Fantasy & Horror
Mondkind

0
"Mondkind"
Veröffentlicht am 11. Dezember 2010, 10 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Marc_Hartkamp@twitter.com
Mondkind

Mondkind

Mondkind

 

Joline hockte mit überkreuzten Beinen auf ihrem Bett und starrte apathisch durch die weit geöffneten Fensterflügel hinaus in die vom Vollmond erhellte Nacht. Ein eisiger Wind spielte mit den rosa Vorhängen, bauschte sie abwechselnd auf und zog sie hinaus, gerad wie es ihm beliebte. Das Licht des Mondes warf die Schatten des winterlichen, kahlen Geästs an die Wand hinter ihr. Eine gespenstische Silhouette, gleich Knochenhänden, die nach ihr zu greifen schienen. Die Lippen des Mädchens bewegten sich rhythmisch, als formulierten sie eine unverständliche Botschaft wie ein stummes Gebet. Atemwölkchen bildeten sich stoßweise in der eisigen Kälte vor ihrem Mund. An ihren Lippen klebte getrocknetes Blut.

Als die neunjährige Joline am Morgen erwachte fror sie, trotz bis zur Nase gezogener Decke. Raureif benetze ihr Haar wie auch den Rest des Bettes. Die Fenster waren noch geöffnet. Schnee wehte herein und auf dem Laminat hatte sich eine Wasserlache gebildet, welche sich bereits im Zimmer ausbreitete. Als die Denise das Zimmer betrat, um Joline zu wecken, blickte sie überrascht auf dieses unerwartete Szenario, welches sich ihr bot: „Kind, was tust du denn? Warum hast du denn die Fenster geöffnet und das bei diesem Schneesturm!“ Eilig spurtete sie zum Fenster um es zu schließen, glitt jedoch auf der Lache aus und schlug rücklings auf dem Boden auf. Die Rutschpartie endete abrupt vor dem massiven Heizkörper unter dem Fenster, gegen den sie mit dem Kopf, begleitet durch einen dumpfen Gong, schlug. „Verdammte Scheiße! Ein Morgen wie im Bilderbuch. Ich bin begeistert!“, fluchte sie vor Schmerz. Sie versuchte aufzustehen und entdeckte dabei direkt neben ihr die tote Katze. Der Kopf des Tieres zeigte sich grotesk verdreht. Aus der aufgerissenen Kehle rann noch etwas Blut. Dieser Anblick beschleunigte die Anstalten der Mutter sich zu erheben enorm. Schließlich stand sie zitternd vor dem Fenster und schloss die beiden Flügel hektisch.

„Was ist hier eigentlich los, verdammt! Wo kommt denn dieses Vieh her? Komm Joline sofort raus hier. Komm mit nach unten, ich lasse dir ein heißes Bad ein.“

Vorsichtig zog die Mutter die Decke beiseite um das Kind hinunter zu tragen und sah das getrocknete Blut, welches  um den gesamten Mund und an Teilen des Halses klebte.

Unten angekommen wickelte sie Joline in eine Wolldecke, bis das Badewasser eingelassen war. Zaghaft wusch Denise mit einem Schwamm das Blut aus dem Gesicht des Kindes und suchte gleichzeitig nach irgendeiner Verletzung. Das Blut färbte das Wasser etwas rot und sie beschloss es zu wechseln.

„Was ist da Oben passiert Joline? Warum hast du das Fenster geöffnet, um Gottes Willen?“, nervös untersuchte sie ihre Tochter weiter nach Wunden oder Ähnlichem, jedoch vergeblich.

Eine Vermutung keimte in ihren Gedanken auf. Joey hatte die Katze getötet, weil sie durch das halb geöffnete Fenster in das Kinderzimmer eingedrungen war. Ja, so musste es gewesen sein. Doch bei dem gedanklichen Anblick des einjährigen Yorkshire  Rüden, zerplatzte diese Mutmaßung wie eine Seifenblase. Joey hatte sich im letzen Sommer, mit eingezogenem Schwanz, unter den Tisch verzogen, als eine Hummel in die Wohnung eingedrungen war. Und jetzt eine Katze dieser Größe getötet zu haben schien ihr als gerade zu lächerlich.

