Die Via haben es geschafft einen Brückenkopf zu errichten. Schwer beschädigt treibt die Kronos in der Leere, während die überlebende Besatzung einen Weg sucht, zur Erde zurückzukehren. Währenddessen wird Rafail Coel von Visionen geplagt, die ihn an den Rand des Wahnsinns treiben. Das kurzzeitige Bündnis mit den Artheranern droht zu zerbrechen. Und immer mehr Kolonien spalten sich vom menschlichen Parlament ab. Bildquelle : Two giant sun in space. Fotalia.com
Nur die Positionslichter des landenden Shuttles durchbrachen die Dunkelheit zwischen den seltsam verschlungenen Bäumen.
Coel warf einen Blick aus dem kleinen Sichtfenster und versuchte etwas zu erkennen, aber das Blätterdach, das sie soeben durchbrochen hatten schluckte das restliche Licht.
Stattdessen drehte er sich zu Aine um. Ein schwaches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
Viel zu schnell hatten sie sich wieder voneinander lösen müssen. Viel zu schnell hatte ihn die Wirklichkeit wieder gehabt.
Sie erwiderte das lächeln, bevor er aufstand und durch den Laderaum zum Platz des Piloten ging, wo Martin saß und misstrauisch ins Dunkel starrte. Sie waren noch einige Meter über dem Boden.
,, Das gefällt mir überhaupt nicht.“ , murmelte er.
,, Sie hätten auf dem Schiff bleiben können.“
,, Bei Ägir und Hal ? Nein danke, ich verzichte. Im Vergleich zu einer KI und einem schweigsamen Alten sehen wütende Artheraner plötzlich richtig freundlich aus.“
Das Shuttle setzte mit einem kurzen Ruck auf dem Boden auf. ,, Also dann…“ Auf den Sitzbänken hinter ihm stand Adams auf und überprüfte ein letztes Mal einen kleinen Rucksack mit Ausrüstung.
,, Können wir ?“
Cole nickte.
Er war der erste, der nach draußen trat. Die Nachtluft roch nach dem Harz der Bäume… und noch etwas anderem. Rauch, dachte Coel. Entweder brannte es in der Nähe, oder es hatte erst vor kurzem ein Feuer gegeben. Er nahm die Kontaktlinse aus dem Auge. Sofort passten sich die kybernetischen Implantate an die Dunkelheit an und erlaubten ihm, nach dem Flackern eines Feuers oder den roten Lichtpunkten von Glut zu suchen.
,, Riecht sonst noch jemand den Rauch ?“ , fragte Martin, der nun ebenfalls gefolgt von Adams aus dem Shuttle trat. Er schaltete eine Stirnlampe ein und begann wie Coel die Umgebung abzusuchen.
,, Vermutlich von den Werften.“ , erwiderte Aine.
,, Werften ?“
,, Natürlich, oder glauben sie , wir haben unsere Schiffe gefunden ?“
,, Und sie testen die Triebwerke wohl im freien ?“ , fragte Adams. Die meisten Schiffe benutzten als Hauptantrieb für das Vorankommen innerhalb eines Systems entweder die altbewährten Wasserstoffantriebe, die die billigere alternative darstellten, oder Ionenantriebe, die teurer waren, dafür allerdings auch leistungsfähiger. Einen davon allerdings auf einem Planeten zu zünden würde alles im Umkreis von mindestens hundert Metern verbrennen.
,, Die Pflanzen hier wachsen sehr schnell. Ohne Brandrodung wäre der ganze Planet innerhalb weniger Wochen wieder Zu gewuchert. So lösen wir zwei Probleme auf einmal.“
,, Klingt nicht grade nach dem idealen Ort um sich anzusiedeln.“ , bemerkte Seyonn.
,, Eigentlich doch, wir mussten nur etwas improvisieren.“ , erwiderte Aine.
,, Also dann, ich schätze wir bekommen doch kein Empfangskomitee.“ . meinte Coel nachdem er sich noch etwas auf der Lichtung umgesehen hatte. In der Dunkelheit konnte er nirgends ein Zeichen dafür entdecken, das sich jemand außer ihnen in der Nähe befand.
