Alles im Leben hat zwei Seiten. Außer es hat drei. Eine Geschichte, die noch erzählt werden muss. Von einem außergewöhnlichen jungen Mann, der Kunst und des Schicksals, das eine Welt für immer verändern sollte
Draußen im Regen bewegte sich etwas. Der Alte am Feuer regte sich und stand auf, als er den Schatten wahrnahm. Und Schritte…
Seine Zuhörer jedoch schienen nichts bemerkt zu haben. Gut so… Er stand vorsichtig auf und stützte sich dabei auf seinen Stab. Er fühlte sich alt, aber noch war Zeit. Zumindest würde er sich Zeit verschaffen.
,, Entschuldigt mich.“ , murmelte er. ,, Ich denke, ich werde mir eine Weile die Beine vertreten.“
,, ich könnte euch begleiten.“ , bot einer der Fischer an. Vermutlich machte er sich Sorgen um den Zustand des Alten. Dieser schüttelte jedoch verneinend den Kopf. ,, ich bin in ein paar Minuten wieder da.“
Mit diesen Worten trat er aus dem Kreis der Leute, die sich um ihn Gesetzt hatten und seinen Erzählungen lauschten und bewegte sich Richtung Tür.
In der Dunkelheit war nichts zu erkennen, aber er wusste, dass sie dort irgendwo warteten.
Ein letzter Blick in die erleuchtete Gaststube, dann trat er in den Regen. Der schmale Weg war aufgeweicht und rutschig, jedoch fürchtete er nicht hinzufallen.
Ihm drohten heute Nacht andere Gefahren.
Am unteren Ende der Straße warteten vier Männer. Bewaffnet und in vom Wasser schwer gewordene Mäntel gekleidet. Als diese den alten Mann erblickten, zogen sie sofort ihre Schwerter.
,,Aber, aber…“ Er streckte die Arme von sich, als wolle er zeigen, dass er unbewaffnet war.
,, Wo habt ihr sie ?“ , knurrte einer der Bewaffneten. ,, Ihr konntet nicht hoffen euch für immer zu verstecken.“ Der Mann trat drohend auf ihn zu.
,, Ich verstecke mich nicht. Ich beschütze euch. Und immerhin ist es mir mehrere Jahrzehnte geglückt.“ , erwiderte der Alte.
,, Schöne Worte, und durch euer Glück ist die Welt im Chaos. Los durchsucht ihn. “ , reif ein zweiter, vermutlich der Anführer der kleinen Gruppe. Sicher würden ihnen mehr folgen.
Wenn er sie am leben ließe.
Der zweite Mann war mittlerweile nah genug. Mit einer fließenden Bewegung die seinem Alter Hohn sprach zog er dem Bewaffneten mit dem Stab die Beine weg, so dass dieser auf die aufgeweichte Erde stürzte und den Hang wieder ein Stück weit hinabschlitterte.
,, Was soll das alter Mann… wir sind mehr und bewaffnet. Ihr werdet sterben wenn ihr euch nicht fügt.“
Mit aller Ruhe zog der Mann seine geschlossene Faust aus der Tasche. Zwei Kristallkugeln lagen darin, eine schwarz mit einem silbernen, sternförmigen Einschluss, die andere durchsichtig mit einem roten Punkt im Zentrum, der fast wie eine Sonne wirkte. Ein inneres glühen erschien die Kristalle zu erfüllen, als der Mann die Augen schloss.
Ein überlegenes, trauriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. ,, Versucht sie euch zu holen.“
Die Tür des Gasthauses auf der Klippe schwang erneut auf und der Alte trat ein. Durchnässt, frierend. Als wäre nichts gewesen setzte er sich erneut ans Feuer. Natürlich war den Fischern nicht entgangen, dass etwas nicht Stimmte. Aber sie waren nicht in der Lage zu ergründen was.
Und bald schienen sie die Sache zu vergessen. Es gab noch viel zu erzählen und er wusste jetzt, dass seine Zeit immer schneller ablief.
