählung, grösstenteils autobiografisch, über eine Männerfreundschaft.
Günstlinge der Pacha Mama
Hans Volker Holler
Der Tag war bewölkt. Unter der Wolkendecke staute sich die Hitze und der Schweiß lief in kleinen Bächen über den Nacken und den Oberkörper, wo ihn der dünne Baumwollstoff des Shirts aufsaugte. Dazu kam, dass ich den leichten Staubmantel immer noch an hatte und mir selbst so diesen heißen Sommertag fast unerträglich machte. Das kalte Licht der Neonlampen in der Halle ließ die Umgebung diffus erscheinen und ich bemerkte fast nicht die Betriebsamkeit vor dem Counter. Ich stieß eine dicke Frau an und wurde gleichzeitig von einem Indio hinter mir angerempelt. Unwillkürlich berührte meine Hand die Stelle am Mantel, wo sich meine Geldbörse befand und auch meine Papiere untergebracht waren. Ich war beruhigt, als ich das warme Leder an meinen Fingerkuppen spürte, nahm meine Tasche auf und hielt nach einem Sitzplatz Ausschau. Zwischen meinen Fingern hielt ich das Kuvert, welches man mir gerade am Tresen der Braniff-Airlines übergeben hatte. Jetzt war es durch meine schwitzigen Hände an den Stellen feucht, die ich berührt hatte. Feucht und schwarz waren die Flecken die sich auf meinem Namen gebildet hatten, der auf dem Umschlag stand. Hans Herl, Braniff-Airlines, Flughafen Lima. So stand es dort. Hans Herl bin ich.
Die Nachricht war am Morgen des selben Tages in Quito aufgegeben worden. Bei der Rückbestätigung meines Weiterfluges hatte man mir das Kuvert am Schalter der Fluggesellschaft übergeben.
«Das fängt ja gut an», dachte ich, «so hatte ich mir unser Wiedersehen eigentlich nicht vorgestellt».
Ich erblickte beides fast gleichzeitig. Erst den freien Sitzplatz, als sich eine Indiofamilie mit einer Kinderschar erhob und dann in einer Entfernung von zirka dreißig Metern die großen Buchstaben der VIP-Lounge.
Nicht darüber nachdenkend ob ich nun in die Kategorie VIP gehöre, setzte ich mich in Richtung der Lounge in Bewegung. Sie versprach klimatisierten Aufenthalt und leidlich kalte Getränke. Vor dem Eingangsbereich stand ein Wachmann mit einem schweren 43er Colt aus argentinischer Fabrikation. Er schaute schläfrig auf als ich am ihm vorbeischritt und auf seine sich formulierende Frage, was ich hier in diesem Bereich wolle, gab ich nur die lapidare Antwort ohne meinen Schritt zu verlangsamen.
«Esta bien compadre, todo bien y tenga un buen dia.»
Und schon war ich an ihm vorbei.
Die Lounge lag im Halbdunkel und auch hier war es stickig und heiß. Ich schaute mich kurz um und ging zielstrebig auf die Bar zu.
Aus der Manteltasche holte ich das Telegramm hervor und öffnete es. In Großbuchstaben stand dort:
MUSS DRINGEND NACH MEXICO STOP SAMSTAG ZURÜCK STOP FÜR ABHOLUNG AM FLUGHAFEN Q IST GESORGT STOP T
Ich faltete das Papier zusammen und dachte an die vergangene Zeit. Dachte an die vergangenen drei Jahre, seit wir uns getrennt hatten. Nun führte uns der Zufall wieder zusammen, besser gesagt, fast wieder zusammen. Am Samstag also, in vier Tagen, würden wir uns gegenüber stehen. Eine Männerfreundschaft sollte neu belebt werden... oder vielleicht neu beginnen, unter günstigeren, besseren Vorzeichen.
Die Braniff- Stewardeß und jetzige Bardame in der Lounge fragte mich lächelnd nach meinen Wünschen. Ich sah sie an und grinste über das ganze Gesicht.
«Wollen Sie etwas trinken, Senor?»
Jetzt hatte sie die Frage unmissverständlich gestellt. Aber das provozierte mein Grinsen nur noch mehr.
«Ja, ein Bier bitte», gab ich dann doch endlich meine Bestellung auf.
Sie fixierte mich und in einem routinierten, entschuldigenden Tonfall versicherte sie mir,
dass die Klimaanlage gerade an diesem Morgen ganz plötzlich ausgefallen sei.
Ich erwiderte ihren Blick, verkniff es mir aber sarkastisch zu werden mit der Bemerkung, dass dieser Flughafen noch nie eine funktionierende Klimaanlage hatte.
Die junge Frau merkte, dass ich ihr nicht glaubte und verschwand ohne weitere Erklärungen durch eine Tür hinter dem Tresen.
*
Schon vor meinem Abflug aus Buenos Aires hatte ich mich auf das Wiedersehen mit Tomas eingestimmt. Mich beschlich eine ungewisse, keinesfalls bequeme Vorfreude. Ich fühlte mich wie jemand, der sich nach wochenlangen Zahnschmerzen auf den Besuch beim Dentisten freut.
Statt Milkshakes oder Fruchtsäften trank ich erneut Bier. Genau so, wie mein Freund und ich während der Zeit unserer Partnerschaft. Nach einigen Flaschen war mir dann, als ob wir uns wieder träfen, unsere Ausrüstung zusammen packten und nochmals in irgend einen Dschungel am Fuße der Anden eindrängen, um nach Gold zu suchen.
*
Das Mädchen brachte das Bier und schenkte ein Glas halb voll. Den Rest der Flasche stellte sie auf der Holztheke ab und bediente dann Gäste am anderen Ende der Bar. Es war sehr heiß in dem Raum. Doch gerade in dieser Hitze fühlte ich mich wohl. Sie erleichterte es mir, die Erinnerungen aufzufrischen. Ich brauchte nur die Augen zu schließen und schon hatte ich die ganze Umgebung wieder nah vor mir.
Die Siedlungen Guanay und Tipuani zogen an meinem geistigen Auge vorbei. Drückend-schwüle Abende in einer der vielen Tropenbars des bolivianischen Amazonastieflandes.
Einfache Bretterhütten ohne sanitäre Anlagen oder elektrisches Licht, Benzinlaternen und Kühlschränke, die mit Kerosin betrieben werden. Schmalzige Musik von mit Batterien betriebenen Plattenspielern. Biergelage, die uns den Schweiß der harten Tagesarbeit aus den Poren trieben. Raue Männergesellschaften bei denen Streitigkeiten mit den Fäusten, manchmal auch mit Messern ausgetragen wurden.
Wenn ein Abend besonders schön war, wir also besonders betrunken, ballerten wir mit den Polizei-38ern, die wir irgendwann gegen Whisky eingetauscht hatten, Löcher in das rostige Wellblechdach der Bar.
Die Eigentümer der Etablissements baten uns nach solchen Gelagen mit schöner Regelmäßigkeit zur Kasse. Oft überstiegen die Reparaturrechnungen den eigentlichen Zechbetrag. Hatten wir dann unseren Spaß gehabt oder das, was wir dafür hielten, stolperten wir, uns gegenseitig stützend, zurück zu unserem Lager. Über der Dschungelsiedlung schwebte noch am darauf folgenden Morgen unser Geruch wie Smog über der Großstadt. Männergeruch. Eine Mischung aus Bier und Bananenschnaps, Schweiß, Verdautem und Frauen. Zu dieser Zeit glaubten wir, dass dort, wo wir uns gerade befanden, der Nabel der Welt sei.
Tagsüber holten wir aus unserem Hügel am Fluss die goldhaltige Erde und schleppten sie zum Ufer. Dort schütteten wir sie auf die primitive, aus Brettern und Steinen gebaute Waschanlage.
Die Vormittage hindurch trugen, zogen oder hievten wir Sack um Sack zum Fluss. Die schwere Arbeit und die hohen Temperaturen ließen unsere Körper ausfließen, so schwitzten wir. Und die jeweils voraus gegangene Nacht forderte auch ihren Tribut. Gegen Mittag, wenn die Sonne am höchsten stand, fielen wir stets todmüde in unsere Hängematten im Schatten der oberhalb am Uferhang stehenden hohen Bäume.
