Kapitel 9 Gestrandet
Eine Welle brach sich über ihm, ein letztes Mal geriet Aaren unter Wasser, schnappte nach Luft, als die Flut zurückwich. Er zwang sich dazu, aufzustehen und ein paar Schritte über den felsigen Strand zu machen. Weg vom Wasser. Dann gaben seine Beine endgültig nach.
Es war mittlerweile vollkommen Dunkel. Nur schwaches Mondlicht von zwei münzgroßen silbrigen Scheiben am Horizont spiegelte sich auf dem Wasser.
Eine Weile lang bewegte er sich gar
nicht. Dann setzte Aaren sich auf und sah hinaus auf das Quecksilber-farbene Meer. Das verletzte Bein hatte er von sich gestreckt, während er das Wasser absuchte. Er hoffte, irgendetwas oder jemanden zu entdecken. Vielleicht Abundius… selbst ein Schiff wäre ihm recht gewesen, auch auf die Gefahr hin, das ihn dann lediglich eine Kugel zwischen die Augen erwartete. Er sah auf die Waffe in seiner Hand. Was durchaus immer noch im Bereich seiner Möglichkeiten lag. Seiner sehr begrenzten Möglichkeiten.
Der Gouverneur musste das geplant haben: Zu warten, bis sie im Schiffswrack waren und dann die
Gelegenheit zu ergreifen sie loszuwerden. Etwas, das wie ein tragischer Unfall wirken würde…
Aaren begann alles durchzugehen, was er hatte. Die Pistole natürlich, mit einem Magazin. Er legte die Waffe beiseite.
Die Kleidung die er trug.
Ein Messer.
Und das Funkgerät, das sich mit einem knistern Verabschiedete, als er es einschaltete. Wasser lief aus dem Gehäuse. Vermutlich hätte er ohnehin keinen Empfang gehabt. Er warf das Gerät in den Sand, entschied sich dann aber doch, es mitzunehmen.
Schließlich stand er Vorsichtig auf. Das verletzte Bein trug ihn nur bedingt.
Aaren humpelte ein paar vorsichtige Schritte weiter den Strand entlang. Der Schmerz war abscheulich, ließ sich aber Aushalten. Was ihm mehr Sorgen machte, war der ständige Blutverlust…
Irgendetwas würde er deswegen unternehmen müssen.
Er sah sich um. Hinter ihm lag lediglich das Meer… und links und rechts von ihm erstreckte sich in alle Richtungen lediglich Sand. Vor ihm stieg der Strand ein Stück weit an und wurde felsiger. Algen und Flechten überwucherten die Steine. Größere Pflanzen hingegen gab es, bis auf einige Gräser, hingegen keine. Gab es Landlebewesen auf Liurie ? Er glaubte nicht. Wobei das, bei
näherer Überlegung ohnehin keine Rolle spielte. Von dem Wesen auf dem Schiff hatte er vorher auch nichts gewusst.
Mit einiger Schwierigkeit kämpfte er sich die Uferböschung hinauf. Die Insel war nicht groß, vielleicht einen Kilometer im Durchmesser und von sanften Dünen durchzogen, die als einzige verhinderten, dass er von einem Ende zum anderen sehen konnte. Nichts als Sanddünen und Gras.
In einer großen Senke in der Nähe hatte sich Wasser angesammelt und er humpelte darauf zu. Wasser wäre sein Hauptproblem, wenn er länger hier bleiben musste. Offenbar war die Senke in Folge eines kleinen Erdrutschs
entstanden. Das Wasser war klar und er schöpfte etwas davon mit den Händen. Es nicht so salzig, wie er erwartet hätte, wäre es bloß Meerwasser. Vermutlich hatte sich das Becken durch die ständigen Stürme mit Frischwasser gefüllt. Er würde es trinken können… sogar müssen.
Eine wirkliche Wahl hatte Aaren nicht. Das hieß außer der Pistole.
Und darüber konnte er immer noch nachdenken, wenn er vor Durst oder Hunger Wahnsinnig wurde. Ja.. er hatte Wasser. Aber immer noch nichts zu essen. Vielleicht könnte er Fische fangen. Aber woher eine Angel nehmen ? Wie lange konnte ein Mensch ohne
Nahrung überleben? Eine Woche ? Zwei ? Er wusste es nicht.
Es war ziemlich unwahrscheinlich, das ihn hier draußen jemand fand… geschwiege denn nach ihm suchte. Wenn Callahan zum Hive zurückkehrte, würde er dort einfach melden er und Abundius seien auf dem Wrack umgekommen. Vielleicht würde das Elektorat trotzdem nach ihm suchen lassen. Aber das würde Wochen dauern…
Ein tragischer Unfall, dachte er erneut und spürte wie sich seine Hand zur Faust ballte. Und wofür das alles ? Er verstand es noch immer nicht. Und das war es, was ihm wirklich zu schaffen machte.
,, Wozu das alles ?“, flüsterte er und
weil ihn ohnehin niemand hören konnte wiederholte er lauter : ,, Wozu das Ganze ?“ Wenn er schon starb, oder für Monate hier fest saß, dann wollte er gefälligst wissen, wofür.