Ein verschlungener, offenbar erst vor kurzem Freigeschlagener, Weg führte zwischen den Bäumen hindurch und verschwand in der Finsternis. ,, Gehen wir.“
,, Wenn ich mich nicht irre, sollte sich in der Richtung eine Siedlung befinden.“ , sagte Aine und deutete den Weg entlang.
,, Wie viele Siedlungen oder Städte gibt es denn auf dem Planeten ?“
,, Ein paar hundert, aber die meisten sind weit verteilt. “ , antwortete die Artheranerin , während sie dem Pfad zwischen den Bäumen hindurch folgten.
,, Stellt das kein Problem für sie da ?“ , fragte Adams, der das Schlusslicht der Gruppe bildete.
,, Wieso sollte es ? Wir haben Schiffe und Funk. Innerhalb von zwei Stunden können wir selbst den letzten Außenposten über Neuigkeiten informieren.“
,, Neuigkeiten wie uns.“ , sagte Martin düster. Er sah zurück zum Shuttle, dass im Schein der Lampe bereits kaum noch zu erkennen war. Irgendwie hatte er das Gefühl beobachtet zu werden, aber…
Da draußen war nichts, beruhigte e sich selbst. Wenn die Artheraner sie hätten töten wollen, dann hatten sie jetzt ausreichend Gelegenheit dazu.
Trotzdem konnte er das ungute Gefühl von einem paar Augen in der Dunkelheit nicht abschütteln.
Ewas summte an seinem Kopf vorbei und er schlug danach.
,, Was ist los ?“ , fragte Coel, als er merkte, dass Martin stehen geblieben war.
,, Mücken Coel, riesige Mücken.“ , erwiderte er.
Sie waren gut eine halbe Stunde unterwegs, als sie die Bäume hinter sich ließen. Ohne Vorwarnung hörte der Pfad durch das Unterholz auf und wichen die Palisadenartigen Bäume zurück.
Eine weite offene Fläche lag vor ihnen, in den nur noch vereinzelte Bäume standen.
Stattdessen bedeckte knöchelhohes Gras den Boden, der aus einer dunklen Ascheschicht bestand, vermutlich ein Überbleibsel der Brandrodungen von denen Aine gesprochen hatte. Und in einiger Entfernung schimmerten die unverkennbaren Lichter einer Ansiedlung.
Es sah wie ein Sammelsurium aus verschiedensten Baustilen aus. Er erkannte die silbrigen, die Bäume überragenden Strukturen die so typisch für eine Stadt auf er Erde gewesen wären, daneben aber auch kleinere Hütten… und manche der Gebäude schienen sich tatsächlich Inn oder auf einigen der umliegenden Bäume zu befinden.
Das Ganze wirkte aus der Ferne wie eine surrealistische Mischung aus Holz und Stahl.
Noch konnte Coel nicht mehr erkennen aber die gesamte Umgebung war von oben in ein silbriges Licht getaucht, heller als er es gewohnt war. Als er nach oben sah blendete es ihn nach der Zeit im Dunkeln sogar kurz.
,, Drei Monde.“ , stellte Martin fest und sprach damit seine Gedanken aus.
,, Eigentlich sind es sogar vier. Der vierte befindet sich nur immer auf der Tagseite des Planeten. Ich sagte doch es wird nicht dunkel.“ , meinte Aine.
,, Ein Rotationsgebundener Mond wirklich ? Das ist ungewöhnlich.“ Seyonn sah auf zu den drei hellen Kugeln am Himmel. ,, Sogar sehr ungewöhnlich.“
Nathan Teach sah auf einen der Bildschirme im Kommandozentrum der Kronos, das den Planeten zeigte.
,, Haben sie sich schon gemeldet ?“ , wollte der Arzt wissen.
,, Noch nicht, aber sie sind auch erst eine Stunde weg. Wenn Coel oder die anderen Schwierigkeiten hätten, wüssten wir das vermutlich auch schon.“ , antwortete Ägir.
,, Es wäre unwahrscheinlich, das uns die artheranische Flotte in diesem Fall verschonen würde.“ , meinte Hal.
