Die Via haben es geschafft einen Brückenkopf zu errichten. Schwer beschädigt treibt die Kronos in der Leere, während die überlebende Besatzung einen Weg sucht, zur Erde zurückzukehren. Währenddessen wird Rafail Coel von Visionen geplagt, die ihn an den Rand des Wahnsinns treiben. Das kurzzeitige Bündnis mit den Artheranern droht zu zerbrechen. Und immer mehr Kolonien spalten sich vom menschlichen Parlament ab. Bildquelle : Two giant sun in space. Fotalia.com
,, Vielleicht wollte ich mich einfach selbst überzeugen, das sie wirklich noch am Leben sind.“ , antwortete die Gestalt unter der Kapuze.
,, Ach kommen sie, sie sind nicht bloß hier um guten Tag zu sagen.“ , erwiderte Coel.
,, Nein, sicher nicht. Sie kennen die Situation ja vermutlich mittlerweile.“
,, Sie müsste das doch eigentlich freuen. Es dürfte ihre Geschäfte erleichtern, wenn die allgemeine Ordnung derart durcheinander gerät.“
,, Vielleicht, aber ich will Veränderung ohne dafür erst die Gesellschaft ins Chaos zu stürzen. Wäre das anders, würde ich einfach all meine Leute bewaffnen und zusehen.“
,, Keine Revolution und keine große Veränderung in der Geschichte geschah jemals ohne einen Konflikt. Und meistens waren es vor allem die unbeteiligten, die den Preis dafür zahlten. “ , sagte Seyonn.
,, Vielleicht. Vielleicht kann ich ja deshalb keinen Erfolg haben, meinen sie das Unity ? Möglich ist es. Das hindert mich jedoch nicht daran es zu versuchen.“ , erklärte Marcks.
,, Aber sie sind sicher nicht hier um darüber zu diskutieren vermute ich.“
,, So gerne ich das auch tun würde, nein. Es geht vor allem darum, was sie jetzt vorhaben. Ich vermute doch, es gibt einen Plan ?“
Coel ließ sich auf einen freien Platz auf der Bank fallen. ,, Ich schätze einfach… vielleicht kann ich das alles hinter mir lassen. Das Parlament weiß Bescheid, Steel wird dafür sorgen, dass wir nicht völlig ohne Schutz dastehen, möglicherweise habe ich endlich den Punkt erreicht, an dem man mich nicht mehr braucht.“
,, Glauben sie das wirklich ?“ , wollte Marcks wissen.
,, Nun… ich müsste natürlich erneut untertauchen, zumindest bis das alles vorbei ist. Und diesmal schützen mich auch keine geheimen Informationen. Ich wollte nie wieder ins All, zumindest nicht für die GTDF“ , meinte er. ,, Ich wäre damit zufrieden gewesen den Rest meines Lebens irgendwo versteckt zu verbringen, wo mich keiner kennt, ich keine Angst haben muss auf der Straße erschossen zu werden… Stattdessen begegne ich Artheranern, Via , Kolonien die sich abspalten und den ganzen Scheiß und stecke plötzlich mitten in einem sich anbahnenden interstellaren Bürgerkrieg.“
Er zuckte kurz mit den Schultern.
,, Wir können unseren Weg nicht immer selbst bestimmen, sobald wir uns einmal für einen Entschieden haben.“ , antwortete Seyonn. ,, Das wichtigste ist, das wir ihn weitergehen, bis zum Ende.“
,, Ohne zurück zu sehen wie ?“ , fragte er.
,, Ohne zu bereuen Coel.“
Marcks war aufgestanden und warf einen Blick auf die Uhr. ,, Ich glaube da kommt ihr Zug.“ , meinte er. ,, Ich weiß nicht, wie viel ich ausrichten kann, aber wenn ich sie irgendwie unterstützen kann, lassen sie es mich wissen.“
,, Und wie ?“ , fragte Coel, als Marcks langsam auf den Ausgang des Bahnsteigs zulief.