„Er spricht zu mir, weißt du Mama?“

Aus den Gedanken gerissen, schaute Denise auf das in der Wanne sitzende Kind. Dieses vertraute und geliebte Lispeln, angesichts dieser Äußerung, erzeugte eine spontane Gänsehaut in ihr.

„Bitte? Wer spricht zu dir Joline. Joey hat diese Katze getötet, er wollte dich beschützen! So war es doch oder?“, entgegnete Denise sichtlich nervös.

„Der Mond! Er redet mit mir! Er sagt mir was ich tun soll, doch ich will das nicht. Ich wollte das liebe Kätzchen nicht töten, aber ich musste! Er hat es mir befohlen.“

Der Mutter blieb nichts Anderes übrig als das eben Gesagte zu ignorieren. Zu unglaublich und unfassbar war die Vorstellung ihr Töchterchen sei zu so einer Tat fähig. Wandert nachts in eisiger Kälte umher und tötet eine Katze. Nein, unmöglich!

„Ich hole dir erst mal ein paar warme Sachen. Dann legst du dich in mein Bett und schläfst dich aus. Und ich bringe dein Zimmer wieder in Ordnung, einverstanden?“

Kurz darauf schlief Joline tief und fest im Bett der Mutter. Denise nutzte die Zeit und betrat das Zimmer des Kindes, beseitigte die Wasserlache und bezog das Bett neu. Etliche Blutflecke zierten das rosa Bettlaken. Zaghaft hob sie die Katze am Schwanz hoch und steckte den Kadaver in einen Müllsack. Der Hals des Tieres war völlig zerfetzt, lediglich das Fell hielt den Kopf am Torso. Dann trat sie an das Fenster heran um sich dieses genauer anzuschauen und ihr Blick viel auf das Dach des flachen Anbaus vor dem Haus. Deutlich erkannte sie Spuren kleiner, nackter Kinderfüße im Schnee und Blut, eine Menge Blut!

Die folgenden Tage verliefen ohne besondere Zwischenfälle. Alles war wie gewohnt. Joline stritt mit ihrem älteren Bruder darüber wer von beiden auf welchem Platz der Couch liegen durfte oder wer von Beiden den dickeren Arsch hatte, der ganz normale Wahnsinn.

Denise war in der Küche mit dem zubereiten des Abendessens beschäftigt, als ihr Blick zufällig auf den Kalender viel. Das Datum des heutigen Tages zierte das Vollmond Symbol. Ein gelber, lächelnder Smiley, auf dem ihr Blick verharrte. Sie versuchte dies zu ignorieren, doch das Unbehagen blieb, klebte an ihr und bohrte sich in ihre Gedanken. Sie beschloss die Fensteröffner in Joline‘s Zimmer durch abschließbare zu ersetzen. Glücklicherweise lagen diese noch in einer Schachtel im Keller, aus Zeiten als die Kinder noch jünger waren und nichts besseres zu tun hatten als die Fenster zu öffnen und ihre Stofftiere hinaus zu werfen.

Schließlich war es an der Zeit, für die kleine Joline, ins Bett zu gehen. Denise deckte die Kleine zu und verriegelte das Fenster. „Soll ich das Nachtlicht einschalten?“, fragte sie besorgt.

„Ja, das wäre schön. Gute Nacht Mama.“

„Schlaf schön, mein Schatz. Wenn etwas sein sollte, rufst du mich OK?“ Sie schaltete die Deckenlampe aus, ließ die Tür jedoch einen kleinen Spalt weit geöffnet. Sie nahm sich fest vor in regelmäßigen Abständen nach ihrer Tochter zu sehen. Irgendwann erlag sie jedoch den Anstrengungen des Tages und schlief ein.

