Beschreibung
Dies ist das Ende der Geschichte. Hoffentlich war es diesmal nicht zu lang gewählt ^^
-überarbeitet-
Vollmondbad
"Als ich aufwachte, hatte ich ein kleines Kissen unter meinem Kopf und die Decke, die vorher auf der Wiese ausgebreitet lag, bedeckte mich. Ich richtete mich auf und sah, dass es langsam dunkel wurde. Ich schaute mich immer noch etwas schlaftrunken um, konnte deinen Großvater aber nicht entdecken.
Nachdem ich mir den Schlaf aus den Augen gewischt hatte, stand ich auf und versuchte noch einmal, ihn ausfindig zu machen. Doch das brauchte ich gar nicht mehr. Er kam in diesem Augenblick vom See her.
Als er bei mir angekommen war, nahm er mich in seine Arme, küsste mich auf die Stirn und fragte, ob ich gut geschlafen hätte. Ich strich ihm zärtlich über seine Wange und gestand ihm, dass ich noch nie zuvor so einen entspannten Schlaf hatte.Â
Eine gefühlte, herrliche Ewigkeit standen wir nur da und schmiegten uns in die Arme des jeweils anderen, bis ich diesen Bann brach und ihn fragte, wo er denn gewesen sei. Er setzte dieses nichts wissende Gesicht auf, das er immer aufsetzte, wenn er etwas plante und sagte nur: ‘Wirst schon sehen‘. Danach nahm er mich bei der Hand und zog mich leicht zum See hin."
"Bei den ersten Schritten fiel es mir noch nicht auf, aber dann bemerkte ich, dass ich gar keine Schuhe an den Füßen trug. Dein Großvater, dieser Schelm, hatte sie mir im Schlaf ausgezogen und nun kitzelte mich das Gras bei jedem Schritt leicht. Doch es fühlte sich so natürlich und befreiend an. Dein Großvater schien es gemerkt zu haben und nahm meinen anderen Arm, um den Rest des Weges mit mir zu tanzen. Wir tanzten zu einer Musik, die es nicht gab, aber unser unbeschwertes Lachen hörte man sicher noch am anderen Seeufer.
Kurz vor dem See sah ich dann einen leichten Lichtschein. Ich hielt unseren Tanz an und sah zum See. Ich nahm ungläubig die Hände vor den Mund, denn dein Großvater hatte auf dem Steg Kerzen an den Seiten aufgestellt, die bis zum Ende hin wie eine Landebahn leuchteten. Ich warf mich in seine Arme und verpasste ihm einen Kuss, dass ihm die Luft wegblieb. Als ich mich von ihm löste, brachte er nur ‘Wow‘ heraus."
 "Nach diesem Kuss hatte dein Großvater angefangen, sich auszuziehen. Ich sah ihn verwundert an und fragte, was das werden sollte, obwohl ich es mir schon vorstellen konnte. Als er bei der Hose ankam und bei dem Versuch, sie sich stehend vom Bein zu ziehen, nach hinten flog, brachte er in Wortfetzen hervor, dass er nicht vergessen hatte, was ich ihm im Zusammenhang mit einem See erzählt hätte. Ich sagte zu ihm, ‘Du bist doch ein Spinner‘ und sah verlegen zu Boden. Dein Großvater flüsterte in hörbarem Ton ‘Ich weiß, aber ich bin dein Spinner‘‚ und konzentrierte sich wieder auf das Ablegen seiner Sachen.
Ich hatte ihm erzählt, dass ich schon immer mal in einer Vollmondnacht nackt im See schwimmen wollte. Nun, es war Vollmond und wir waren an einem einsamen See. So etwas durfte ich mir nicht entgehen lassen und fing auch schnell an, meine Sachen auszuziehen. Zum Schluss standen wir nackt auf dem letzten Stück Wiese und vor uns leuchteten die Kerzen den Weg einladend aus. Wir sahen uns an, nahmen uns bei der Hand und rannten mit einem ausgelassenen Schrei den Steg entlang."
An dieser Stelle wurde ich wohl rot, denn meine Großmutter ermahnte mich, dass ich nicht so scheinheilig tun sollte. Schließlich würde sie mit meiner Mutter über mich sprechen und sie erzählte ihr von so mancher Albernheit, die ich begangen haben soll.
Ich konnte nur schauspielerisch husten, denn mir kamen wirklich so einige Dinge in den Sinn.
"Wir rannten also den Steg, so wie Gott uns schuf, entlang und jedes Kerzenpaar, das wir passierten, erlosch von unserem Luftzug. Am Ende des Steges sprangen wir dann mit dem letzten Klang unseres Schreies in das von der Tagessonne erwärmte Wasser. Das Wasser umschloss uns wie eine Decke und die Wassertemperatur war so angenehm, dass man sich nur wohl fühlten konnte. Es war einfach traumhaft.