Inglarion lag in dichte Nebelschleier gehüllt, welche die Sonne nicht zu durchdringen vermochte.
Außerhalb der Stadtmauern jedoch hatte sich der Nebel bereits aufgelöst und die Wellen der toten See schlugen weithin hörbar gegen die felsige Küste.
Eine Windböe fuhr durch die, mit in der Morgensonne golden Leuchtenden, Gras bewachsenen Hügel, wirbelte Blätter durch die Luft, die wenige Augenblicke später unaufhaltsam dem Boden entgegentaumelten und sich scheinbar noch im Fallen dem unvermeidlichen Ende wiedersetzen wollten.
Corinthis fing eines der Blätter aus der Luft. Einen Augenblick lang tanzte das Blatt auf seiner Handfläche im Wind, bevor es davongetragen wurde und erneut seinen Tanz in Richtung Boden begann.
Erließ sich ins Gras zurückfallen. Über ihm schien sich endlos der blaue Himmel zu erstrecken. Vereinzelte Wolken trieben hindurch, wie einfach es war sich vorzustellen diesen zu folgen wohin auch immer…
,, Du träumst schon wieder, richtig ?“
Er drehte den Kopf und sah Nehalenie an. Ein Jahr… Wirklich begreifen konnte er es noch immer nicht.
,, Natürlich.“
Es war ihre Idee gewesen, sich außerhalb der Stadt zu treffen. Ein Vorschlag, den er anfangs abgelehnt hatte. Getrennt aus der Stadt zu gelangen stellte an sich kein Problem dar, aber man konnte nirgendwo ausweichen, oder sich verstecken, sollten sich Inquisitoren oder Beamte aus dem Palast zeigen. Etwas das, wie Corinthis nach einer Weile selbst zugeben musste doch recht unwahrscheinlich war. Und selbst wenn, war nicht gesichert, das diese Nehalenie erkennen würden.
Die einzigen Inquisitoren, die dem Kaiser oder dessen Familie persönlich begegneten waren die Wächter des Palastes und die Elite-Garde verließ die Stadtmauern praktisch nie.
Seine restliche Sorge zerstreute sich endgültig, sobald sie die offene Graslandschaft an der Küste erreicht hatten. Die wenigen Wanderer, welche den Küstenweg heraufkamen schenkten ihnen keine Beachtung und bald konnte er sie ganz vergessen.
,, Bisher hatten wir wirklich Glück.“ , meinte sie nach einer Weile.
,, Glück… nun hoffen wir das die Strähne anhält, wie ?“
,, Ihr wisst was ich meine.“ Er nickte Gedankenverloren. Das größte Risiko, das letztlich Nehalenie trug. Eine Schwangerschaft wäre das Ende all ihrer Hoffnungen, das Geheimnis wahren zu können.
Und ihnen beiden war klar, das Glück ein Faktor war, der sie nicht ewig schützen konnte.
Aber welche Möglichkeiten außer einer Flucht blieb ihnen … einer Möglichkeit, die Nehalenie ablehnte….
Eine Gruppe Reisender zog über den Kirstenpfad in Richtung Inglarion, einen Karren hinter sich herziehend. Ihrer Kleidung nach schienen sie nicht aus der Gegend zu stammen. Vielleicht ja Händler aus Niob, die die Gelegenheit der grade erneut beigelegten Streitigkeiten nutzten um schnell einige ihrer Waren loszuwerden.
,, Könnten wir doch einfach gehen….
,, Du weißt, das ich das nicht werde.“ Ihre Stimme klang entschieden, aber Corinthis wusste, er hätte sie überzeugen können, wenn er gewollt hätte… Aber das war Nehalenies Wahl und die würde er akzeptieren.
,, Das weiß ich… du hoffst immer noch, das sich eines Tages etwas ändert ?“ , fragte er.
