SaniTy
Kapitel I
Viele Wolkenkratzer, viel Lärm, viel Verkehr, viele Menschen: Das ist Berlin, wie es sich jeder Unwissende vorstellt. Eine Stadt der Menschen, eine Stadt voller Potential, eine Stadt, die die Zukunft prägen wird. Doch wo Licht ist, dort gibt es auch Schatten.
Und dies gilt nicht nur für große Städte. Nein, denn auch noch so kleine Sachen werfen Schatten.
In einem kleinen Dorf, 75 Kilometer entfernt von Hamburg.
DING DANG DONG
„Haha, endlich Sommerferien“ schreit Dante über den ganzen Schulhof.
Dante ist für mich ein guter Freund geworden, auf den ich mich eigentlich immer blind verlassen kann. Seine einzige Schwäche sind Mädchen. Wenn er welche sieht, vergisst er alles und jeden um sich herum und versucht sie von sich überzeugen. Meistens leider, auf meine Kosten. Doch was tut man nicht alles für einen Kumpel.
„Ey, sein doch nicht wieder so nachdenklich. Meine Fresse, wir haben Ferien“, wirft er mir vor. Gut, Recht hat er, ich sollte wirklich weniger nachdenken.
Dante und ich teilen fast denselben Weg nach Hause. Auf dem Heimweg meint er noch zu mir, dass wir uns Montag sollen, um schwimmen zu fahren. Ich stimme zu und so trennen uns unsere Wege.
Zu Hause angekommen, werde ich erstmal von meinen Eltern verständlicher Weise durchgelöchert, wie denn mein Zeugnis aussähe. Es sieht gut aus, was auch die Meinung meiner Eltern ist. Ich erzähle ihnen sofort, dass ich voraussichtlich am Montag mit Dante unterwegs bin. Erneut muss ich mir anhören, was meine Mutter von ihm hält.
„Junge, Dante ist eine so linke Sau, wieso gibst du dich eigentlich mit ihm ab.“
„Weil du ihn gar nicht richtig kennst, um so was zu beurteilen. Er ist nicht mehr so wie vor 2 Jahren, glaub’ mir.“, schrei ich sie an.
Jedes Mal dasselbe. Ich merke selbst, dass ich mich ein wenig im Ton vergriffen habe, aber bin zu stur, um es zuzugeben geschweige denn mich zu entschuldigen. Ein wenig wütend gehe ich auf mein Zimmer und an meinem heiß geliebten Computer. Mein Zimmer ist recht groß im Gegensatz zu den Zimmern meiner Freunde. Auch bin ich der einzige, der einen PC sowieso einen Fernseher in seinem Zimmer stehen hat. Andere beneiden mich darum, doch so arrogant es auch klingen mag, für mich ist es nichts Besonderes. Währenddessen ist mein PC hochgefahren und ich schau gleich nach, ob ich Post bekommen habe. Keine. Zwar habe ich das erwartet, wer solle mir auch geschrieben habe, doch bin ich ein wenig traurig.
Plötzlich stürmt mein Bruder hinein und übergibt mir mit mürrischem und vorwurfsvollen Blick, warum ich denn das Telefon nicht gehört habe, den Hörer. An dem anderen Ende des Telefons wartet Melanie, eine mittlerweile sehr gute Freundin, auf die ich mich ebenfalls verlassen kann und die mir mit so manchen Rat in Sachen Liebe und Beziehung ziemlich weitergeholfen hat. Unsere Freundschaft begann, als ich ihr Nachhilfe für Mathe gab. Da soll mir also einer mal sagen, Mathe sei nutzlos.
„Naa, Sonnenschein, wie geht’s dir?“
„Ganz wunderbar, eigentlich wie immer, wenn du mich anrufst“, schleime ich.
„ Weiß ich doch. Hat sie sich gemeldet?“ fragt sie mich.