,, Das lassen sie mal meine Sorge sein.“
,, Unfassbar dieser Mann.“ , meinte er noch, als die Magnetschwebebahn auf dem Gleisen zum Halten kam. Bevor er Einstieg drehte er sich noch einmal um, aber Marcks war bereits verschwunden.
Adams sah auf, als ihn jemand rief. Er hatte die letzte Stunde damit zugebracht, sein Quartier und das notdürftig Eingerichtete Labor, das er während seines ersten Aufenthalts auf dem Schiff aufgebaut hatte, etwas zu ordnen. Viele der empfindlicheren Geräte hatten die Schlacht nicht überstanden und er fertigte eine Liste an, welche Geräte er entweder neu kaufen, oder reparieren musste. Vielleicht könnte Steel ihnen auch dabei aushelfen überlegte er.
,, Adams ?“ Er entdeckte Nathan Teach, der in der Tür zum Labor stand, eine große Pappschachtel in der Hand.
,, Richtig,“ Er stand auf und ging dem Schiffsarzt entgegen.
,, Das soll ich ihnen bringen, mit besten Grüßen von Admiral Steel. Hat eben ein etwas verwirrter Mann bei mir abgegeben, weil er sie nicht gefunden hat.“
Adams nahm Teach den Karton ab. ,, Was soll das sein ?“ , fragte er, hatte aber schon den Deckel entfernt. Eine orange-weiß gestreifte Katze sprang heraus und landete auf dem Fußboden um wenige Augenblicke später in den Gängen des Schiffs zu verschwinden.
,, Schrödinger.“
,, Was ?“ , fragte Teach unsicher.
,, Das ist der Name der Katze…Schrödingers Katze in einem Kasten, Steel muss einen interessanten Sinn für Humor haben.“ Adams schüttelte den Kopf.
,, Das Vieh knabbert aber hoffentlich keine Leitungen an ?“ , fragte der Arzt besorgt.
,, Hoffentlich nicht.“ , meinte er lachend. ,, Ich versuch die Katze später einzufangen.“
,, Wie sind sie eigentlich auf den Namen gekommen ?“
,, Was Schrödinger ? Den habe ich nicht ausgesucht. Die Katze gehörte praktisch zum Inventar der GTDF-Forschungseinrichtung in der ich die letzten Monate gearbeitet habe. Ich vermute mal, das Projekt Savior ist mittlerweile wohl stillgelegt. Jedenfalls… der Name bezieht sich auf ein Gedanken-Experiment von Erwin Schrödinger. Er meinte das wenn man eine Katze in einen informationsdichten Raum oder eben eine Box setzt und in diese dann eine Flasche mit Gift stellt, die sich erst beim Zerfall eines radioaktiven Isotops öffnet, man von außen nicht in der Lage ist zu sagen, ob die Katze Tod oder lebendig ist, denn wann das Atom zerfällt, lässt sich nicht vorhersagen. Somit würden für einen Beobachter von außen zwei Wahrheiten existieren, die Katze wäre sowohl lebendig als auch Tod, bis jemand sich vergewissert und die Box oder den Raum öffnet.“
,, Das klingt ziemlich weit hergeholt.“
,, Na ja, ich würde es sicher auch nicht ausprobieren wollen.“ , erwiderte Adams.,, Es dient lediglich zur Veranschaulichung der Unvollständigkeit der Quantenmechanik , ein Beweis dafür, das mehrere Wahrheiten gleichzeitig existieren können.“
Etwas fiel klirrend draußen auf den Gang zu Boden.
,, Nun, diese Katze ist definitiv Lebendig.“ , meinte Teach lachend.
,, Vielleicht.“ , meinte Adams plötzlich ernst geworden.
,, Was ist los ?“
,, Ich kann es nie vergessen.“
,, Was ?“
,, Artherium. Ein Planet verbrannte wegen mir. Ich glaube die Artheranerin hatte recht… sich damit auseinander setzen zu müssen, daran denken zu müssen, ist die schlimmste Strafe. Einen Moment lacht man… und fragt sich dann doch nur, wie viele nie wieder lachten, weil ich es zuließ, dass mich der Wunsch nach Rache zu etwas anderem machte, mich dazu trieb nicht darüber nachzudenken, wie viele sterben würden. “
,, Das war vor mehr als einem Jahrzehnt Adams. Aber sie sind jetzt ein anderer Mensch, oder?“ , fragte Teach.