,, Das muss ich doch. Du etwa nicht ?“
,, Ich bin mir nicht sicher… Ein Jahr, ein Jahrzehnt, was ändert das? Nichts. Vielleicht ist all das… auch der Kaiser, das Reich, Kriege, Armut… vielleicht ist das alles einfach ein Teil des Lebens den man akzeptieren muss. Wozu mit dem Leviathan kämpfen, wen das Ende doch dasselbe ist…“
Was auf seine Worte folgte hätte er am wenigsten erwartet. Eine schallende Ohrfeige deren Abdruck er später Keltor irgendwie würde erklären müssen.
,, Das darfst du niemals, niemals glauben. Verstehst du mich?“ Zwei Hände, die sich in seine Schultern gruben und ihn wach zu rütteln versuchten. Nehalenie war erstaunlich kräftig.
Sie ließ ihn los und trat zurück. ,, Egal was passiert, verlier niemals die Hoffnung darauf. Der Tag an dem wir unsere Hoffnung aufgeben, ist der Tag an den es wirklich keine mehr gibt.“
,, Tut mir leid… aber, ich weiß einfach nicht, wie sich überhaupt etwas ändern sollte. Natürlich ist es schön daran zu glauben aber… manchmal möchte man etwas tun, egal wie dumm nur um das Gegenteil zu beweisen. Ich…“ Er zögerte… Baratas war immer noch ihr Onkel… schließlich zwang er sich weiterzusprechen.
,, Ich stand vor dem Kaiser Nehalenie. Allein. Ich hätte ihn töten können…. Wollte es sogar auch wenn ich noch nicht verstand wieso… und ich habe Angst vor diesen Gedanken.“
Er schüttelte den Kopf.
,, Und das hätte etwas geändert, irgendetwas ?“
,, Nein, sie hätten gleich den nächsten Gekrönt und egal wie viele man töten würde… es gäbe immer einen neuen. Es ist nicht der Kaiser… keine Person… es ist das gesamte verdammte Kaiserreich. Ich kann kein.. kein System hassen. Und der Kaiser selbst… ist nur einer von vielen, wenn auch deren Spitze. Dagegen kommt man nicht an, dagegen kommen wir nicht an. Aber es ist schön zu wissen, dass man nicht ganz allein ist.“ Corinthis zwang sich ihr in die Augen zu sehen.
,, Ich liebe dich.“
Sie lachte.
,, Was ?“
,, Das weiß ich doch längst.“
,, Ich wünschte manchmal nur…“ Er sah wieder auf. ,, Was wäre, wenn wir das ganze Offiziell machen würden?“
,, Was meinst du ? Heirat? Jetzt träumst du schon wieder Corinthis.“
,, Im Geheimen, irgendwo außerhalb der Stadt…“
,, Und am nächsten Morgen findest du dich im kaiserlichen Kerker wieder und ich darf mich für die nächsten Jahrzehnte nicht mehr in Inglarion sehen lassen.“
,, Du hast mich mal gefragt, ob dies alles Wahnsinn oder Verzweiflung sei. Ich sage Wahnsinn. Und wenn wir schon Verrückte sind, dann können wir den Wahnsinn auch auf die Spitze treiben.“
Einen Moment lang schwiegen Beide, nur um dann in gemeinschaftliches Lachen auszubrechen, das einem zufällig vorbeikommenden Wanderer sicherlich wie Wahnsinn vorgekommen wäre.
Corinthis kehrte am Nachmittag getrennt von Nehalenie in die Stadt zurück. Sie war bereits vorausgegangen und sicherlich schon auf halbem Weg zum Palast. Sein Ziel jedoch bildete ein kleines Haus in der Nähe seiner Werkstatt in der Altstadt Inglarions. Vor einem halben Jahr hatte er das damals ziemlich heruntergekommene zweistöckige Haus gekauft und mittlerweile mit Hilfe einiger Handwerker wieder in eine Behausung verwandelt, in der man leben konnte.
Er hatte Nehalenie davon erzählt, aber hier gewesen war sie noch nie. Ein Treffen an seinem Wohnort stand außer Frage. Wäre sie hier gewesen, so hätte sie die spartanische Einrichtung wohl überrascht. Corinthis besaß nicht viel und selbst jetzt, wo er es sich hätte leisten können verzichtete er darauf.