Nein, hat sie nicht. Das wird sie auch wahrscheinlich nicht tun. Die Rede ist hier von Karin. Sie ist süß, charmant und attraktiv. Wenn ich nur an ihr Lächeln denke, wird mir ganz warm ums Herz. Jedoch ist sie sehr schüchtern und ruhig. So habe ich sie nur einmal reden hören, als wir mit ihrer Klasse zusammen auf Klassenfahrt waren. Worüber ich mich heute noch ärgere, ist die Tatsache, dass ich damals nichts unternommen habe.
Da ich nicht der Selbstbewusste bin, versuchte ich durch das Internet mit ihr Kontakt aufzunehmen. Das klappte auch alles wunderbar. Ich habe sie sogar gefragt, ob sie mit mir und ein paar anderen zusammen in der Mittagspause etwas essen geht. Naja, auf die Antwort warte ich immer noch. Deshalb auch der Anruf von Melanie.
„Nein, hat sie nicht. Ich weiß gar nicht, wie ich das weitermachen soll, geschweige denn, ob ich das wirklich noch möchte.“
„Wow, für diese Antwort hast du nun beinahe 3 Minuten gebraucht. Was hast du die ganze Zeit gemacht?“
„Hey, sei mal ein bisschen einfühlsamer, mir bricht grade das Herz“, entgegne ich ihr in einer sarkastischen Art und Weise.
„Ich verstehe die Olle nicht. Ich mein, da ist doch nichts dabei, mit jemandem in der Mittagspause essen zu gehen. Wäre es am Abend im Restaurant, dann könnte ich das verstehen. Außerdem solltet ihr ja auch nicht alleine mit ihr gehen.“, erklärt sie mir.
„Aber was ist, wenn ihr das schon zu schnell geht?“
„Zu schnell? Du musstest mal was unternehmen und das hast du ja auch getan. Nach meiner Meinung hast du dich richtig verhalten. Wenn sie dir darauf nicht antwortet, dann ist sie einfach nur verklemmt. Außerdem zu spät ist es sowieso, wir haben immerhin Sommerferien.“
Recht hat sie. Dennoch möchte ich das nicht zugeben.
„Aber, sie kö-…“
„Keine Widerrede, du weißt, dass ich Recht habe. Außerdem, wenn sie dir so entgegnet, dann schieß sie in den Wind. Das hat doch keinen Zweck. Du kannst sie schlecht zu ihrem Glück zwingen. Sie müsste sich nun melden, wenn sie wirklich etwas für dich übrig hat.“
Es folgt ein kleiner Moment der Stille.
„So, ich muss nun leider auflegen. Ich muss gleich arbeiten und deshalb auch noch duschen. Also man sieht sich. Wir machen unbedingt noch etwas in den Ferien. Bis dann und nicht so viel Nachdenken.“
„Ja, unbedingt. Ciao.“
Sie hat ja Recht, doch bekomme ich sie und ihr wunderschönes Lächeln einfach nicht aus dem Kopf. Wieso nicht? Wie gern würde ich sie hassen. Doch ich kann es nicht. Warum kann ich es nicht? Und warum kann ich nicht einfach aufhören darüber nachzudenken?
Kapitel II
Mittlerweile haben wir schon Montag und heute wollen Dante und ich schwimmen fahren. Da es uns alleine zu langweilig ist, kommen noch Melanie und ihr Freund Mark mit. Dieser ist eigentlich ganz nett, doch scheint es ihn sehr zu stören, dass ich mich so gut mit Melanie verstehe. Okay, dass kann ich ihm auch nicht verdenken. Ich würde mich dann wahrscheinlich auch nicht mögen. Wichtig ist nur, dass er ein Auto hat und wir somit leichter zum Strand können. Außerdem schlägt er sowieso nichts aus, was seine Freundin ihn vorschlägt.
Während ich mal wieder in Gedanken vertieft bin, redet Dante nur von Mädchen.
„Dann muss ich mir mal heute wieder eine anlächeln. Ey,“, er tickt mich an „Für dich müssen wir auch noch eine suchen.“ Mein Blick wandert zu Melanie. Sie fängt an zu grinsen. Es stimmt, Dante weiß nichts von meiner Herzensdame. Melanie ist die einzige, die von meinem Liebesleben Bescheid weiß. Generell bin ich der Typ, der nicht gerne seine Probleme auf andere überträgt geschweige denn überhaupt darüber spricht, wenn man es als „Problem“ bezeichnen kann. Doch mittlerweile kann ich es so nennen.
Der Wagen hält.
„So, da wären wir“, erklärt Mark und zieht die Handbremse. Langsam gehen wir aus dem Auto, nehmen unsere Sachen aus dem Kofferraum und marschieren Richtung Strand. Wie ich sehe, habe alle ihre Schwimmsachen schon an, nur ein T-Shirt bzw. Rock und T-Shirt darüber angezogen.
Am Strand selbst ist es sehr voll. Natürlich wollen viele das gute Wetter ausnutzen und man sieht, wie viele Generationen vertreten sind. Da hat man die ganz kleinen Kinder, die mit ihren Eltern vielleicht zum ersten Mal am Strand sind. Dann die Jugendlichen wie wir, die sich einen schönen Tag mit Freunden machen wollen und schließlich die Senioren, die entweder mit ihren Enkeln schwimmen gehen möchten oder aus gesundheitlichen Gründen ihre Bahnen schwimmen.
„Sooooo, hier bleiben wir!“ entscheidet Melanie und schlägt ihr Handtuch auf. „Jungs, ihr spannt den Sonnenschirm auf. Beeilung!“
„Ist ja schon gut, hetz mich nicht. Hilf mir mal!“, bittet Dante mich und ich helfe ihm natürlich. Während ich mich unter den Schirm beuge, um ihn festzustellen, sehe ich plötzlich drei Mädchen vorbeilaufen. Doch eigentlich fällt mir nur die eine auf.
Ein Mädchen mit wunderschönen, lockigen, brünetten Haaren. Die Haarsträhnen, die in ihr Gesicht fielen, klemmte sie mit ihren Fingern hinter ihr Ohr. Sie schaut in meine Richtung und lächelt. So ein wunderschönes Lächeln habe ich noch nie gesehen. Dazu noch diese wunderschönen Lippen. Wie sehr wünsche ich mir jetzt schon, mit meinen Lippen auf ihre zu tippen. Diese Figur, dieses Lächeln, dieses Mädchen. Ich bin ganz hin und weg.
„Kann es sein, dass du die Mädchen mit deinen Blicken ausziehst?“ wirft mir Mark vor und grinst mich an. Melanie schaut mich nur mit erstaunten Augen an. Ich hingegen, lächle nur ganz verlegen und merke sogar selbst, wie ich rot werde.
„So! Ich würde sagen, ab ins Wasser!“ ruft Melanie laut heraus und wir leisten ihrem Befehl Gehorsam.
Während wir uns im Wasser begnügten, halte ich die meiste Zeit nach dem wunderschönen Mädchen Ausschau. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich sie aus
den Augen verliere. Ich mein’, ich kenne nicht mal ihren Namen und bin jetzt schon ganz hin und weg. Nur wenn ich an sie denke, wird mir ganz warm ums Herz. Bin ich da nicht zu voreilig? Sollte ich sie nicht kennen lernen, bevor ich so etwas fühle. Ist das Liebe auf den ersten Blick? Ich hielt das eigentlich immer für Unsinn, aber jetzt weiß ich nicht, wie ich das sonst erklären sollte.
Doch plötzlich entdecke ich sie. Dort ist sie mit einigen Freunden. Fünf an der Zahl. Sie schmieren sich gerade mit Sonnencreme ein.
