Alle Jahre wieder
Jetzt geht es wieder los. Über den Straßen hängen LED-Lichterketten, die langbeinigen Schaufensterpuppen stehen knöcheltief in imitierten Kunstschnee und die Altstädte werden rücksichtslos in überfüllte Disneyparks verwandelt, deren Spezialität der Ausschank von heißem und mit Süßstoffen durchsetztem Rotweinverschnitts ist.
Unter normalen Bedingungen würde kein Mensch, der halbwegs bei Trost ist freiwillig so etwas zu sich nehmen, aber wenn dieses übel riechende Zeug im Monat Dezember von genervten jungen Frauen, die sich erkennbar für die alberne Weihnachtsmannmütze auf ihrem Kopf schämen, in Plastikbecher portioniert und als „Glühwein“ oder „Punsch“ zum Kauf angeboten wird, vertilgen Menschen, die ansonsten durchaus in Frieden mit ihren anspruchsvollen Geschmacksnerven leben das unappetitliche Gebräu plötzlich hektoliterweise und oft mit einem Ausdruck von Befriedigung, den man üblicher Weise sonst nur im Zusammenhang mit der Befriedigung des Geschlechtstriebs antrifft .
Meiner Vermutung nach muss diese eigenartige Erscheinung auf die selbe Ursache zurück zu führen sein die dafür verantwortlich ist, dass uns die gängigen Radiosender plötzlich völlig missratene Popliedchen aus den unseligen 80-er Jahren ernsthaft als musikalische Weihnachtseinstimmung verkaufen wollen, nur weil in irgendeiner Strophe der meist von solariengebräunten, bisexuellen Wesen gesungenen Liedchen die Worte „Last christmas“ oder irgend so etwas in der Art vorkommen und dazu ein Synthesizer metallene Geräusche von sich gibt, die offensichtlich Assoziationen zu Pferdeschlitten und Glöckchen wecken sollen.
Verantwortlich für dieses mich mit zunehmendem Alter immer stärker beunruhigende Phänomen, kann meines Erachtens nur eine Art von zyklisch wiederkehrender, auto-suggestiver Massenpsychose sein.
Jedes Jahr, so etwa ab Ende November, wenn auf Grund des miesen Wetters draußen absolut nichts mehr los ist und Dunkelheit und kalter Regen auch die letzte Herbstromantik abgewürgt haben, fangen Millionen von Leuten fast gleichzeitig an sich mantraartig vorzusagen, dass jetzt die gemütlichste und schönste Zeit des Jahres bevorsteht, auch wenn sie ganz genau wissen das dem nicht so ist und sie diese Selbsttäuschung mit Übergewicht, Sodbrennen und erhöhten Cholesterinwerten werden bezahlen müssen.
Mag sein vor langer Zeit, an die sich aber nur noch wenige Alte erinnern, gab es tatsächlich mal etwas das man mit den Worten „Weihnachtsvorfreude“ oder - was beinahe zynisch klingt - „Weihnachstfriede“ beschreiben könnte.
Wenn dem wirklich so war, dann muss es irgendwas gewesen sein, das weit weg von diesem lauten, grellen und albernen Treiben unserer so genannten Weihnachtsmärkte liegt.
Aber wie gesagt, das muss verdammt lang her sein …