Myriaden von Moskitos zerstachen Gesicht und Oberkörper wenn wir nachmittags unter der tiefer stehenden Sonne das Gold aus dem Quarzsand und -kies wuschen, der in der Waschanlage zurück geblieben war. Bis zu den Hüften im Flusswasser stehend schwenkten wir die batea, die hölzerne Goldwaschschüssel, bis es zu dunkeln begann.
Höchstens die Hälfte des Goldes, das wir in einem Tagewerk heraus wuschen, wollten wir versaufen. Jedenfalls hatten wir das irgendwann einmal so vereinbart und so hielten wir es auch.
Je länger wir jedoch arbeiteten und buddelten, um so unmöglicher wurde es, das Gold in Trinkgelagen und in den damit verbundenen Schadensersatzansprüchen auszugeben. Während wir die größeren Stücke und die Nuggets teilten und in unsere Flaschen füllten, schütteten wir den gelben Staub und die kleineren Partikel in winzige Papierumschläge, die Tomas in seinem Gürtel deponierte. Zwischen zwei Lederschichten hatte dieser über seine gesamte Länge eine Art imprägniertes Geheimfach. Der Gürtel war bald so voll und so schwer, dass ich meinen Freund manchmal scherzhaft «El Dorado» nannte, was soviel bedeutet wie "Der Vergoldete". Nie redeten wir über unseren verhältnismäßigen Reichtum, nie über Geld. Auch schienen wir kein Bedürfnis zu haben über etwaige Pläne, über das Danach zu sprechen. Für uns zählte nur das Heute, und davon auch nur das Moment.
Trotz unserer nächtlichen Eskapaden arbeiteten wir kontinuierlich ohne uns um Sonntage oder Feiertage zu kümmern. Wir aßen nicht viel, eine Mahlzeit am
Tag reichte uns.
Es war stets die, die wir in der Siedlung zu uns nahmen. Und es war fast immer das selbe.
Lomo a lo pobre ist eine gebratene Fleischschnitte, vorzugsweise vom Filet oder der Hüfte des Rindes, die mit zwei Spiegeleiern, Reis und gebackenen Bananen serviert wird. Nicht zu vergessen, das picante. Das ist eine scharfe Soße, bei der die kleinen, roten Pfefferschoten, hier Locotos genannt, mit feingehackten Tomaten, Zwiebeln und Olivenöl vermischt werden. Das Rezept schien Luzifers Chefkoch persönlich erfunden zu haben. Tagsüber aßen wir die Früchte der Region wie Papayas, Mangos, Avokados und Bananen. Als eiserne Reserve hatten wir noch ein paar Konserven mit Fleisch und Bohnen. Die rührten wir aber aus Bequemlichkeit nie an.
Wenn wir dann abends nach Einbruch der Dunkelheit die Nuggets, die kleinen Goldstücke und die noch feineren Goldschuppen auf der Federwaage teilten, waren wir ganz still. Heute fällt mir auf, dass keiner von uns je ein Wort sagte oder auch nur eine Bemerkung machte wie «heute war ein guter Tag» oder Ähnliches. Jeder füllte nur seinen hälftigen Anteil in eine Flasche und verschloss sie.
Abwechselnd gingen wir danach in den angrenzenden Dschungel, um die kostbaren Behältnisse zu verstecken. Derjenige, der warten musste, blieb nahe am Lagerfeuer. Seine Schemen waren für den anderen noch nach vielen Metern sichtbar, er selbst aber vom Grün des Dschungels und der Dämmerung verschluckt, um den Anteil in Ruhe an irgend einer, nur ihm bekannten Stelle zu verbergen. Dann verfuhren wir umgekehrt. Tagsüber vermieden wir in den Teil des Busches zu gehen, den der andere am Abend vorher aufgesucht hatte, um ein geeignetes Versteck zu finden. Das Ganze hatte mit Misstrauen nichts zu tun. Es war ein stillschweigendes Übereinkommen, das von uns beiden als Sicherheitsstandard respektiert wurde. Nicht selten wurden die Lager der Goldsucher überfallen und diese dann ausgeraubt. Gegen uns beide hätte man keine allzu große Chancen gehabt; wir fühlten uns gemeinsam einfach zu stark und unsere Waffen waren beeindruckend. Neben den 38ern hatten wir auch noch eine Schrotflinte, die wir mit selbst hergestellter Munition bestückten. Alleine damit hätten wir einen Panzer aufhalten können, so unsere felsenfeste Überzeugung.
Hätte mich Tomas damals um meinen Anteil gebeten, ich hätte ihn ihm gegeben, ohne auch nur nach dem Grund zu fragen. Ich bin ganz sicher, umgekehrt wäre es genau so gewesen. Einmal, als wir noch ganz am Anfang unserer gemeinsamen Buddelei standen und noch nicht mehr als ein oder zwei Gramm täglich herauswuschen, schworen wir uns gegenseitig zu helfen mit der jeweiligen Hälfte des anderen, sollte dessen Gold gestohlen werden oder anderweitig abhanden käme. Nie mehr danach wurde darüber geredet.
*
«Noch ein Bier, Senor?»
Das Barmädchen schaute mich fragend an.
«Braniff übernimmt die Kosten des Verzehrs in der Lounge.»
Ich war überrascht. Als sie weitersprach wusste ich, dass ich noch einen längeren Aufenthalt im heißen Lima hatte.
«Übrigens hat die Maschine nach Miami, mit der sie nach Quito fliegen, etwa zwei Stunden Verspätung.»
Mit ihrem schmalen Kinn wies sie in eine der hinteren Ecken des Raumes.
«Es ist ein kaltes Buffet angerichtet. Sie können sich bedienen.»
Mit schlanken Fingern begann sie an der Theke, mir direkt gegenüber, Servietten zu falten. Es waren genau diese Servietten, die ich abgrundtief hasse. Diese kleinen einlagigen Papierquadrate, die einem gar keine Chance lassen die Finger auch nur annähernd sauber zu halten. Trotzdem griff ich zu und versuchte, meine schweißnassen Hände damit zu trocknen. Außer dass sich ein dreckiger, nasser Film auf dem Papier bildete, hatte ich nichts erreicht. Die Finger blieben feucht und schmutzig, wie sollte es auch anders sein?
«Hunger habe ich keinen. Aber noch Durst! Bringen sie mir doch bitte noch ein Bier!»
Ich schaute auf, direkt in ihre braunen Augen.
«Und sagen sie dem Mister Braniff ein Dankeschön in meinem Namen.»
Sie erwiderte zum ersten Mal mein Lächeln und alles Professionelle war aus ihren Zügen verschwunden. Aus ihrem Dialekt hörte ich heraus, dass sie eine Limeña war, eines dieser vielen hübschen Mädchen aus der Hauptstadt Perus.
«Eigentlich ist es schade», dachte ich bei mir, «eine so anziehende Figur in ein klassisches Out-fit wie das einer Uniform zu verpacken.»
Wenigstens ein Ausschnitt hätte mich animiert, ein längeres Gespräch mit ihr zu beginnen... aber so!? Nicht einmal ihre Beine konnte ich wegen des Baraufbaus sehen. Ich begnügte mich damit, ihr in die Augen zu schauen und sie anzulächeln.
Schade dass sich die Lounge langsam füllte; wohl der kostenlosen Getränke wegen. Die Stewardess ließ mich alleine und bediente Neuankömmlinge an den Tischen im Halbdunkel. Eine Weile beobachtete ich sie dabei.
Es schien noch heißer geworden zu sein. Zu der Hitze kam, dass sich die Luft in dem nun fast vollen Raum nicht zu bewegen schien.
Trotz der Verspätung der Maschine nach Miami waren die meisten Gäste in einer für mich unverständlichen Eile. Dieses Phänomen kann man in allen Flughäfen dieser Welt gleichermaßen beobachten.
