Das Totenhemdchen
(Die Gebrüder Grimm)
Als Marc im Alter von sieben Jahren unerwartet starb, brach für Denise die Welt zusammen. Die Ärzte diagnostizierten einen Hirnschlag als Todesursache, der diesen lebenslustigen und allseits geliebten Jungen aus dem Leben der seelisch angeschlagenen Mutter riss. In all den Jahren der gescheiterten Ehe, mit diesem egoistischen, terrorisierenden Mistkerl, bot ihr der Junge stets einen Ort der Zuflucht und der Liebe. Nach sieben Jahren Seelenqual beschloss ihr sogenannter Ehemann schließlich sie wegen so einem jungen Ding zu verlassen, was ihr natürlich nur recht war. So konnte sie sich nun der einzigen geliebten Person in ihrem Leben widmen, ihrem Sohn.
Dieser erneute Schicksalsschlag nahm ihr jeden Lebenswillen und sie stürzte in ein unendliches, dunkles Loch, bestehend aus Depression und tiefer, unsagbarer Trauer. Denise zog sich komplett in ihre nun trostlose, trübe und sinnlose Welt zurück. Jeglichen Kontakt zur Außenwelt lehnte sie vehement ab.
Am Tag der Beerdigung schritt sie an den noch geöffneten Sarg um Abschied zu nehmen, von der einzigen Liebe Ihres Lebens. Der Junge lag, in einem weißen Hemdchen bekleidet, die Hände über der Brust gefaltet, in seiner Totenkiste. Der zufriedene, ja fast liebevolle Gesichtsausdruck des Kindes brachte die Mutter komplett aus der Fassung und sie sackte weinend vor dem Schrein zusammen. Niemand der beteiligten Personen, einige hasteten der Mutter zu Hilfe um sie zu stützen und zu beruhigen, sah die veränderten Gesichtszüge des Jungen. Die Mundwinkel gesenkt, eine Träne rann an seiner Wange herab.
Einige Tage nach der Beisetzung des Kindes, Denise lag auf der Couch, auf dem Tisch neben ihr stand ein Glas Wasser und ein Röhrchen Pillen, vernahm sie vertraute Geräusche aus dem Zimmer des Jungen. Sie deutete diese Laute als eine halluzinierende Wirkung des starken Beruhigungsmittels, welches der Psychiater ihr empfohlen hatte, beschloss jedoch die Treppe hinauf zu gehen und zum Zimmer ihres Kindes zu gelangen. Als sie die Tür öffnete sah sie den Jungen, den Rücken ihr zugewandt, auf dem Boden sitzend. Zufrieden spielte er mit seinen Modellautos, die er zu Lebzeiten so liebte. Er trug das weiße Totenhemd, in welches er zur Beerdigung gekleidet war. Jedoch zierten den hellen Stoff etliche dunkle Flecke feuchten Lehmbodens. Auch die nackten Füße zeigten sich Lehmverkrustet, ebenso die Hände, die sorglos und fröhlich mit den Spielzeugen hantierten. Denise sprach mit zitternder Stimme: „ Marc, wie ist denn das möglich! Mein Liebling, du bist wieder da!“ Dann brach ihre Stimme und sie begann zu weinen. Das Kind blickte sich schlagartig um. Augenblicklich verzogen sich die Mundwinkel des Jungen zu einer Fratze der Traurigkeit und die Erscheinung verschwand. Verzweifelt stürmte sie an die Stelle an der sich ihr geliebtes Kind gerade noch befand, doch sie griff ins Leere.
Den restlichen Tag und die kommende Nacht verbrachte sie in einem Delirium aus Angst und Trauer, welches ihr gänzlich allen Verstand raubte und sie leerte das Röhrchen Pillen in einem Zug, wissentlich ihrem sinnlosen Leben ein Ende zu setzen. Schließlich erschien der Junge erneut, in seinem weißen Totenhemdchen, setzte sich zu ihren Füßen auf die Couch und sprach: „ Ach, Mama, hör doch auf zu weinen, sonst finde ich keine Ruhe; denn mein Totenhemdchen ist völlig durchnässt von deinen Tränen.“ Die Welt um Denise versank in tiefem Schwarz.
Apathisch starrte sie zur Decke ihres kleinen Zimmers in der Psychiatrie. Die Nacht nahte, doch dies nahm Denise längst nicht mehr wahr. Marc erschien erneut. In seinen gekreuzten, hohlen Handflächen hielt er ein Licht und sagte: „ Siehst du, nun ist mein Hemdchen fast trocken, und ich finde Ruhe. Weine nicht mehr, wir sehen uns bald wieder Mami.“