Das Jaulen des Hundes und ein berstendes Geräusch rissen sie abrupt aus dem Schlaf. Instinktiv sprang die Mutter aus dem Bett und rannte Richtung Kinderzimmer. Joline stand vor dem geöffneten Fenster. In der einen Hand hielt sie den, aus dem Rahmen gerissenen Fenstergriff, in der Anderen hielt sie den Yorkshire Terrier an den Hinterbeinen gepackt. Der Vollmond erhellte das Zimmer und reflektierte den Schatten des Kindes und dem zuckenden Rüden an die Wand.

„Joline! Was tust du!“kreischte Denise und blickte auf das Geschehen, ungläubig und unfähig zu Handeln.

Das Kind ließ den Terrier los. Er fiel zu Boden. Blut spritzte pulsierend aus der aufgerissenen Kehle des Hundes, der sich zappelnd auf dem Boden wälzte. Langsam drehte Joline den Kopf Richtung Tür. Ein gedämpftes knacken ertönte als der Kopf sich um hundertachtzig Grad drehte. Aus schneeweißen Augen und einer entstellten Fratze des Hasses, blickte dieses Ding, welches einst ihre geliebte Tochter gewesen war, Denise an. Frisches Blut tropfte aus dessen Mund, welches in der Kälte des Raumes dampfte. „Ich muss gehen Mutter! Versuche nicht mich daran zu hindern, oder ich tue dir weh!“ Der gutturale Klang ihrer Sprache, hallte im Kopf der Mutter wieder.

Blitzschnell sprang das Kind aus dem Fenster und verschwand in der Dunkelheit.

Denise sackte zu Boden, hielt sich die Hände vor das Gesicht, und begann zu schreien. Ihre Schreie hallten weit hinaus. Joline blickte sich ein letztes Mal um, und hetzte in die vom Vollmond erhellte Nacht.

 

Marc Hartkamp

http://www.mscdn.de/ms/karten/v_318866.png
http://www.mscdn.de/ms/karten/v_318867.png
http://www.mscdn.de/ms/karten/v_318868.png
http://www.mscdn.de/ms/karten/v_318869.png
http://www.mscdn.de/ms/karten/v_318870.png
http://www.mscdn.de/ms/karten/v_318871.png
http://www.mscdn.de/ms/karten/v_318872.png
http://www.mscdn.de/ms/karten/v_318873.png
http://www.mscdn.de/ms/karten/v_318874.png
0

Hörbuch

Über den Autor

MarcH
Marc_Hartkamp@twitter.com

Leser-Statistik
36

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
Kenshin Die ersten zwei Seiten sind SUPER! Habe sofort eine Gänsehaut bekommen und habe mich aufs umblättern gefreut, weil ich unbedingt wissen wollte was auf der nächsten Seite auf mich wartet, diesen Zauber verlierst du ( meiner Meinung nach ) leider nach diesen ersten Seiten....
Alles wird zu schnell abgehandelt ( finde es auch schade das Joline bis auf den einen Satz "Der Mond spricht zu mir ) so gut wie keine wörtliche Rede hat....
Sehr guter Ansatz aus dem man noch mehr hätte rausholen können ( nur meine Meinung^^ ), würde mich aber auch interessieren ob du daran noch weiterschreiben würdest, oder war das so als Abschluss geplant?

Lg Kenshin
Vor langer Zeit - Antworten
annaluu Wow, echt spannend! Das nächste mal etwas länger und perfekt:)!
Vor langer Zeit - Antworten
Treebeart Ein sehr gelungener Einstieg, hätte Potenial für eine längere Geschichte. So wie es jetzt ist, ist mir das Ende etwas zu abrupt.

Hast Du noch Pläne mit der Geschichte ?

Gruß, Nico
Vor langer Zeit - Antworten
Zeige mehr Kommentare
10
3
0
Senden

45133
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung