Beschreibung
Ich blicke zurück auf eine zauberhafte Kindheit, so behütet und so unbeschwert. Die vielen kleinen Ereignisse hatten damals für mich enorme Bedeutung und formten mich schließlich zu dem Menschen, der ich heute bin.
Begleiten Sie mich auf eine Zeitreise in die 1960er Jahre und verfolgen Sie in den jeweiligen Fortsetzungen die Entwicklung des Stadtkindes.
Ich dagegen scheute keine Mühe, wenn es darum ging, mein Ziel zu erreichen. Dabei wandte ich auch gelegentlich Tricks an, die zwar nicht besonders fein, aber wirkungsvoll waren.
So fuhr ich einmal mit meinem Vater im Zug nach Döbeln, um Bekannte zu besuchen. Wir saßen in einem der damals typischen 2.-Klasse-Abteilen mit den hohen Holzbänken. Gepolsterte Sitze gab es nur in der 1. Klasse. Der Zug war nicht besonders voll und schräg gegenüber von uns saß eine auffallend gutgekleidete ältere Dame. Die holte plötzlich eine Tafel Westschokolade aus ihrer Tasche, die sie langsam und genüßlich auswickelte. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich überlegte, wie ich die Frau dazu bringen könnte, mir ganz freiwillig ein Stück von dieser Köstlichkeit, auf die ich doch so großen Appetit verspürte, abzugeben. Daß man nicht betteln oder die Leute allzu neugierig beim Essen beobachten darf, hatten mir meine Eltern eingeschärft. Dazu hätte ich mich bei fremden Leuten auch nie herabgelassen. Eine gesunde Portion Stolz hatte ich auch damals schon. Nun wollte ich jedoch unbedingt von der
Schokolade etwas haben. Die Zeit drängte. Also tat ich das, was ich am besten konnte. Ich sang. Unter dem Vorwand, mir ein wenig die Füße zu vertreten, stand ich auf und lief den Gang auf und ab. Natürlich so, daß mich die Dame immer sehen und vorallem hören konnte. Ich kannte damals eine Menge Schlager und so sang ich von Adelheit, den 2 kleinen Italienern, von Marylu, von der Liebe, die ein seltsames Spiel ist usw. . Ich sang laut, schön (davon war ich jedenfalls überzeugt) und immer mit einem unauffälligen Blick auf die Schokolade. Die Dame lächelte gütig, spendete sogar Beifall und bot mir schließlich ein Stück des begehrten Kakaoproduktes an.
Heute kann ich mir vorstellen, daß sie meinen Plan durchschaut hatte, aber so viel Aufwand muß schließlich belohnt werden.
Mein Vater ist ein stiller, geduldiger Mann, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Seine kleine Tochter jedoch schaffte es, ihm von Zeit zu Zeit ein genervtes Stöhnen, verbunden mit dicken Schweißperlen auf der Stirn zu entlocken.
Während ich mir auf der Fahrt nach Döbeln erfolgreich die Schokolade ersang, verlief die Rückreise am selben Tag weniger harmonisch. Wir drückten also wieder einmal die Holzbank und mich drückte die Blase. Mein Vater nahm mich an die Hand um die nächste Toilette aufzusuchen. Ein Blick in das schmutzige, stinkende Kabüffchen genügte. So zogen wir zum nächsten Klosett. Doch als ich da hineinsah, erklärte ich meinem Vater, mir sei es vergangen und wir setzten uns wieder in das Abteil. Schon früh zur Sauberkeit erzogen, hatte ich eine Aversion gegen Dreck und Gestank. Besonders was die Toiletten betraf, war ich da immer sehr penibel. So saß ich also und schaukelte ungeduldig hin und her, was jedoch mein immer stärker werdendes Bedürfnis nicht verdrängte. Nach einer Weile starteten wir einen erneuten Versuch. Mein Vater durchkämmte mit mir den ganzen Zug auf der Suche nach einer halbwegs sauberen Toilette, aber jedesmal wurde ich vom Ekel übermannt. Ratlos und auf mein Durchhaltevermögen hoffend setzten wir uns schließlich wieder. Das Rütteln und Schütteln des Zuges ließ jedoch schon bald das passieren, womit man in meiner Situation hätte rechnen müssen. Jetzt war ich erleichtert, aber naß. Ich sehe noch den gequälten Gesichtsausdruck meines
immer etwas unbeholfenen Vaters vor mir, der nun im ersten Moment nicht wußte, was er tun sollte. Ich trug damals ein niedliches, hochmodernes Perlonkleidchen. Es war in, daß die kleinen Mädchen darunter Rüschenschlüpfer anhatten. Die Kleider wurden so kurz getragen, daß der berüschte Kinderpopo ruhig gesehen werden durfte. Aber was tat man, wenn so ein Höschen das Opfer fehlender sauberer Toiletten wurde? Kurzentschlossen zog ich es aus. Mein Vater verschwand hinter einer der verhaßten Türen mit der Aufschrift “OO”, wusch es so gut es ging aus, wrang es kräftig, legte ein Taschentuch auf die Holzbank, breitete das Höschen darauf aus und setzte sich drauf. Zum Glück war es Sommer, als wir beide mit gekühlten Hinterteilen dem Halleschen Hauptbahnhof entgegenfuhren. Kurz vor dem Ziel zog ich mich wieder an. Mein Vater war der ideale Wäschetrockner. Ich erinnere mich nicht, ob sich auf seiner Heckseite ein Fleck gebildet hatte.
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Fortsetzung folgt.