Der erste Stock des Hauses wurde fast vollständig von einer Küche mit Holz-Ofen eingenommen, die er allerdings so gut wie nie nutzte. Er hatte bereits überlegt, den Ofen auszubauen, aber ohne würde der Raum leer wirken.
Eine gewundene Treppe führte hinauf in das zweite Stockwerk, das in zwei Räume unterteilt war, einen Raum, in dem er schlief und sein Arbeitszimmer, wie Keltor es betitelt hatte.
Drei große Holztische mit dutzenden von Skizzen, die er in letzter Zeit angefertigt hatte, überladen standen in der Mitte des Raums, der ein großes verglastes Dachfenster besaß, das den Raum um diese Zeit in helles Licht tauchte. Vor allem wegen des Fensters hatte er sich für das Haus entschieden. Eine eigentümliche Konstruktion, die er so noch nirgends gefunden hatte. Vermutlich eine eigene Erfindung des ursprünglichen Erbauers.
Nachdenklich setzte er sich an den überladenen tisch, als ihm eine Zeichnung ins Auge sprang…
Ein Jahr lang hatte er nicht mehr daran gedacht…
In sauber gezogenen Linien aus Kohlestaub sah ihm das mittlerweile so vertraute Gesicht von Nehalenie entgegen.
Corinthis hatte die Skizze nie vollendet und vermutlich würde er das auch nicht mehr, aber trotzdem nahm er das Bild aus dem Stapel und ließ es in seine Tasche wandern.
Ein letzter Moment der Ruhe… Wieso dachte er das?
,, Corinthis, seit ihr da ?“ Die vertraute Stimme Keltors ließ ihn aufhorchen. Offenbar stand der Kaufmann direkt vor der Tür.
Corinthis lief die Treppe hinunter, um dem Mann die Tür zu öffnen.
,, Guten Tag alter Freund.“ , meinte er, als der Händler eintrat.
,, Passt auf wen ihr alt nennt.“ , erwiderte Keltor. Corinthis musste ein Lachen unterdrücken. Über den Winter waren die Haare des Mannes fast vollkommen ergraut, aber wehe jeden, der ihn darauf hinwies.
,, Ach kommt, ihr seid doch nicht nur hier um euch darüber zu beschweren, oder ?“
,, Ich dachte eigentlich ich sehe mal wieder nach euch. Vier Jahre… ihr könnt euch etwas auf euch einbilden.“
,, Ich weiß, mehr als ich euch erzählen darf…“ , antwortete Corinthis.
,,Ah… deshalb der Abdruck auf eurer Wange ?“
,, Das hat ?“
Der Kaufmann brach in heulendes Gelächter aus. ,, Ach kommt, ich weiß ja ihr seid ganz schön verschwiegen was das angeht, aber ehrlich, selbst die blinden im Armenquartier könnten den Handabdruck da nicht übersehen.“
,, Könnten wir bitte das Thema wechseln ? Weil läuft den euer Holzgeschäft?“
,, Habe ich aufgegeben. Im Frühjahr und Sommer läuft das nicht so gut. Stattdessen bin ich jetzt Farbhändler.“
,, Und Isram macht euch da keine Konkurrenz ?“
,, Hah, der Halunke und ich arbeiten jetzt zusammen. Ich werde auf meine alten Tage noch zum Händlerkönig. Woran ihr natürlich nicht ganz unschuldig seid. Aber…“
Ein klopfen an der Tür.
,, Erwartet ihr noch besuch ?“ , erkundigte sich Keltor, als Corinthis zur Tür ging.
,, Nein…“ Etwas warnte ihn, als seine Hand sich nach dem Türgriff ausstreckte…. Etwas war nicht in Ordnung…
EagleWriter Re: - Zitat: (Original von EwSchrecklich am 19.11.2012 - 15:06 Uhr) :) lg Danke fürs lesen ^^ lg E:W |
EwSchrecklich :) lg |