Auf einmal ballert mir jemand einen Ball an den Kopf. Ich tauche kurz unter und sofort wieder hoch und höre schon Dantes Stimme:„Ey, nicht spannen, du kleiner Lustmolch.“
Ich denke mir zuerst: „Was will der Spinner?“, aber dann merke ich selbst, dass es bestimmt komisch von außen ausgesehen haben muss, wie ich dort im Wasser stehe und fünf Mädchen anschaue. Was bin ich doch für ein Idiot. Was ist, wenn sie das gesehen hat und mich nun für einen Notgeilen hält. Damit wäre der erste Eindruck natürlich völlig zerstört und wie ein Sprichwort sagt: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Also reiß dich, verdammt noch mal, am Riemen.
„Komm lass uns zum Sprungturm“ ruft Mark und Dante leistet seinem Befehl Folge.
Melanie hingegen lehnt ab und meint, dass sie nun zurück zu unserem Platz geht und auf die Sachen aufpasst. Ohne jegliche Begründung folge ich Melanie.
„Mhmm, willst du mich nicht alleine lassen oder gibt’s es eventuell einen anderen Grund, warum du mit mir zum Platz gehst?“ Sie grinst mich an.
Gemeinsam gehen wir aus dem Wasser und trocknen uns ab. Ich zieh mein T-Shirt über.
Erneut schau ich mich um, ob ich „sie“ wieder finde, aber an dem Platz, wo sie vorher waren, sind sie nicht mehr. Die Handtücher liegen noch da, also muss sie zweifelsohne hier sein. Bloß wo? Hektisch analysiere ich das ganze Strandgelände. Doch ich kann sie nicht finden.
„Falls du dieses Mädchen suchst, das ist beim Sprungturm.“, erklärt mir Melanie.
Schnell streite ich ab: „Welches Mädchen meinst du?“
„Du kannst mir nichts vormachen!“ Während sie das sagte, zog ich mein T-shirt aus und lief Richtung Sprungturm.
“Ich geh mal zu Dante und Mark, alles klar?“
„Du bist zu leicht zu durchschauen“, bekomme ich grinsend als Antwort.
Ich hätte ja jetzt theoretisch alles abstreiten und damit eine Diskussion in Gang setzen können, aber ich bemerke schnell, dass es eigentlich keinen Zweck hat. Außerdem findet sie sowieso raus, wenn ich lüge. Also schau ich sie kurz mit einem schon alles sagendem Grinsen an und begebe mich zum Sprungturm.
Von weiten sehe ich schon Mark und Dante, die gerade auf den Weg zu dem 3-Meter-Brett sind. Es ist wirklich rappelvoll. Aber bei dem schönen Wetter wäre es ja auch schade drum, wenn hier wenig los wäre. Ich warte bis sie gesprungen sind, erst dann gehe ich zu ihnen.
„Ahh, jetzt doch hier? Hast du meinen Sprung eben gesehen? Zucker, sag ich nur“, behauptet Dante, „Ich will es jetzt aber noch schaffen, einen 1 ½ Salto zu machen.“
Wir drei laufen langsam wieder zum Sprungbrett und stellen uns an. Dabei erkläre ich ihm auf meine freundliche Art: „Das kann aber leicht in die Hose gehen oder eher auf den Rücken. So viel ich weiß, ist es sehr schwierig das Gleichgewicht zu halten. Somit ist es sogar einfacher einen 1 ½ Rückwärtssalto zu machen. Aber mach du ruhig. Lustig wird’s auf alle Fälle.“
„Das ist der doch!“ „Weißt du, wie er heißt?“ „Nein, und jetzt hört auf. Er kann uns hören.“
Ich höre, wie hinter mir getuschelt wird. Ich dreh mich nur halb um, um herauszufinden, wer das hinter mir ist. Mit einem Ruck schaue ich wieder nach vorn. Ich glaube es nicht. Wie konnte ich das nicht bemerken. Das ist „sie“. Mit zwei Freunden. Stand „sie“ schon die ganz Zeit hinter uns? Hat „sie“ gehört, was ich gesagt habe? Was soll ich denn jetzt machen? Soll ich mich umdrehen und „sie“ ansprechen? Aber was soll ich denn sagen? Verdammt! Wenn doch nur Melanie nun hier wäre.