,, Danke, jetzt geht es uns allen doch gleich viel besser. “ , erwiderte Nathan. ,, Vermutlich nicht, außer sie würden sich gerne das modernste Schiff der Erde etwas näher ansehen.“
,, Hmm…“
,, Was ?“
,, Ich frage mich, wie viel Technologie die Artheraner selbst gestellt und wie viel die Via dazu beigesteuert habe.“ , sagte Ägir. ,, Ich schätze mal das meiste hatten sie mehr oder weniger von uns übernommen. Wir haben hunderte von Landungsschiffen auf Artherium verloren. Sie brauchten nur hingehen und die Technologie kopieren.“ ,
Was folgte waren einige Minuten des Schweigens, in denen er wiederholt Position und Geschwindigkeit des Schiffs überprüfte. Eigentlich sinnlos, aber sonst gab es praktisch nichts zu tun.
Auf der gesamten Kronos gab es nicht viel zu tun.
Die normale Wartung wurde größtenteils von der verbliebenen Crew erledigt und die kleineren nötigen Kurskorrekturen um im Orbit des Planeten zu bleiben erledigte Hal automatisch.
,, Verflucht, es gibt’s nichts Schlimmeres als warten.“ , meinte Teach nach einer Weile.
,, Warten sies ab, bis uns ein Via-Schiff begegnet oder Coel uns wieder in irgendeine andere halsbrecherische Aktion manövriert. Dann werden sie die Ruhe vermissen. Nicht das ich etwas dagegen hätte. Der Mann ist ganz sicher verrückt, aber auf die gute Art.“
,, Das kann ich mir vorstellen. Wissen sie, ich sehe die Leute, die bei solchen Aktionen verletzt werden und jedes Mal wünschte ich mir , jemand könnte mir erklären, wer einem Menschen das Recht gibt andere in den Tot zu schicken oder für sich kämpfen zu lassen.“ , meinte Teach.
,, Ich weiß es nicht. Sie waren doch auch im Kampf. Vielleicht gehorchen manche einfach gerne, ohne sich Gedanken zu machen?“
,, Ja, aber ich habe nie getötet. Dazu konnte mich auch kein Befehl bewegen.“ Er sah kurz auf. ,, Auch wenn meine Einstellung zu der ein oder anderen Schlägerei führte. Am Ende war immer ich es, der sie danach alle wieder zusammengeflickt hat.“
,, Und trotzdem haben sie ihre Dienste dem Militär angeboten. Sie hätten auf der Erde bleiben können, eine Praxis eröffne, oder bei einer Klinik anfangen.“ , meinte Ägir.
,, Das mag sein, aber ich bin doch wohl verpflichtet dort zu sein, wo ich wirklich gebraucht werde. Zumindest habe ich das immer so gesehen.“
,, Und sie hatten vermutlich recht damit.“ , erwiderte Ägir. ,, Was allerdings nicht zufällig der Grund ist, warum sie jetzt auch hier sind ?“
,, Nun, angesichts der Umstände, könnte ich mir keinen besseren Platz für einen Arzt vorstellen.“ Teach lachte.
,, Statistisch gesehen haben wir weniger verletzte als 43 % der restlichen Erdflotte.“ , mischte sich Hal ein.
,, Statistisch hm ? Wollten sie nicht anfangen etwas mehr aus eigenen Beweggründen zu entscheiden.“
,, Würde ich das tun, hätte ich das Schiff abgeriegelt und sie alle an den Rand des Universums gebracht.“
,, Ich nehme einfach mal an, das soll heißen, sie machen sich Sorgen um uns.“ , sagte Ägir unbekümmert.
,, Sorge ist eine menschliche Empfindung. Ich würde lediglich mit höherer Leistung arbeiten, wenn ich nicht über so viele Probleme nachdenken müsste. Es wäre also logisch die Auslöser für Probleme zu reduzieren.“
,, Natürlich Hal, natürlich.“
in diesem Moment klapperte irgendetwas in einem Lüftungsschacht über ihnen.
Teach seufzte. ,, Hatte Adams das Vieh nicht eingefangen ?“
,, Wie war das eben noch mit Langeweile ?“
Coel sah mit zunehmenden Unglaube zu den Bäumen und Gebäuden auf, denen sie mittlerweile schon ein beträchtliches Stück näher waren. Die ersten kleineren Häuser standen bereits einen guten Kilometer vom eigentlichen Zentrum der Siedlung, dort wo die Gebäudefassaden in die Höhe ragten, die ihn so an die Erde erinnerten.