,, Meinen sie ?Ich glaube ich bin immer noch dieselbe Person, die am Nova-Projekt arbeitete. Ich bin dieselbe Person, die ihnen sagte, dass die Waffe fertig ist. Ich habe mich nicht geändert. Nur mein Blickwinkel. Und das ist falsch… es sollte einen Verändern. Aber ich weiß genau… wenn ich wieder vor derselben Situation stehen würde, dann wüsste ich nicht, ob ich die Richtige Entscheidung treffen könnte. “
,, Doch , den sie bereuen es jetzt . Vielleicht gibt es für Menschen immer nur eine Wahrheit. Und die ist in diesem Fall, dass sie nicht mehr derjenige sind, der einen Planeten verbrennen lassen würde.“
,, Stattdessen bin ich jemand geworden, der seinem Verrückten hinterherläuft .“
,, Vielleicht liegt genau darin ja der Schlüssel. Manchmal muss man einfach bereit sein, alles zu riskieren um das richtige zu tun.“ Auf dem Gang fiel wieder etwas zu Boden. ,, Zum Beispiels endlich diese Katze einfangen.“
Teach nahm den leeren Karton und verließ das Labor.
Adams dachte noch eine Weile über die Worte des Arztes nach. Andere würden ihm verzeihen können, aber er selbst sich sicher nie, das war ihm klar. Aber er fühlte sich besser. Zum ersten Mal in zehn Jahren konnte er sich eingestehen, dass er sich freier Fühlte. Einen Fehler zuzugeben machte ihn nicht ungeschehen… aber vielleicht, nur vielleicht, etwas leichter zu ertragen.
,, Hal… können sie das Schiff mal nach einer Katze scannen ?“
Wie Coel bereits erwartet hatte war der Zug fast genauso verlassen wie der Bahnsteig. Lediglich hier und da lagen einige Gestalten in Decken gehüllt auf den Sitzen. Keine von ihnen wachte auch nur auf.
Er setzte sich einfach auf den ersten freien Platz den er fand und wartete bis Seyonn gegenüber von ihm Platz nahm.
,, Dieser Marcks… trauen sie ihm ?“ , wollte der Unity-Abgesandte wissen.
,, Er ist immer noch einer der führenden Köpfe hinter dem Schwarzmarkt, ich bezweifle also, dass er so Rechtschaffen ist, wie er behauptet. Nein ich traue ihm sicher nicht… aber ich sehe auch keinen Grund ihm zu misstrauen.“ Er sah einen Augenblick nach draußen, wo die schwarzen Tunnelwände grade durch einen offenen Abschnitt abgelöst wurden.
Kurz konnte er einen Blick auf die Türme und Hochhäuser des Stadtzentrums werfen, die sich wie der Schirm eines riesigen Pilzes über den Erdboden erhoben. Einen Boden der in alle Himmelsrichtungen mit dem Myzel der Wohnhäuser bedeckt war. Dann verschluckte wieder das Schwarz eines Untergrundtunnels die Aussicht.
,, Und wir brauchen jeden Verbündeten den wir bekommen können.“
Seyonn nickte.
Eine Weile lang schweigen beide und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Der Unity seinen uralten Erinnerungen und Ängsten und der Mensch einem unsicheren Gedanken.
,, Was wissen sie eigentlich über Artheraner ?“ , wollte er wissen.
Seyonn schien die Frage einen Moment zu überraschen. ,, Meinen sie kulturell ? Ein ziemlich interessantes Völkchen. Etwa das was eben dabei herauskommen müssten, wenn man eine viktorianische Gesellschaft 400 Jahre in die Zukunft katapultiert.“
,, Sie klingen irgendwie nicht begeistert.“ , stellte Coel fest.