Ich wischte mit der Hand über das kalte, beschlagene Bierglas und trank in kleinen Schlucken. So wie damals mit Tomas, in den Bars im Goldgräberland.
*
Meist gab es in den Bretterbuden wegen der zerstörerischen Nächte keine vernünftigen Gläser. Oft klebten noch die Etiketten von Senf oder Marmelade auf unseren Trinkgefäßen. Uns war es gleichgültig und ein kleines bisschen amüsierte es auch.
Die Bierflaschen wurden eiskalt serviert. Das meine ich wörtlich. Ein Pfropfen aus gefrorenem Bier verstopfte nicht selten den Flaschenhals. Wir legten unsere Hände drumherum und brachten das Hindernis so zum schmelzen. Höchstens zwei Finger breit füllten wir die Gläser, warteten kurz bis sich der wenige Schaum gesetzt hatte, tauchten dann den Zeigefinger in das Bier und opferten der pacha mama, indem wir die Flüssigkeit auf den festgestampften Lehmboden der Bar tropfen ließen. Alle barranquilleros, so werden die freien Goldsucher genannt, erhoffen sich dabei, dass ihnen die Erdgöttin die Stelle zeigt, wo die goldführende Ader verläuft.
Die anderen barranquilleros hatten sich an uns, die Fremden, gewöhnt, an die animales, wie sie uns nannten. Zu diesem Namen kamen wir, als Tomas eines abends, wir waren mal wieder völlig betrunken, in einer dieser Bars gerufen hatte.
«Senorita, noch eine Runde auf die Rechnung der animales....»
Statt alemanes, der Deutschen, hatte er ein paar Buchstaben durcheinander geworfen. Durch diesen Versprecher wurden aus uns los animales - die Tiere!
Unser Ruf als standfeste Trinker öffnete uns die Kreise an den Tischen der zechfreudigen aber weniger alkoholgewohnten Einheimischen. Oft waren Tomas und ich noch nicht richtig berauscht, wenn unsere Saufkumpane um uns herum schon auf ihren Bänken und Stühlen eingeschlafen waren. Fast immer verschwand dann einer von uns zu dieser späten Stunde, um in irgend einer Bananenplantage oder bei weniger gutem Wetter in einem stickigen Bretterverschlag zu vögeln. In den meisten Fällen kannten wir noch nicht einmal die Namen der Frauen und Mädchen die uns die entspannende Gesellschaft leisteten. Schnell hatten wir neben dem zweifelhaften Ruf in der Männerwelt ein paralleles Image bei den Frauen aufgebaut. Da wir bei den Gelagen mit unserem Gold nicht geizten, waren in unseren Runden auch immer einige Mädchen, die dem ältesten Gewerbe nachgingen. Stadtbekannte Huren, wie sie in jedem Goldgräbernest anzutreffen sind, halfen uns, die Verabredungen mit den ehrenwerten Damen zu machen, auf die wir ein Auge geworfen hatten.
Selbst uns wurde nach kurzer Zeit klar, dass wir die Ehefrauen und Töchter unserer Zechkumpanen fickten, während diese ihren durch uns mitfinanzierten Rausch ausschliefen. Wir scherten uns den Teufel drum!
In jenen Tagen hatte jeder von uns schon so an die drei Kilo Gold in der Flasche. Aber wie schon erwähnt, wir sprachen nie darüber.
Am Anfang war das alles nur ein Spaß für uns.
Dann, es ist schwer im Nachhinein den exakten Zeitpunkt dafür zu bestimmen, wurde aus diesem in-der-Erde-graben wie zu einem Fieber. Das Abenteuer, das uns ein sorgloses, verrücktes Leben erlaubte, trat immer mehr in den Hintergrund. Es wurde verdrängt von einem unbekannten Faktor, der nur sehr schwer zu beschreiben ist. War es uns doch nie nur um das Gold gegangen, nie darum, reich zu werden oder materielle Werte zu schaffen. Trotzdem hatte es uns, ganz besonders mich, dann doch gepackt. Von diesem Fieber, das mehr einer Gemütskrankheit ähnelt, wurde ich geschüttelt und total vereinnahmt. Tomas beobachtete mich manchmal müde lächelnd, sagte jedoch nichts, erwähnte mit keinem Wort seine Beobachtungen an mir und an meiner Seele. Ganz im Gegenteil. Er ließ sich von meiner Psychose anstecken. Es wurde, wie soll ich es anders erklären, plötzlich wie ein Zwang zum Machen! Es stand nicht mehr die Buddelei und die Ausbeute im Vordergrund.
Mit einem Male war der Aspekt der Masse wichtig. Schleppten wir zu Beginn unserer Arbeit jeder etwa sechs Säcke mit der goldhaltigen Erde zur Waschanlage, waren es während dieser Krankheit fast zwanzig. Wenn Tomas sich ausruhen wollte, fuhr ich ihn ziemlich ruppig an, er solle sich wie ein Partner verhalten und auch so viel arbeiten wie ich es tat. Dabei sah er mich nur an und lächelte, schüttelte verständnislos den Kopf und tat seinen Teil. Dass mein Freund zu diesem Zeitpunkt schon eine Krankheit ausbrütete, konnte ich nicht ahnen. Nicht einmal er selbst hat es ja gewusst. Mit keinem Ton erwähnte er, dass es ihm schlecht ginge oder dass ihm die Arbeit schwer fiele. Direkt am Flussufer entfachten wir ein großes Feuer und wuschen in dessen Schein bis tief in die Nacht das Gold aus dem Quarzsand. Verärgert über das scheinbare Desinteresse meines Freundes entging uns, davon war ich felsenfest überzeugt, ein großer Teil des wertvollen Metalls.
Dann, ganz unvorbereitet für mich, kam der Zusammenbruch! Der meiner Psyche und der des Körper meines Freundes.
Es begann an einem frühen Morgen.
Tomas stand einfach nicht mehr auf. Er lag in seiner Hängematte und schien mich zu beobachten. als ich mich über ihn beugte, sah ich die blutig gebissenen Lippen und die schwarz umränderten Augen, die tief in den Höhlen lagen. Die blaue Iris und die dunkle Pupille glänzten fiebrig und ließen das drängende Feuer vermissen, das die Person meines Freundes mit ausmachte. Wie ein Fremder erschien er mir in diesem Moment.
Das letzte Logische, was ich an diesem Tag noch vollbrachte war, einen Arzt zu holen.
Auf dem Weg in die Siedlung schossen mir die merkwürdigsten Gedanken durch den Kopf; sie drehten sich um Tomas und mich.
So kam ich am Hause des Doktors an, den ich aus seinem Rausch aufwecken musste. Als sich der untersetzte, dickliche Arzt dann auch noch weigerte, mit mir zum Lager zu kommen und meinen Freund zu helfen, wurde ich fast bösartig. In meiner Rage zog ich ihn ganz dicht an mich heran wobei ich ihm das fleckige, ehemals weiße Unterhemd zerriss.
«Mein Freund braucht deine Hilfe- du bist Arzt und kommst jetzt mit mir mit zu unserem Lager!» knurrte ich, bereit, ihn auf der Stelle umzubringen.
Ich hatte langsam und drohend gesprochen und das gab wohl den Ausschlag für den Sinneswandel des Arztes. Gemeinsam machten wir uns auf den zirka zwanzigminütigen Weg zu Tomas.
Nach einer kurzen Untersuchung diagnostizierte der Doktor einen schweren Malariaanfall und dass der Patient dringend in ein Krankenhaus müsse.
Als der Medikus ausgeredet hatte, begann ich zu fluchen. Ich schrie meinen Freund an.
«Du Schwein hast nur keine Lust zu arbeiten... Wie stellst du dir das jetzt vor mit uns du kleiner Wichser..»
Ich benutzte alle geläufigen und weniger bekannten Fäkalausdrücke der deutschen und spanischen Sprache. Tomas hörte sich das alles mit geschlossenen Augen an.