Er setzte sich Vorsichtig an den Rand des kleinen Teichs und begann die Wunde an seinem Bein so gut wie möglich auszuwaschen. Es brannte höllisch. Besser als eine Infektion, erinnerte er sich selbst. Denn dann würde er mit Sicherheit sterben.
Aaren ließ sich einfach auf den Boden neben dem Teich fallen. Er war Müde, er war allein…. Und er saß verdammt nochmal fest.
So hatte ich mir mein Ende eigentlich
nicht vorgestellt, dachte er leise lachend. Er schleppte sich müde zurück zum Strand. Das Wasser war ein Stück weit gestiegen und er konnte an der Linie aus Algen und Meerespflanzen erkennen, das die Flut bei voller Höhe den gesamten Strand überspülte.
Sorgsam darauf bedacht oberhalb der Flutlinie zu bleiben, suchte er sich einen Schlafplatz in einer Sandmulde. Sicher, es gab bequemeres…. Aber für den Moment konnte er nicht wirklich wählerisch sein. Über ihm glitzerte eine Unzahl Sterne. Aaren erkannte keine der Konstellationen. Selbst wenn diese entfernten Sonnen von der Erde aus sichtbar gewesen wären… in den
gewaltigen Metropolen von Terra war es fast unmöglich überhaut Sterne am Himmel zu sehen.
Er erinnerte sich, einmal, er musste damals noch klein gewesen sein, irgendwo weit im Norden gewesen zu sein. Dort wo es noch Eis auf den Bergen und manchmal auch auf dem Meer gab. Und wo das Licht der Städte nicht zu sehen war. Damals hatte er etwas Ähnliches im Himmel sehen können. Eine Unzahl Sterne. Aaren schüttelte die plötzlich aufkommende Nostalgie ab. Er wünschte sich wirklich, er hätte die Mentalblocker mitgenommen. Das Licht der Sterne und der zwei Monde spiegelte sich im Gold
des Rings an seiner linken Hand.
Das würde es einfacher machen…
Schließlich schlief er ein.
Mitten in der Nacht erwachte er, ohne zu wissen warum. Aber ein plötzliches Gefühl von Bedrohung veranlasster Aaren, sich aufzusetzen und seine Waffe zu ziehen. Suchend ließ er den Blick über den Strand wandern. Nichts. Er sah zu den Dünen hinter sich. Leer. Dann der Ozean. Eine blitzschnelle Bewegung…
Irgendetwas war da draußen gewesen, auch wenn er es nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte. Etwas… beobachtete
ihn…
Er ließ die Waffe sinken. Und wenn schon. Seine Situation konnte nicht viel schlimmer werden. Und wenn ihn irgendetwas Angriff… besaß es vielleicht wenigstens die Freundlichkeit essbar zu sein.
Als er am nächsten Morgen schließlich erwachte, fühlte er sich elend. Auf der einen Seite war das wohl der Tatsache zu Schulden, das er seit über 24 Stunden nichts mehr gegessen hatte. Aber auf der anderen… Die Wunde an seinem Bein schien in einem gleichmäßigen Tackt zu pulsieren. Er setzte sich auf. Alle Gelenke taten ihm weh und als Aaren
sich über die Stirn fasste… er war sich nicht sicher, aber er schätzte, er müsse wohl Fieber haben. Zumindest ein wenig.
Das gute Wetter vom Vortag hatte sich gehalten. Nur vereinzelte Wolken trieben über dem endlosen Ozean. Ihm war abwechselnd heiß und kalt, als er sich dazu Zwang aufzustehen. Zitternd stand er eine Weile einfach nur da und sah aufs Wasser hinaus. Vielleicht suchte er nach der Gestalt vom Vorabend… oder er tat es, nur um sich überhaupt zu beschäftigen. Nachdem er sich irgendwie wieder zur Wasserquelle zurück geschleppt hatte, er brauchte für den kurzen Weg fast zwei Stunden, weil er
immer wieder hinfiel oder stehen bleiben musste, da ihm schwindlig wurde.
Schließlich schaffte er es jedoch.
Aaren konnte nicht klar Denken, immer wenn er Versuchte, eine Erinnerung zu greifen, schien sie ihm zu engleiten. Aber er musste doch Nachdenken… eine Lösung finden…
Endlich hatte er genug. Er tauchte den Kopf einen Moment in das kalte Wasser der Senke, was tatsächlich kurz half. Nahrung. Er brauchte etwas zu essen. Und , er sah auf das Bein und die deutlich rot hervortretende Verletzung, vermutlich Antibiotika, die er nicht hatte. Genau das hatte Aaren gefürchtet.
Irgendwie schaffte er es erneut, sich zum
Aufstehen zu bewegen und torkelte wie ein betrunkener zurück zum Strand. Eine Weile stand er, ohne sich zu bewegen am Gipfel einer Sanddüne. Die Pistole in seiner Hand fühlte sich zu schwer an. Nicht erinnerte an die Eleganz, die diese Waffen normalerweise innehatten, als er sie langsam anhob.