,, Zu recht. Ob absichtlich oder nicht, ein früher Kontakt einer unterentwickelten mit einer hochentwickelten Kultur bringt immer Probleme mit sich, selbst wenn diese sich schnell daran anpasst.“
,, So könnte man das auch nennen.“
,, Wieso fragen sie ?“ , wollte er wissen.
,, Sie behalten das für sich ?“
,, Bin ich jemand, der gerne und viel erzählt ?“
,,Ja.“
,, Das kommt ihnen nur so vor. Ich könnte ihr ganzes restliches Leben reden und doch nur einen Bruchteil erzählen.“
,, Also, es geht um Aine. Ich habe sie vielleicht verletzt fürchte ich.“ , sagte er schließlich.
,, Entschuldigen sie sich. Damit haben sie doch sonst keine Probleme. Und vor allem brauchen sie dafür keinen Diplomaten.“
,, Nun, das ist etwas komplizierter Schätze ich.“ Er fasste das kurze Gespräch mit der Artheranerin zusammen. Seine eigenen Gedanken ließ er dabei jedoch außen vor. Davon brauchte Seyonn weder etwas zu wissen, noch sollte er es. Es ging niemanden etwas an.
,, Nun, ich glaube ihr Menschen bezeichnet so etwas als ins Fettnäpfchen treten.“ , meinte Seyonn
,, Ein Artheraner teilt einen Gedanken mit ihnen und sie…“ Der Unity-Botschafter lachte kurz. Ein unwirtlicher aber gleichzeitig menschlicher Laut ,, Das ist so ziemlich die größte Beleidigung, die mir grade einfallen will.“
,, Ich verstehe es nicht.. Artheraner geben doch ständig Gedanken weiter…“
,, Nicht absichtlich Coel. Oder zur Verteidigung ja. Trotzdem ist das… seltsam.“
,, Wieso ?“
,, Lassen sie mich ein Wort finden, das ihre menschliche Ethik nicht verletzt… Normalerweise gibt es unter Artheraner eine strenge Gesellschaftsordnung.“
,, Sie reden von…“
,, Ich rede von Adelshäusern, Familienclans , Militärs und blutigen Kleinkriegen, die meist durch eine Verbindung beendet werden. Ohne dabei die betroffenen zu Fragen.“
,, Klingt nicht sehr nett.“ , erwiderte Coel.
,, Für sie jetzt, aber für viele Jahrhunderte war das auch auf der Erde nicht selten.“
,, Ich schätze sie können mir keinen Tipp geben, wie ich das wieder ausbügle ?“
Der Zug kam zu einem Halt.
,, Denken sie sich was aus. Darin sind sie sonst eigentlich ganz gut.“ , meinte Seyonn während er aufstand und auf den Ausstieg der Bahn zuging.
,, Sicher.“ Er blieb noch einen Augenblick sitzen, bevor er ebenfalls aufstand und Seyonn nach draußen folgte.
Der Bahnsteig hier war nicht so düster und verlassen, wie der vorherige. Mehrere mit Plakaten beklebte Betonsäulen trugen das unterirdisch liegende Gewölbe und ein Dutzend Lampen sorgte für Helligkeit, die nach dem Halbdunkel in den Augen brannte.
Einige Leute in Hemden und Aktenkoffern standen ziellos in der Gegend herum oder betraten die grade angekommene Magnetschwebebahn.
,, Kommen sie, wir sollten uns beeilen.“ , meinte Seyonn bevor sie den Bahnsteig verließen und die Treppe hinauf das Parlamentsviertel im Herzen der Stadt betraten.
Hier oben waren die Straßen auch spät abends noch belebt. Hunderte von Menschen, die sich alle zu einem großen Strom zusammenschlossen und die zahlreichen kleinen Seitengassen und großen Hauptstraßen mit Leben erfüllten. Weder Seyonn noch Coel vielen in dem Gedränge weiter auf, als sie sich einen Weg zum Parlament suchten, dessen Gebäudekomplex sich einige hundert Meter weiter die Straße hinunter befand.