Hinter den Fassaden stieg Rauch auf und immer noch erfüllte schwacher Brandgeruch die Nachtluft. Nach Aines Aussage zu urteilen, mussten sich hinter der Siedlung, oder der Kleinstadt, wohl die Schiffswerften befinden.
Es schein tatsächlich so, als hätten einige Artheraner die umstehenden Bäume einfach als Gerüst für ihre Bauten genutzt und diese darum herum, oder sogar direkt in die Baumkronen gebaut. Brücken aus Seilen und Metallstreben verbanden einige dieser Bauten miteinander.
Vielleicht, überlegte Coel, bildeten diese zusammen eine Wohngemeinschaft oder ähnliches.
Neben diesen primitiv wirkenden Bauten führten Stromleitungen, zumindest hielt er es dafür, durch die Bäume, die weiter in Richtung Zentrum der Siedlung auch über wohl zu diesem Zweck aufgebaute Masten liefen. Hier und da waren in den Bäumen oder entlang der Stromleitungen Lichter angebracht, die die Umgebung fast taghell erleuchteten.
Von oben musste das ganze aussehen wie ein heller silberner Fleck umrundet von einem grün-braunen Ring aus Bäumen und Hütten.
,, Auf Artherium ist mir so etwas nie untergekommen.“ , sagte Martin.
,, Wie gesagt, es gab viele Veränderungen. Auch wir sind nicht immer ganz einer Meinung und das beginnt teilweise schon beim Baustil. Auch wurden viele der neueren Gebäude erst errichtet, nachdem die Via uns ein Angebot gemacht hatten. “ , erklärte Aine.
Coel sah das jemand aus Richtung der Stadt auf sie zukam.
,, Sieht aus als bekommen wir Besuch.“
,, Es hätte mich auch gewundert, wenn man uns einfach so in die Stadt lässt.“ , meinte Seyonn.
Es war ein Artheraner in beigefarbener Kleidung. Coel musterte den Mann einen Moment, aber er schein unbewaffnet zu sein.
,, Halt.“ , wies er sie an.
,, Nette Begrüßung.“ , erwiderte Martin.
,, Seit froh, dass man euch überhaupt hierher lässt. Wer weiß was Vaas dazu treibt euch auch nur anzuhören.“
Coel erkannte die Stimme des Mannes als die desjenigen wieder, mit dem sie schon über Funk gesprochen hatten. Offenbar schmeckte es ihm gar nicht, sie jetzt ,mehr oder weniger, auch noch willkommen heißen zu müssen.
,, Was ihr denkt oder meinst ist irrelevant.“ ,wies Aine den Artheraner zurecht. Weshalb seit ihr hier?“ , wollte sie wissen.
Coel sah einen Moment verwirrt drein. Es sah ihr gar nicht ähnlich so mit jemand zu reden.
Für sie musste das alles noch viel schwerer sein als für ihn.
Coel war für diese Leute lediglich ein Fremder… aber Aine war für sie eine Verräterin, jemand dem man selbst auf der Straße auswich, wenn es möglich war.
Der Artheraner reagierte nicht einmal auf ihre Frage.
,, Warum seit ihr hier ?“ , wiederholte Coel die Frage, nachdem er sich sicher war, das Aine keine Antwort bekommen würde.
,, Ich soll sicherstellen, das ihr den Weg findet.“
,, Dann geht voraus.“
,, Ich denke nicht einmal dran. Ihr könnt die großen Gebäude im Zentrum selbst mit euren schlechten Augen sehen Mensch. Dort wartet man auf euch.“
Offenbar bereitete es dem Mann eine gewisse Genugtuung, sie jetzt einfach selbst ihren Weg finden zu lassen. ,, Und eine Warnung noch Mensch, wo auch immer du gehst, geh leise. Wir sind näher als du denkst und unsere Klingen sind scharf.“
,, Ich habe nicht vor Ärger zu machen.“ , antwortete Coel.
,, Und wir auch nicht.“ , fügte Adams hinzu.
,, Das hoffe ich, um euren Willen.“
,, Keine Sorge.“ , meinte Seyonn. ,, Vertraut mir.“
Der Artheraner musterte Seyonn einen Moment. Er brauchte wohl nicht lange um zuerkenne, das es sich bei ihm um keinen wirklichen Artheraner handelte, erwiderte aber nichts, sondern ließ sie passieren.