Doch ich fasse meinen gesamten Mut zusammen und dreh mich langsam um, noch nicht wissend, was ich eigentlich sagen werde. Vor mir sehe ich drei Mädchen, die mich momentan erwartungsvoll anschauen. Vom nahen sieht sie ja noch schöner aus.
Moment, jetzt ist nicht die Zeit in Gedanken zu versinken. Als ich grad meinen Mund öffne, um die Wörter herauszubringen mit denen ich mich bekannt mache werde:
„Also… i-“, unterbricht mich Dante ohne zu wissen, was er gerade für einen Unheil anrichtet. „ Endlich sind wir an der Reihe. So, ich will jetzt was von dir sehen.“ Er schubst mich nach vorn und damit weg von „ihr“.
Da stehe ich nun, auf einem Drei-Meter-Brett, knochentrocken und unfähig mit ihr zu sprechen. Und wieder einmal denke ich darüber nach, wie es hätte anders laufen können. Doch es hilft ja sowieso nichts. Ich nehme Anlauf, springe mit einem großen und hohen Satz vom Brett aus ab, mache einen Salto und lande perfekt mit den Füßen zuerst im Wasser. Geradezu filmreif. Doch stelle ich mit dem Eintritt in das wirklich eiskalte Wasser fest, dass das Beobachten oder Beobachtet zu werden, generell nur die Angst davor ist, den nächsten Schritt zu wagen. Ich muss sie ansprechen. Das ist mein nächster Schritt.
Kapitel III
Ich steige aus dem sich noch immer eiskalt anfühlenden Wasser. Es müssen Taten vollbringen werden. Ein Held ging nicht in die Geschichte, weil er nur tatenlos überlegt hat. Er wurde Held, weil etwas tat, was ihn voranbrachte. „Sie“ anzusprechen ist meine persönliche Heldentat.
Ich schaue mich um, fest entschlossen, meinen nächsten Schritt zu wagen. Ich sehe sie nicht. Sie war doch eben noch hier. Weit kann sie ja nicht sein. Ist sie schon geflüchtet, als ich grad auf dem Brett stand? Das kann doch nicht wahr sein. Von hier aus kann ich ihren Platz nicht genau sehen. Ich entschließe mich zuerst zu unseren Platz zu gehen, der direkt auf den Weg zu dem Platz von „ihr“ liegt. Schon von weitem erkenne ich Melanie, wie sie sich sonnt. Momentan ist mir dies aber schlichtweg egal. Als ich bei ihr ankomme, bin ich schon trocken, da ich vor lauter Adrenalin mich schnell fortbewegt habe.
Irgendetwas teilt mir Melanie mit. Doch komplett in meinen Gedanken versunken, achte ich nicht auf ihre Worte. Ich kann sie nicht finden. Ich muss sie finden.
Erst jetzt bemerke ich, dass die Handtücher alle von ihrem Platz verschwunden sind. Macht sie sich jetzt schon auf den Heimweg? Dann wäre alles zu spät. Mein Blick wandert Richtung Ausgang und da ist „sie“ mit einer großen Tasche in der rechten Hand. Habe ich bereits erwähnt, wie sie schön sie ist? Mit einem Losschütteln meiner Gedanken, renne ich in ihrer Richtung.
„Schnapp sie dir, Tiger!“, höre ich noch Melanie rufen. Ich denke mir sofort:
„Oh ja, das werde ich.“
Je näher ich ihr komme, desto weicher werden meine Knie, desto zittriger mein Atem und desto zerbrechlicher wird meine Entschlossenheit. Ich habe Angst. Angst davor, eine negative Reaktion zu bekommen. Eine Reaktion, die tiefe Wunden hinterlassen kann. Doch kann man nicht wissen, wie kalt das Wasser ist, wenn man nie hineinspringt.