Während ich mich in eine mir heute unverständliche Wut hineinsteigerte, holte ich zu guter Letzt unseren Revolver hervor, der uns gegen eventuelle Überfälle schützen sollte. Als ich damit auf Tomas zielte, ihn anfuhr, er solle sich gefälligst auf die Beine machen, verlor der Arzt die Nerven und floh aus unserem Camp. Ich habe ihm wohl noch irgend etwas nachgeschrieen.
Dann verstieg ich mich in die Idee, mein Freund wolle die Partnerschaft aufkündigen mit seinem Verhalten und versuche nun, mich auf irgend eine Art zu hintergehen.
Klares Denken war mir unmöglich und wirre Panik erfasste mich. Ich erinnere mich daran, dass ich in der ersten Stunde nach dem Verschwinden des Arztes verschiedene Male in den Busch rannte, meine Flasche mit dem Gold aus dem Versteck holte und sie erneut an einer anderen Stelle verbarg. Angst verbreitete sich in meinem Inneren bei dem Gedanken, mein Freund hätte mich beim Verstecken beobachtet. Wie irre und mit Angstschweiß verklebt hastete ich zum Lager zurück. Mein Partner lag jedoch wie zuvor in der Hängematte, stöhnend und fiebernd.
«Verstell dich nicht», schrie ich ihn an «ich habe dich gesehen, wie du mir gefolgt bist und wie du mich beobachtet hast!»
Ich wollte so seine Reaktion prüfen, doch die war gleich Null.
Erneut bedrohte ich ihn mit der Waffe, schwor, ihn abzuknallen, falls er auch nur in die Richtung schaue, in die ich jetzt verschwinden würde. Sein Stöhnen und das kranke Aussehen ließen mich kalt. Heute weiß ich, dass er von all dem nichts mitbekommen haben konnte.
Wieder verschwand ich im Busch, um das Gold erneut zu verstecken. Tief drang ich in den dichten Dschungel ein. Mit der rechten Hand führte ich die Machete, mit der linken hielt ich die Flasche mit meinem Schatz. Als hinter mir Zweige knackten, ließ ich das Buschmesser fallen und zog den schweren 38er aus dem Bund meiner Jeans. Auf gut Glück rief ich Tomas an und feuerte, als ich keine Antwort bekam, zwei Schüsse ins Unterholz. Er solle sich endlich stellen, schrie ich, wartete einen Augenblick und hastete dann weiter.
Ich rannte in Bereiche des Urwaldes, in denen ich vorher noch nicht gewesen war. Trotzdem hetzte ich weiter. Beim Schlag gegen einen kleinen Ast verschätzte ich mich. Die Machete sauste hindurch und knallte mit voller Wucht gegen einen darunter liegenden Ast, prallte ab und schlug gegen die Flasche. Mit einem Geräusch, ähnlich dem entweichenden Vakuums, zerplatzte das Glas. Das Gold und die Scherben fielen auf den Waldboden. Ein Zittern durchlief meinen Körper und ich begann zu weinen.
Ich spürte, wie mir die Tränen über die Wangen liefen und schmeckte deren Salz auf der Zunge.
Als ich in unserem Lager ankam, dunkelte es bereits. Tomas war nicht mehr in seiner Hängematte und auch sonst nirgends zu finden. Obwohl meine unerklärliche Wut nun verraucht war, blieb, gerade jetzt, ein Rest des vormittags verspürten Misstrauens. Die ganze Situation erschien mehr als seltsam. Nach kurzem Überlegen lud ich den Revolver nach und legte mich in meine Hängematte. Mit der Waffe auf der Brust schlief ich ein.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel und der 38er lag unter mir auf dem Erdboden als ich erwachte. Gleich dem vergangenen Abend war Tomas Hängematte leer. Ich begann nun endlich, mir Sorgen um ihn zu machen. Ich lief die Strecke bis Tipuani. Mir schien, als ob sich etwas verändert hätte, obwohl mich die wenigen Leute, denen ich unterwegs begegnete, wie gewohnt grüßten. Das Haus des Doktors war verlassen als ich es erreichte. Ich klopfte gegen die der Straße zugewandten Fenster. In der Bretterbehausung rührte sich nichts. Aus der gegenüber liegenden Bar klang Musik zu mir herüber. Javier Soliz, ein mexikanischer Schauspieler und Liedermacher, sang auf einer wohl schon recht ramponierten Platte ein Lied, das von Freundschaft, Verrat und Tod erzählte. Die Schwermut des Gesangstückes wurde noch unterstrichen von den schwachen Batterien die es nicht mehr so ganz schafften, die erforderliche Umdrehungszahl des Plattentellers zu erreichen.
In den Rahmen der Tür trat die Hure Maria und blinzelte in die Sonne. Zögerlich begann sie auf meine drängenden Fragen hin zu berichten, was sich in meiner Abwesenheit ereignet hatte.
Am Nachmittag des gestrigen Tages war Tomas auf den Weg nach La Paz geschafft worden. Entgegen der vorschnellen ärztlichen Diagnose hatte es sich nicht um eine Malariainfektion gehandelt. Tomas war an Gelbfieber erkrankt, wie sich nach einer gründlicheren Untersuchung herausstellte. Diese Krankheit konnte aber wegen der schlechten medikamentösen Versorgung in der Region hier nicht behandelt werden. Nach der Schilderung des Doktors über seine Erlebnisse bei uns im Camp sind Maria und eine Freundin zum Lager gelaufen. Sie beide hatten Tomas, der seiner Sinne nicht mehr mächtig war, in den Ort geschleppt und ihm auf einem Lastwasen, der nach La Paz fahren sollte, ein provisorisches Krankenbett hergerichtet. Nach Anraten des Mediziners brauchte mein Freund unbedingt Infusionen. Die konnte er, ein wenig Glück vorausgesetzt, schon im Behelfskrankenhaus von Caranavi bekommen. Knappe zweihundert Kilometer waren das von hier aus. Staubige und tückische Buschpiste. Die Gefahr, den Transport oder die Nacht nicht zu überleben, war für Tomas sehr groß. Der Flüssigkeitsverslust durch das hohe Fieber, den sich einstellenden Durchfall und das einsetzende Erbrechen war schon zu hoch. Alleine durch normale Wassergaben konnte in seinem Körper kein Ausgleich mehr geschaffen werden.
So in etwa lautete Marias Kurzbericht. Ich glaube dass sie bemerkte, dass ich mich in meiner Haut nicht wohl fühlte und dass ich in diesem Moment nicht alleine sein wollte. Ich bat Maria, wie schon so oft mit Tomas zusammen, mir beim Trinken Gesellschaft zu leisten. Ich musste mit jemandem reden. Sie blickte mich stumm an und nickte.
Ich bestellte Singani. Den hochprozentigen Traubenbrandy verdünnte ich mit Lemonensaft und reichte Maria ein Glas.
Auf die Frage ob Tomas etwas mitgenommen hätte, ein Bündel, eine Flasche oder Ähnliches, verneinte die Frau mir gegenüber. Sie hatte ihn mit ihrer Freundin so, wie er dalag, aus der Matte genommen und dann, wie erwähnt, zur Siedlung gebracht.
Auf dem Plattenteller drehte sich immer noch die Scheibe des Mexikaners, der sich über ihm widerfahrenes Leid und die Ungerechtigkeiten des Lebens beklagte.
Dann begann ich zu trinken. Sehr viel und sehr schnell zu trinken...
Drei Tage hielt ich mich in der Bar auf. Maria war die meiste Zeit an meiner Seite, manchmal auch eine ihrer Freundinnen. Ich erinnere mich auch noch, dass andere Leute, die meisten kannte ich, an meinem Tisch gesessen haben. Alle hielt ich zu einem Toast auf Tomas an. Die Bekannten und auch die Fremden lud ich ein zu einem Drink, auf die Gesundheit meines Freundes.