Wir tauchten auf und lachten wie kleine Kinder. Im Schein des Vollmondes und dem silbern glitzernden Wasser konnte man sich gut erkennen und wir schwammen umeinander. Dein Großvater hatte auf einmal so einen gierigen Blick in den Augen und ich schwamm schnell von ihm weg. Er hatte mich aber schnell eingeholt und hielt mich in seinen Armen gefangen. Es war erstaunlich, dass wir dabei nicht untergingen, aber damals kümmerte mich diese Kleinigkeit nicht.
Es war einfach unbeschreiblich romantisch. In der Nacht hatte dein Großvater auch gesagt: 'Nun wissen Himmel, Erde und Wasser über unsere Liebe bescheid und werden uns niemals trennen'. Diese Worte rührten mich so sehr, dass ich fast vergessen hätte mit den Beinen zu schlagen.
Nachdem wir aus dem Wasser gestiegen waren, machten wir es uns wieder auf der Wiese gemütlich. Was wir dann im Einzelnen gemacht haben, will ich dir ersparen. Es reicht, wenn ich verrate, dass neun Monate später deine Mutter das Licht der Welt erblickte," sagte sie voller Verständnis um meine Verlegenheit.
Du bist nicht allein
"Nachdem deine Mutter auf die Welt kam, waren dein Großvater und ich die glücklichsten Menschen auf der Welt. Wir hatten schon immer Kinder gewollt und im Haus war ein Zimmer für das Kind reserviert gewesen. Deine Mutter wurde älter, aber es mangelte uns an nichts.
Doch das Schicksal hatte wohl andere Pläne. Dein Großvater erkrankte an schlimmem Krebs und alle Behandlungen schlugen fehl. Nach einigen Versuchen gab er auf und nahm sein Schicksal an.
Es schien mir so, als würde er sich keine Sorgen darum machen, dass es mit ihm zu Ende ging, sondern vielmehr, dass uns etwas fehlen könnte. Ich versuchte, ihn jeden Tag zu beruhigen, doch ihm war dies nicht genug.
Erst als ich ihn auf das Medaillon aufmerksam machte und ihm sagte, dass es uns gut gehen würde, solange ich es trug, beruhigte er sich und kehrte zu seinem Selbst zurück. Dein Großvater versprach mir an diesem Tag eines:
Er würde mich niemals alleine lassen, solange ich dieses Medaillon trug und er würde dafür sorgen, dass selbst der Tod mir nichts anhaben könnte. Mir war es egal, solange er der unbeschwerte, heitere Mann blieb, in den ich mich verliebt hatte.
Nur wenige Monate später rief er mich zu seinem Bett. Zu diesem Zeitpunkt konnte er es schon nicht mehr verlassen, doch hatte er immer noch diese Aura von Stärke und Wissen um sich, die ich an ihm immer bewundert hatte.
Es warten die letzten Stunden deines Großvaters und das fühlte er auch. Seine letzten Worte werde ich niemals vergessen, denn sie waren nicht ein Versprechen, sondern gleichzeitig auch ein Wunsch.
Er sagte: ‘Auch wenn ich nun sterben sollte, werde ich durch den Himmel, die Erde und das Wasser, immer über euch wachen. Kein Leid soll dir und unserer Liebe wiederfahren. Weder Tod noch Teufel sollen je eine Hand an dich legen können.‘
Für mich hörte es sich nach einem Spruch an, den dein Großvater einstudiert hatte, weil seine nächsten Worte ‘Du wirst bei der Erziehung und dem Haushalt niemals alleine sein‘‚ waren. Wie sehr Ich mich aber geirrt habe ...", sagte sie zu niemandem bestimmten. Ich verstand nicht ganz, was sie meinte, doch war das damals auch unwichtig gewesen. Es war interessanter, weiter der Geschichte zu folgen.
"An jenem Tag starb dein Großvater ohne Schmerzen. Woher ich weiß, dass er keine Schmerzen hatte? Er küsste mich in seiner gewohnten Art noch einmal zum Abschied auf die Stirn, ehe er im Kissen friedlich wegschlief."
Bei diesen Worten brach meine Großmutter in Tränen aus und diesmal wagte ich nicht, mich ihr zu nähern, da mir klar war, dass nichts auf der Welt diesen Schmerz hätte abebnen oder überdecken können. Ich wartete betrübt über meine Unfähigkeit und die Trauer, die mit der Geschichte einherging, darauf, dass sie wieder gefasster war und legte ihr eine Hand auf die Schulter, damit sie wusste, dass sie nicht allein war. Sie tätschelte mich kurz am Kopf und erzählte die Geschichte meines Großvaters zu Ende.