Hatte er immer das richtige getan? Die Frage beunruhigte ihn. Ein kalter Schauer, den er dem Fieber zuschob, überlief ihn.
,, Ist eine Antwort zu viel Verlangt ?“ , rief Aare in den Wind. Natürlich erhielt er keine Antwort.
Das verletzte Bein gab unter ihm nach und er stürzte in den Sand. Das
schlimmste war… sein Tot wäre vollkommen Umsonst. Er hatte keine Möglichkeit irgendeine Nachricht zu hinterlassen. Keinen Weg das Elektorat zu informieren.
Aaren ließ die Waffe wieder sinken. Soweit war er noch nicht… Noch nicht….
Als er wieder auf die Füße kam, begann er am Strand entlangzulaufen. Fischen konnte er in seinem Momentanen Zustand ohnehin nicht. Und Gras essen… war auch nicht unbedingt eine Erfahrung, die Aaren machen wollte. So verzweifelt war er nicht. Und bevor er soweit sein würde… hätte die Infektion, die jetzt in ihm wütete ihn vermutlich
ohnehin umgebracht.
Anfangs glaubte er, auf der Stelle zu laufen. Der Strand sah an jeder Stelle gleich aus. Hier und da gab es ein Gezeitenbecken, oder einen Felsen. Aber nichts markantes, keinerlei Landmarken.
Irgendwann lachte er ohne zu wissen warum. Dann war ihm plötzlich wieder zum Weinen zumute.
Wurde er verrückt?
Aaren versuchte sich zu Ruhe zu zwingen. Zurück zum kalten, logischen Denken. Aber es gelang ihm
nicht.
Der Tag neigte sich bereits dem Ende, als er schließlich etwas fand. Zuerst glaubte er, zu Halluzinieren.
Ein weiteres Gezeitenbecken lag vor ihm. Mit jeder Welle wurde etwas Meerwasser hineingespült und auch einige kleinere Fische. Was seine Aufmerksamkeit erregte, war allerdings der große Fisch, der mitten in dem kleinen Becken trieb. Tot. Aber offensichtlich noch nicht lange.
,, Ich kann mir besseres vorstellen.“ , flüsterte er. Aber andererseits…. Welche Wahl blieb ihm auch hier außer der Pistole. Keine, wenn er weiterleben wollte. Denn er würde sich sicher nicht einfach hinsetzen und auf den Tot warten.
Aaren überlegte, ob er mit dem Gras, das
überall wuchs ein Feuer entfachen könnte, während er den Fisch aus dem Teich zog. Danach musste er sich kurz setzen, weil ihm schwindlig wurde. Das Tier war dem nicht unähnlich, das ihn und Abundius auf der Salmakis angegriffen hatte. Die gleichen seltsamen Federn, die allerdings nicht aus weichen Fasern bestanden, sondern eher aus Chitin, wie bei einem Insektenpanzer.
Er stockte. Die Kehle des Tiers war durch irgendetwas aufgeschnitten worden. Normalerweise wäre es ihm gar nicht aufgefallen oder er hätte dem keine Beachtung geschenkt aber, eine solche Verletzung hätte das Wasser des
Gezeitentümpels eigentlich rot mit Blut färben müssen…
Es sei denn das Tier wäre anderswo getötet worden und war dann… hier abgelegt worden. Wo er es finden würde. Es gab sonst keine Lebewesen auf der Insel. Zumindest nicht soweit er wusste.
Und ich habe auch noch nicht gehört, das Meereslebewesen ihre Beute an Land schaffen, dachte Aaren beunruhigt. Ein Rätsel, aber eines, um das er sich später würde Gedanken machen müssen.
Wenn er dazu morgen noch in der Lage wäre.
Die letzten Stunden bis Sonnenuntergang verbrachte Aaren damit, einige passende
Steine zu sammeln und eine notdürftige Feuerstelle anzulegen. Wie seltsam dachte er. Sie hatten ganze Planeten in Städte verwandelt, interstellares Reisen gemeistert , Verbrechen waren im Kern-Gebiet des Elektorats praktisch nicht mehr Existent und mehr als einmal hatten sie Bewiesen, dass es nichts gab, das die Menschheit mit Einfallsreichtum nicht überwinden konnte.
Aber wenn es wirklich ums Überleben ging, griff der Mensch doch immer wieder auf die primitivsten Mittel zurück, die er hatte.
Das dürre Gras brannte überraschend gut. Zwar war er gezwungen, ständig neues Brennmaterial zu besorgen, was
mit der Beinverletzung und den ständigen Kälteschauern, die ihn überliefen, schnell zur Qual wurde, aber die Flammen brannten rauchlos und hinterließen beinahe keine Asche.
Von einem in der Nähe wachsenden Busch brach er einige dünne Zweige ab und benutzte einen davon als Grillspieß für den Fisch.
Irgendwann schlief t er ein. Eine Hand auf dem Griff der Pistole.