Mit meiner Trunkenheit erschienen mir die Bemerkungen meiner Saufkumpane mit einem Male anzüglicher, kritischer, ordinärer, zotenhafter. Wie durch einen Nebel verwandelten sich die Gesichter in gemeine Fratzen, versöhnlich Gemeintes interpretierte ich als Anschuldigung. Dann, als ich glaubte die Worte "mieser Freund" zu hören, erhob ich mich mit trunkener Kraft und zog den Revolver aus dem Bund meiner Hose.
An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, es wurde dunkel um mich.
Irgendwann erwachte ich mit schrecklichen Kopfschmerzen.
Durch den mit einem Vorhang abgetrennten Durchgang in der fremden Bambushütte hörte ich Marias Stimme und das Lachen eines Kindes. Ich muss wohl gestöhnt haben, denn der Vorhang wurde zur Seite geschoben und Maria kam herein. Das kleine Mädchen an ihrer Hand stellte sie mir als ihre Tochter vor. Ungeschminkt hatte ich die Frau noch nie gesehen. Trotz der mörderischen Kopfschmerzen stellte ich fest, dass Maria hübsch war. Sie war eine Kreolin mit langen Beinen und überaus allen Attributen der Weiblichkeit. Unwillkürlich musste ich grinsen. Das Hämmern und Pochen in meinem Schädel verstärkte sich dadurch allerdings noch mehr.
Maria konnte sich das Lachen nicht verkneifen als sie mir gestand dass genau da, wo ich mir den Kopf jetzt hielt, der Schlag mit der halbvollen Brandyflasche gesessen hatte.
Nach und nach kamen die Erinnerungen wieder und ich ließ mich nachdenklich in das Kissen zurück sinken.
*
«Ich fliege nur, wenn sie auch mitfliegen, alleine habe ich immer so schreckliche Angst.» Das war meine Antwort auf den Aufruf durch die Lautsprecheranlage. Mein Flug sollte endlich in fünfundvierzig Minuten abgefertigt werden. Als erwartete ich eine Antwort, schaute ich der Stewardess in die braunen Augen. Zugegeben, das war nicht die originellste Anmache. Für mein Gegenüber aber Anlass genug, sich nahe zu mir herüber zu beugen.
«Ganz sicher bin ich mit an Bord. Als ihre ganz persönliche Flugbegleiterin bis Quito», vertraute sie mir lächelnd an. Dann erfuhr ich den wahren Grund. Erst in Bogota würde ihr Dienst beginnen. Dort sollte sie für eine erkrankte Kollegin einspringen.
Mit einem leeren Glas prostete sie mir scherzhaft zu und blinzelte mit dem linken Augenlid.
*
Zur Vervollständigung der Geschichte muss ich noch einmal von Maria erzählen.
Ihr Vater ist Eigentümer einer kleinen Finca, einer Farm also, die mit etwa zehr Hektar Kakaobäumen bepflanzt ist. Das Anwesen liegt ungefähr vierzig Kilometer östlich von Tipuani. Durch eine Krankheit des alten Mannes verkam jedoch das Stückchen Land. Maria wurde zur Hure, um das Geld zum Überleben für die Tochter, den Vater und für sich zu verdienen. Und dort, wo das Geld am lockersten sitzt, ist eben das Land der barranquilleros.
Seit dem Tag, an dem wir in der Bar zusammen saßen und sie mich vor noch größeren Dummheiten bewahrte, waren wir so etwas wie ein Paar. Ich holte, ohne jemandem gegenüber etwas zu erwähnen, meine Goldflasche aus dem Versteck. Damit konnten wir uns einen neuen behutsamen Start leisten in ein neues Leben. Marias Tochter besuchte eine Grundschule, die Dank einer Spende eines Unbekannten gebaut werden konnte. Die Schule trug den Namen «Los Animales».
Maria hatte sich seinerzeit mit Vehemenz für diesen nicht alltäglichen Namen eingesetzt.
Die Plantage ihres Vaters produzierte wieder Kakaonüsse, wobei zwei Hilfskräfte für einen planvollen Ernte- und Pflegeeinsatz sorgten. Marias kleine Tochter nannte mich Papa, und manchmal saß ich mit meinem Schwiegervater in spe vor der Hütte und trank Mangomilch oder Bananenshakes.
Es ist gerade erst eine Woche her, dass er mich fragte, ob ich die Geschichte meiner Landsleute kennen würde, die eine Tagesreise von hier gelebt hätten. Dabei hat er, glaube ich, mit den Augen gezwinkert. Weder Maria noch ich haben dieses Thema je angeschnitten. Für einen Augenblick schienen sich die trüben Augen des alten Mannes neu zu beleben.
Er fragte unvermittelt: «Wer soll eigentlich die Patenschaft für das Kind übernehmen, das Maria unter dem Herzen trägt und in Kürze zur Welt kommt?» Ohne eine Antwort abzuwarten und vollkommen übergangslos begann er, seine eigene Geschichte zu erzählen.
Anfang der fünfziger Jahre kam er mit einer Gruppe junger Leute hier in dieses Gebiet. Es waren keine Straßen vorhanden und der ganze Verkehr wurde über den Fluss abgewickelt. Sie gaben diesem Niemandsland einen Namen, Eldorado. Erst im Zuge der vielen Land- und Bodenreformen erhielt sie von irgend einer der genau so zahlreichen Regierungen in La Paz den heutigen Namen: Alto Beni.
Während des Erzählens merkte ich, dass dieser Mann mir gegenüber dieses Land mit geprägt hatte, dass Männer wie er diesem Dschungel ihren Willen aufgedrückt haben.
Er war einer der ersten, die dieses Land für sich beanspruchten. Mit eigenen Händen und dem Preis der Gesundheit urbanisierten diese Menschen ihr Stückchen Erde und machten es bewohnbar.
Er erzählte von seinen drei Frauen und der Einsamkeit, seit dem Tod von Marias Mutter. Sie war damals gerade zehn Jahre alt. Die drei ältesten Söhne waren schon lange zuvor in die Stadt gezogen und hatten sich nie wieder sehen lassen bei ihm.
Bis zum Tod seiner dritten Frau war er einer dieser barranquilleros gewesen, die auf der Suche nach dem, was sie "la suerte" nennen, die Erde durchwühlen. Als er sich dann um seine kleine Tochter alleine kümmern musste, fing er an, das Land zu bebauen. Eine kleine Bambushütte zuerst, dann der Gemüsegarten, die Bananenstauden. Später kamen ein paar Hühner hinzu. Seit acht Jahren hatte er die Plantage. Schon über Jahre standen die Kakaopreise verhältnismäßig gut und die Ernten hätten ein gutes Auskommen gesichert, wenn die Jahre am Wasser und die hohe Luftfeuchtigkeit nicht langsam zum Verfall seines Körpers geführt hätten. Dabei zeigte er auf seine wie verkrüppelt aussehenden Hände und die deformierten Gelenke seiner Beine.
Gicht in ihrer schwersten Form und immer wiederkehrende Rheumaschübe mit fast unerträglichen Schmerzen hinderten ihn daran, auch nur die leichtesten Arbeiten zu verrichten.
So verbrachte er die Tage damit in der wärmenden Sonne zu sitzen. Sie verhieß Linderung der Schmerzen. Die nächste anstehende Regenzeit aber verfluchte er.
Als sich seine Erzählung dem Ende zuneigte, legte er besondere Betonung in seine Worte:
«Ich habe das Gold gesucht. Ja, ich habe auch ein wenig davon gefunden. Ich habe gesät und es sind mir die Pflanzen gewachsen. Das alles verdanke ich der pacha mama. Sie ist die Göttin dieses Landes. Eine der wenigen Götter, die nur Güte kennen.» Er lächelte jetzt fast.
«Sogar Humor hat sie. Mir ist sie in vielfältiger Weise begegnet.»
Sein verdorrter Zeigefinger wies von der Veranda über den angrenzenden Dschungel.
«Den Tieren gibt sie Schutz und Heimat, den campesinos lässt sie die Feldfrüchte wachsen und dem Abenteurer gibt sie von ihren Schätzen. Seien es nun Edelsteine oder etwa das Gold. Doch es sei Dir versichert», er machte eine kleine Pause, bevor er weiter sprach «es ist nicht der Mensch, der das Gold sucht. Umgekehrt ist es: Das Gold sucht den Menschen!»