"Die nächsten Jahre waren etwas schwieriger, weil ich nicht nur den Haushalt und die Erziehung bewältigen, sondern auch noch ein Einkommen einbringen musste. Dein Großvater war umsichtig genug gewesen und hatte dafür gesorgt, dass uns jeden Monat eine Summe zukam, doch sie reichte gerade aus, um zu überleben. Es war schwer. Aber jedes Mal, wenn eine Schwierigkeit auftrat oder mich Betrübnis umfing, nahm ich das Medaillon in die Hand und es fühlte sich an, als würde dein Großvater neben mir stehen und mich auf die Stirn küssen, um mir zu zeigen, dass ich es schaffen würde.
Ich habe nie verstanden, wieso es mir danach so einfach gefallen war, alle aufkommenden Probleme zu lösen, doch war ich einfach nur glücklich darüber, dass ich deiner Mutter alles bieten konnte und sie gesund war. Dein Großvater hatte mit allem Recht gehabt. Ich war nie alleine. Wie es weiter ging, weißt du ja schon, denn du bist auch in unserem kleinen Häuschen nahe dem Wald geboren worden."
Als sie die Geschichte zu Ende erzählt hatte, gingen wir lange Zeit nur still nebeneinander her. Sie wirkte in Gedanken versunken und ich selbst hatte auch viel, worüber ich nachdenken musste. Vor allem darüber, was denn nun die Ähnlichkeit mit meinem einzigartigen Großvater war.Â
Irgendwann sind wir dann wieder an dem kleinen Häuschen angelangt und meine Großmutter hatte mir mein Leibgericht gezaubert.
Epilog
Warum ich ausgerechnet diese Geschichte von vielen ausgesucht habe, um sie zu erzählen? Nun, meine Großmutter ist vor einigen Jahren im Alter von 150 Jahren gestorben. Dass sie so ein Alter erreichte hatte, ist schon erstaunlich genug, doch das ist es nicht, was mich persönlich erstaunt hat.
Als ich sie fand, hatte sie zwei Zettel neben sich liegen. Einer besagte, dass sie das Medaillon mir vermachte und es mich ein Leben lang so beschützen solle, wie es sie beschützt hatte. Am Ende hat sie rausgefunden, dass es Großvater war, der sie die Jahre über so stärkte. Doch meine Mutter war nun erwachsen, es fehlte uns an nichts und meine Großmutter hatte ein erfülltes Leben. Außerdem vermisste sie Großvater sehr.
Der andere Zettel, der scheinbar älter war und, so wie er gefaltet war, aus dem Medaillon stammte, enthielt die folgenden Zeilen:
Der Tod mag einen Strich für die Liebe ziehen,
doch will ich es nicht akzeptieren.
Vielmehr will ich über dich auch dann noch wachen,
wenn mich empfing der schwarze Drachen.
Solange du das Silber hältst verschlossen,
sollst du leben unverdrossen.
Heute kenne ich die Bedeutung dieser wenigen Zeilen und auch, warum meine Großmutter nie in das Medaillon geschaut hatte. Auch ist mir nun klar geworden, warum sie immer gesagt haben, dass ich meinem Großvater ähnlich sei. Wie mein Großvater, war ich nicht zu halten, wenn ich mir was in den Kopf gesetzt hatte und sprühte vor Energie, die alle um mich herum anzustecken schien. Und auch die Poesie habe ich, wie meine Großmutter vorhergesagt hatte, für mich entdeckt. Aber ich lasse die Dinge ruhiger angehen, als zu Jundendzeiten. Denn aus Großmutters Geschichte habe ich zwei Dinge gelernt.
Erstens sind es nicht Reichtümer oder Macht, die einen glücklich machen. Es sind die kleinen Freuden und das Mysteriöse, was uns begeistert. Deshalb gebe ich in meiner Freizeit immer wieder in kleinen Dörfern Zaubervorstellungen und hoffe damit die Kinder und die Erwachsenen in meinen Bann zu ziehen und ihnen für eine kleine Weile alle Lasten zu nehmen und sie zu unterhalten.
Und zweitens, dass wahre Liebe alles besiegen und die Grenzen der Welt überragen kann. Mein Großvater hatte sie gefunden und auch meine Mutter ist noch immer im Liebeshimmel.
Ich weiß nicht, ob ich so viel Glück, wie sie haben werde, doch habe ich mir selbst versprochen, das Medaillon erst für die Frau abzulegen, der der Himmel, die Erde und das Wasser ihre Zustimmung geben.
Vielleicht sollte ich auch erwähnen, dass ich mich im letzten Monat nach einem Drachenflug erkundigt habe.