Er schloss seine Augen; der Monolog schien ihn angestrengt zu haben. Auch mich beschlich eine wohltuende Müdigkeit. Aber nur ganz kurz. Mit einem Schlage erschien mir alles so einfach und klar. Ich sah auf und blickte in die Augen des alten Mannes.
«Ich werde zurück kommen», sagte ich unvermittelt.
Er nickte und ein Lächeln huschte über das runzelige Gesicht. Ohne dass wir das Thema berührt hätten, verstand er mich.
Danke alter Mann! Danke pacha mama!
Noch am gleichen Abend sprach ich mit Maria. Fast wunderte es mich, dass sie nicht versuchte, mich von meinen Plänen abzubringen. Nicht einmal Bedenken äußerte sie.
Bepackt mit einem Rucksack und der Hängematte verließ ich am frühen Morgen die Hütte und zog ein letztes Mal in den Dschungel im Nordwesten. Zu dieser Tageszeit hing über den hohen, dunkelgrünen Baumwipfeln noch weißer Nebel.
Knapp eine Woche später nahm ich Tomas Spur auf. Im Institut für Tropenkrankheiten in La Paz gab man mir nach einigem Hin und Her und einem Zwanzig-Dollar-Schein die benötigten Auskünfte. Im Minenministerium besorgte ich mir eine Ausfuhrgenehmigung für Edelmetalle, bevor ich den Flug nach Buenos Aires buchte. In einem kleinen Hotel im argentinischen Strandbad Punta del Este war ich am vorläufigen Ende meiner Nachforschungen.
Über die Auslandsauskunft erhielt ich die Telefonnummer von Tomas Vater, der als Rechtsanwalt in Hamburg tätig ist. Der Mann war nicht begeistert, als ich ihn gegen vier Uhr morgens weckte. Letztendlich rückte er aber mit der aktuellen Anschrift seines Sohnes heraus. Vor meinem Abflug nach Quito avisierte ich telegrafisch mein Kommen. Als Zwischenstopp brachte mich die Lineas Aereas Argentinas nach Lima.
*
«Gleich kommt der letzte Aufruf, Senor! Haben sie ihr Gepäck schon aufgegeben?»
Die hübsche Stewardess, die nun ja auch noch meine persönliche Flugbegleiterin war, drängte zum Aufbruch. Sie lächelte mich an, als sie die Bordtasche über die Schulter streifte.
«Ja, schon vor Stunden», bemerkte ich und rutschte vom Barhocker. Den leichten Staubmantel, der bis dahin über meinen Oberschenkeln lag, zog ich trotz der Hitze über und ordnete das verschwitzte T-Shirt, indem ich es wieder in den Bund der Jeans steckte.
«Also, dann nichts wie los! Sicher sind sie der letzte Passagier. Kommen sie mit mir durch die Sonderabfertigung für das Flugpersonal, Sie haben ja kein Handgepäck.»
Die junge Frau drehte sich um und ich folgte ihr zum Ausgang der Lounge.
Der wiegende Gang des Mädchens war, wie ich grienend feststellte, verschärfte Anmache. Meine Phantasie wurde erneut, diesmal jedoch in einer durchaus angenehmen Weise angeregt.
«Mensch Tomas, ich komme....», dachte ich noch, als ich hinter der Stewardess die Gangway emporstieg. Der Flug verlief angenehm. Plaudernd nebeneinander sitzend verging die Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes, wie im Fluge. Ab und zu erlaubte ich mir den Spaß die Hand meiner charmanten Reisebegleiterin, wie unbeabsichtigt, zu berühren. Aus ihrer Reaktion hoffte ich zu erkennen, wie weit ich gehen konnte und wie weit sie zu gehen bereit war. Sehr weit, war mein Schluss.
Doch zu kurz war die Zeit, die uns blieb. Sie kritzelte ihre Adresse und Telefonnummer aus Lima auf eine dieser kleinen, fiesen Servietten während ich versprach, bei der nächsten Gelegenheit anzurufen.
Nach zwei Stunden landete die Maschine auf dem ekuadorianischen Flughafen der Andenstadt Quito.
Hätte ich die Nachtmaschine genommen wäre mir verständlich geworden, warum sie den Beinamen trägt Der Diamant der Kordilleren.
Am Flughafen erwartete mich Liz. Eine rassige Mischung aus einer Quetschua-Indianerin und einem Weißen. Wir machten uns miteinander bekannt und ich ließ mich von ihrer unkomplizierten Fröhlichkeit anstecken. Obwohl ich am Ende meiner Reise war, war ich doch noch nicht am Ziel. Noch wusste ich nicht, wie mein Freund reagieren würde. Ob er mir mein Verhalten damals in Bolivien nachtragen würde? Obwohl ich versucht hatte, das alles zu verdrängen, musste ich ihn einfach aufsuchen. Ich musste reinen Tisch machen. Zudem war mir klar, dass ich es aus einem gewissen Egoismus heraus tat. Es wäre schwer für mich gewesen so zu tun, als ob nichts passiert wäre. Ich wollte Tomas um Verzeihung bitten.
Liz erzählte mir den Rest der Geschichte von Tomas, mit dem sie seit zwei Jahren gegenüber Quitos Stierkampfarena auf der Avenida Los Shyris zusammen lebte. Auf der kurzen Fahrt zu dem gemeinsamen Haus, ließ sie sich lachend die gemeinsame wilde Zeit, wie sie es nannte, bestätigen. Mir wurde dabei klar, dass Tomas mit keinem Wort die Umstände unserer Trennung erwähnt hatte. Laut Liz`s Aussagen hatte man Tomas zunächst in La Paz ins Generalhospital gebracht. Dort lag er fast eine Woche im Koma, dem Tod näher als dem Leben. Dann, als die Ärzte das Fieber unter Kontrolle hatten, wurde er ins Tropeninstitut zu weiteren Untersuchungen eingeliefert. Nach zahlreichen Untersuchungen, Blutentnahmen und Kontrollen entließ man ihn dort auf eigenen Wunsch. Der behandelnde Arzt riet ihm, zur Rekonvaleszenz einen Aufenthalt am Meer in Betracht zu ziehen und sich keinesfalls wieder dem tropischen Reizklima auszusetzen.
Tomas verkaufte in La Paz das Gold, das sich noch in seinem Gürtel befand und reiste in das argentinische Mar del Plata. Dort suchte er zur Sicherheit nochmals einen Arzt auf und erholte sich verhältnismäßig schnell.
Bei einer seiner täglichen Strandwanderungen lernte er Liz kennen, die für ihr Land eine Ausstellung des ekuadorianischen Inkagoldes organisierte. Tomas verliebte sich in die Frau und reiste mit ihr nach Quito, da er ohnehin kein festes Ziel und auch noch keine neuen Pläne hatte.
Obwohl Liz sich alle Mühe gab, verfloss die Zeit bis Tomas`s Rückkehr am Samstag zäh. Nichts konnte mich ablenken. Immer wieder stellte ich mir vor, wie unser Wiedersehen ablaufen könnte. Die Gedankensprünge ließen mich fast phantasieren. Obwohl ich verschiedene Male nachbohrte wusste Liz anscheinend tatsächlich nicht, warum mein Freund so kurz vor meiner Ankunft nach Mexiko geflogen war. Seine Entscheidung traf er, das wurde mir klar, nachdem er mein Telegramm aus Buenos Aires erhalten hatte. Ich dachte hin und ich überlegte her, konnte jedoch keine Erklärung für sein Verhalten finden.
Bis zum Freitag brachte ich täglich zwei Stunden in der ekuadorianischen Zentralbank zu. Abends von fünf bis um sieben hielt ich mich in einem öffentlichen Bereich des Kunstmuseums auf, für den Liz als Geschäftsführerin zuständig war. Sie nahm ihre Arbeit sehr ernst. Als ich aber zum x-ten Male die Lebens- und Familiengeschichte Atahualpas hörte, glaubte ich fast, dieser letzte Inka-König wäre ein älterer Bruder von mir gewesen. Die junge Frau konnte ununterbrochen referieren. Bestimmt ergänzte sie sich hervorragend mit meinem eher stillen Freund.
Dann endlich war es Samstag. Ich hatte schlecht geschlafen und Liz meinte, es läge sicherlich an der Höhenluft. Ich ließ sie in dem Glauben, dass die zweitausendsechshundert Höhenmeter meinen Schlaf beeinflusst haben könnten. Dass ich in La Paz, das ja bekanntlich auf über dreitausendsechshundert Metern Höhe liegt, nie Probleme hatte, verschwieg ich ihr.
Es wurde, den ganzen Vormittag über wollte ich es nicht glauben, tatsächlich sechzehn Uhr. In der Halle des Flughafengebäudes fiel mir spontan mein erstes Rendevouz ein und ich musste lächeln. Damals muss ich mich so ähnlich gefühlt haben.
Dann war es endlich soweit. Der gefürchtete und doch so herbeigesehnte Augenblick war gekommen.
Als Tomas uns sah winkte er kurz, schaute durch die Glasscheibe, die Ankömmlinge und Besucher trennte und verschwand gleich darauf in dem uneinsehbaren Abfertigungsraum des Zolls.
Wir standen uns gleich darauf gegenüber. Tomas war ruhig wie immer. Meine Aufgeregtheit versuchte ich mir nicht anmerken zu lassen. Wir gingen aufeinander zu und nahmen uns in die Arme. Kein Wort wurde dabei gesprochen, trotzdem schien es, als sei alles ausgesprochen worden in diesem Moment. Selbst Liz hatte ihren Schnabel gehalten und uns gewähren lassen. Der Pick-up parkte direkt am Eingang und wir stiegen ein.
«Wie ist Deine Reise gewesen?», wollte ich von Tomas wissen. Mein Freund lächelte nur als er sagte:
«Das besprechen wir bei einem Bier. Das, die vergangenen Zeiten, das Heute und das Morgen. Ok?»
Er sah mich an als er weiter sprach: «Wir haben viel Zeit, hoffe ich. Du hast doch Zeit mitgebracht.» Eigentlich wollte ich noch etwas sagen, hielt aber den Mund und Liz und Tomas unterhielten sich während der kurzen Strecke zur Avenida Los Shyris.
Ohne irgend etwas zu verschweigen erzählte ich Tomas, wie sich aus meiner Sicht die Dinge im Goldgräberland zugetragen hatte. Ich erzählte von meinen Bedenken, meinen Ängsten, wie ich mich fühlte und wie ich damals dachte. Schweigend hatte er sich alles angehört. Ich trank einen Schluck von meinem Bier, stand dann auf. In dem mir zugewiesenen Schlafzimmer öffnete ich den mitgebrachten Rucksack und kam mit einem länglichen Päckchen, das in zwei Handtücher eingeschlagen war, ins Wohnzimmer zurück. Während ich mich in den Sessel zurück rutschen ließ, legte ich das Bündel vor Tomas. Er besah es ohne es anzufassen, hob seinen Kopf und schaute mir direkt in die Augen. Wie auf ein geheimes Zeichen hin steckten wir fast gleichzeitig unsere Zeigefinger der rechten Hand in das vor uns stehende Bier, zogen sie dann heraus und ließen ein paar Tropfen auf den Teppichboden fallen.
«Trinken wir auf pacha mama» meinte Tomas und hob sein Glas.
«Auf pacha mama», erwiderte ich, Tomas dabei zuprostend.
Er schlug die Handtücher zurück und betrachtete lange die Flasche, die fast zu dreiviertel mit kleinen Nuggets und Goldschuppen gefüllt war. Auf dem Flaschenboden hatte sich gelber, glitzernder Staub abgesetzt.
«Du hast sie also gefunden! Du hast sie wirklich gefunden!» Als könne er es nicht glauben, wiederholte er sich. Mit der Hand strich er fast liebevoll über das Glas der Flasche, die all seine Erinnerungen zurückbrachte.
«Oft habe ich daran gedacht, das Gold selbst zu holen.» Er machte eine kleine Pause. «Doch dann hatte ich Angst, das Versteck leer zu finden. Das ganz allein war der Grund, warum ich nicht wieder zurück bin. Die Angst vor dem leeren Versteck.»
Er atmete tief durch.
«Ich dachte was wäre, wenn ich nach all der gemeinsamen Zeit hätte feststellen müssen, dass ich dir nicht hätte trauen dürfen!?»
Das Sprechen schien ihm schwer zu fallen. Er unterbrach sich nochmals.
«Hans, glaubst du mir wenn ich dir sage dass es mir nicht um das Gold ging? Lieber wollte ich darauf verzichten als mir eingestehen müssen, dass ich mich in dir getäuscht habe.» Pause.
«Jetzt schäme ich mich für meine Gedanken. Wirklich. Wahrscheinlich bin ich es gar nicht wert, dein Freund zu sein.»
Ohne uns anzusehen tranken wir von unserem Bier und schwiegen. Er wusste nicht, dass ich ähnlich zweifelnde Gedanken hatte, dass auch ich bis heute gelitten habe. Er ahnte nichts von meinen Selbstvorwürfen, wusste nicht, dass meine Seele wund war.
Ich merkte, dass mir leichter wurde, dass der Inkobus, dieser widerliche, zerstörerische Dämon, der Besitz von meinen Tagträumen ergriffen hatte und der meine Handlungen dirigierte, sich aus meinem Innersten verflüchtigte.
Tomas und ich sprachen uns aus. Wie nicht anders zu erwarten, verstanden wir uns auch dieses Mal. Nichts bedurfte großartiger Erklärungen. Das eben war es auch, was einen Großteil unserer Freundschaft ausmachte.
*
Es war nicht leicht, die Flasche zu finden.
Als ich unser ehemaliges Camp erreichte, stand die Sonne schon höher und ich versuchte im Schatten der hohen Bäume mein weiteres Vorgehen zu planen. Lange hielt ich mich mit Überlegungen aber nicht auf und suchte Meter um Meter den angrenzenden Waldboden des Dschungels ab. Ich besah mir das Wurzelwerk der Bäume; vielleicht war sie zwischen den über der Erde wachsenden Luftwurzeln versteckt? Mal stocherte ich mit der Machete mal hier mal da. Nichts! Schließlich erweiterte ich den Bereich meiner Suche, gab mir alle Mühe, ja nichts auszulassen oder zu übersehen. So verging der erste Tag als ich mich am Abend erschöpft aber keinesfalls entmutigt in die Hängematte legte. Lange fand ich keinen Schlaf. Fast war ich versucht, den Namen meines Freundes zu rufen, wurde mir doch der Irrwitz des von mir angestrengten Unterfangens bewusst.
Auch der zweite Tag verlief, wie der erste. Am Vormittag scheuchte ich unter einem vermodernden Baumstamm eine Korallenschlange auf und erschreckte mich vor der davonzüngelnden Viper. Nur ein paar Minuten später stocherte ich gedankenverloren mit der Machete in ein Wespennest. Glücklicherweise wurde mir vor dem Ausschwärmen das bedrohliche Summen der angriffslustigen Insekten bewusst. Ich lief, so schnell ich konnte, weiter in das Unterholz, bis ich an ein Rinnsal geriet, das uns während unserer Goldsuche als Trinkwasserreservoir diente und zirka zweihundert Meter weiter in den Hauptfluss mündete. So verging der erste Tag und als es zu dunkeln begann, wärmte ich eine der mitgebrachten Konserven über einem offenen Feuer und trank von dem klaren, kühlen Wasser des Bächleins. Über einen Felsvorsprung plätscherte das Wasser etwa achtzig Zentimeter tiefer auf die darunter liegenden Kiesel und pieselte dann munter dem Fluss entgegen.
Ab und zu nahm das fließende Wasser Blätter oder Holzstückchen mit, die auf der Oberfläche des kleinen Beckens schwammen. Dieses Becken war nicht größer als eine Waschschüssel. Ich schöpfte mit beiden Händen das kalte Nass und begann, Abendtoilette zu machen.
Auch in dieser Nacht fand ich nur wenig Schlaf.
Hundert Meter mal hundert Meter hatte ich schon abgesucht. Glaube nicht, lieber Leser, dass es sehr viele Möglichkeiten gäbe, etwas von der Größe einer Weinflasche zu verstecken, nur, weil man sich im Dschungel befindet. Abgesehen davon, dass mein Freund die Flasche eingegraben hätte - das konnte ich mir aber nicht vorstellen- gab es nicht viel, was als geeignetes Versteck infrage kommen konnte. Mein Blick streifte nach oben, bis hoch in die Baumkrone eines Urwaldriesen. Einen daraus resultierenden hoffnungsvollen Gedanken verwarf ich jedoch gleich. Nein! Der Schatz war hier ganz in der Nähe, ich konnte ihn mit einem Male förmlich spüren. Mir war, als wolle pacha mama Schabernack mit mir treiben. Im Geiste redete ich mit ihr und schlug ihr vor, das Spiel doch jetzt zu beenden, versprach ihr alles Mögliche und noch ein bisschen mehr! So vor mich hin phantasierend, nicht mehr wissend, wo ich weiter suchen sollte, nahm ich einige Kiesel vom Bachufer auf und warf sie gedankenverloren schräg in die Höhe. Sie platschten in eben dieses Wasserbecken das unterhalb der Felsnase lag. Plumpsend tauchten sie ein, teilten für einen Augenblick die aufschwimmenden Blätter und Holzstückchen und brachten Aufregung in eine Familie spinnenartiger Wasserläufer. Als ich gelangweilt einen etwas größeren Kiesel in eben dieses Wasser warf, hörte ich die Stimme von pacha mama! Es war der Klang eines Steines auf Glas. Stark gedämpft zwar durch das Wasser aber eben noch vernehmbar. Ich erhob mich nicht sofort sondern streckte mich auf dem Waldboden aus und lachte; leise zuerst, dann lauter und immer lauter. Gleich meinem Echo antwortete mir die grüne Unendlichkeit Amazoniens. Vögel schienen in mein Lachen einzufallen, und aus der Tiefe des Dschungels vernahm ich das Schreien einer Gruppe von Brüllaffen. Als ich mich wieder in der Gewalt hatte, schienen sogar die Insekten lauter zu grillen und zu zirpen als zuvor. Ich hatte einige Aufregung in das Reich der pacha mama gebracht!
Fast vierzig Zentimeter war das Becken tief, das sich im Laufe der Zeit durch das stetige Nachfließen des fallenden Wassers gebildet hatte. Bis zum Bizeps tauchte ich den Arm in die feuchte Kühle als meine Hand das glatte Glas berührte. Die Flasche war wegen ihres Gewichtes und der vergangenen beiden Jahre der Lagerung schon etwas eingesunken. Es schien, als wolle sich die Erdgöttin das zurück holen, was ihr einmal gehörte.
Liz starrte auf die Flasche und schien nicht zu glauben was sie da sah. Auch verstand sie wohl nicht, wovon wir redeten. Sie sah mich an, als ich meine Hand auf Tomas Schulter legte und sagte:
«Wenn mir ein alter, auf den Tod wartender Goldgräber nicht auf seine Art und Weise die Augen geöffnet hätte, läge die Flasche noch immer dort, wo du sie versteckt hattest und wo ich sie schließlich gefunden habe. Bei der Suche danach bin ich dir sehr nahe gewesen. Ich wusste, dass, wenn ich sie fände, der Tag der Abrechnung kommen würde. Tomas, ich schulde dir nicht mehr und nicht weniger als meine Freundschaft. Für mich soll dieses Treffen hier eine Art Rehabilitation sein. Das, was ich dir hier bringe ist kein Geschenk; es ist etwas, was dir so wie so gehört.»
Tomas blieb stumm. Ich hörte nur den Atem von Liz. Ich fühlte, wie ihr Gehirn arbeitete, merkte, dass hier etwas ihr Verständnis überstieg. Andererseits aber war es eine Situation, die nur Tomas und mich wirklich berührte. Um sie zu begreifen, hätte man sie als erfahrungswert selbst erleben müssen.
Schweigend tranken wir unser Bier und vergaßen dabei nicht, pacha mama zu danken. Und wieder kamen mir die Worte des alten Mannes aus dem Dschungel Boliviens in den Sinn: Das Gold sucht den Menschen - es ist niemals umgekehrt!
Liz legte eine Schallplatte auf. Sie wählte einen Titel von Javier Soliz, dem mexikanischen Sänger. Es war das selbe Lied, das ich an dem Tag in der Bar gehört hatte, als ich Tomas suchte. Ich bin ein Mensch, der nicht bedingungslos an einen Gott glauben will; doch an diesem Abend schien mir, als hätte sich ein Kreis in der Vorsehung meines ureigensten Schicksals geschlossen. Es wurde mir Gelegenheit gegeben von einem fahrenden Zug abzuspringen der mich unweigerlich dazu verdammt hätte, für immer und ewig sein Passagier zu sein - auf einer Strecke, die für alle Zeiten durch ein Fegefeuer geführt hätte.
Tomas erhob sich und kramte in seinem Seesack, der seit seiner Ankunft in einer Ecke des Wohnzimmers gestanden hatte. Er brachte ein Briefkuvert zum Vorschein, faltete es auseinander und öffnete es. Vorsichtig klopfte er mit dem Zeigefinger gegen den Rand des Umschlags und kam dabei ganz dicht an mich heran. Kleine, glitzernde, im vielen Farben punktierte Steine kullerten heraus und rutschten über die glatte Tischplatte.
«Opale», kommentierte Tomas emotionslos. Ohne ein Wort zu sagen sah ich ihn an und entdeckte das fordernde und wissende Feuer in seinen Augen. Mir stockte der Atem bei dem Gedanken daran, was jetzt kommen würde.
«Die verlassenen Minen liegen in der Sierra Madre, nordöstlich von Guadalajara in Mexiko. Nur ein paar einheimische campesinos arbeiten sporadisch in den von den Spaniern vor Jahrhunderten angelegten Stollen. Jetzt sind sie als unergiebig befunden worden und in Vergessenheit geraten.» Mein Freund hatte seinen Blick nicht von mir gelöst während er zu mir sprach. Meine Speichelproduktion war wie lahmgelegt und ich brauchte unbedingt schnell etwas zu trinken.
«Hast Du eine Landkarte hier von dem Gebiet? fragte ich, als ich mein Glas absetzte. Eine Frage, die ich mir hätte sparen können, weil ich die Antwort schon wusste.
«Hab auf der Rückreise im Flugzeug schon alles eingezeichnet. Eine Liste der Ausrüstung, die wir brauchen werden ist auch dabei.»
Er ging nochmals zum Seesack und kam mit einem braunen Din-A-4 Umschlag zurück, holte zwei engbeschriebene Blätter heraus und faltete sie auseinander. Dabei sagte er:
«Als ich Dein Telegramm erhielt erinnerte ich mich an ein Gespräch, das ich vor längerer Zeit mit einem Mexikaner hatte.» Er machte eine Pause, bevor er verschmitzt lächelnd den Satz vervollständigte: «Seitdem warte ich auf dich.»
Etwas Verstehendes zeichnete sich auf Liz Gesicht ab. Und der Anflug von Panik. Obwohl sie kein Deutsch verstand wurde ihr immer klarer, was da am Tisch vor sich ging.
«Ihr wollt doch nicht etwa...», wagte sie einzuwerfen, ließ den Satz dann aber doch offen.
Die Geburt meines Sohnes und die anschließende Taufe feierten wir in Bolivien. Liz begleitete uns. Sie verstand es als eine Zeit des Abschiednehmens. Und so verstand es auch Maria.
Ihr Vater meinte, man solle niemals weghören, wenn die pacha mama ruft.