Man kann nicht wissen, wie schmerzhaft ein bestimmter Zustand sein kann ohne ihn erlitten zu haben.
Ich berühre sie leicht mit meiner linken Hand an ihrer rechten Schulter. Ich spüre ihre warme, weiche Haut. „Sie“ dreht ihren Kopf nach rechts und schaut mich an.
Vorher noch einmal gedanklich geschluckt, frage ich:
„Ähmm, d-du bist mir aufgefallen und da dachte ich, i-ich frag dich mal nach deinen Namen“, ich merke selbst, wie ich ein wenig stottere und mein Gesicht rot anläuft.
Sie antwortet mir mit engelsgleicher Stimme:
„Huh? Mein Name? Mehr willst du nicht wissen?“ Sie zwinkert mir zu.
„Ähmm… also eigentlich wollte ich, ähmm, du könntest … m-mir j-“
„Mein Name ist Henrietta und ja, ich bin stolz auf den Namen. Ich weiß doch, was du möchtest“, sie lächelt mich an und reicht mir einen Zettel mit ein paar Ziffern drauf, „Hier, bitte!“ Nach einem kurzen Moment der Stille und nachdem ich realisiert habe, was grade vorgefallen ist, sagt sie:
„Ich höre dann später von dir, ja?“ Mit einem Lächeln dreht sie sich um. Ihre noch ein wenig feuchten Haare schweben förmlich zur Seite und auf ihren Schultern. Ich stehe dort wie angewurzelt. Was ist gerade passiert? Ich kann es noch nicht fassen. Mein Mund bleibt geöffnet. Doch unterbricht mich Melanie in meiner Phase der Versteinerung.
„Lief gut, was?“, fragt sie mich, als hätte sie den Verlauf unserer Begegnung vorausgeahnt.
„Wusstest du das etwa?“, frage ich Melanie misstrauisch und doch zugleich glücklich.
„Jap. Rate mal, wer vor kurzem erst bei mir war, während du beim Sprungturm warst.“ Ich kenne natürlich die Antwort. Doch bevor ich fragen kann, - wie „sie“, ich kann „sie“ nun Henrietta nennen, es so schnell geschafft hat, vom Sprungturm zu Melanie zu kommen und gleichzeitige ihren Platz aufzuräumen, sich umzuziehen und Richtung Ausgang zu laufen – unterbricht mich Melanie mit den Worten:
„Ich seh’ es dir schon an: Du denkst zuviel! Sie kam angerannt und fragte mich nach deinem Namen und wo du wohnst. Wenn das kein gutes Zeichen ist. Ich will ja nicht voreilig sein, aber ich denke, dass kann schon was werden mit euch beiden!“ Sie lächelt. Kaum von der Gesichtsröte von eben erholt, ist sie nun wieder da. Mein Blick wandert auf den Zettel, der ihre Handynummer enthält. Er erfüllt mich mit purer Freude.
Doch meine Euphorie wird durch Dante unterbrochen. Er und Markhaben ein paar Mädchen im Schlepptau und schlendern unserem Platz. Melanie läuft auf Mark zu und gibt ihm einen leidenschaftlichen Kuss, so als wolle sie ihr Revier markieren.
Daraufhin entfernen sich ein paar der Mädchen, so dass nur noch zwei übrig bleiben.
Dante flüstert mir zu:
„Hey, psst, die Brünette da mit dem schwarzen Bikini. Die ist doch was für dich. Ich habe ihr erzählt, dass du sehr sportlich bist! Also, vermassel’ es nicht!“
Ich schaue ihn mit leerem Blick an, denn den habe ich mittlerweile wirklich gut drauf.
„Was denn? Hey, du brauchst auch mal wieder einen Umgang mit einem Mädchen.“, ich wende mich in Melanies Richtung und schaue ihn dann mit vorwurfsvollen Blick an.
„Ja, ich mein’ nicht auf freundschaftlicher Basis.“
Ich zeige ihm mit breitem Grinsen den Zettel von Henrietta.
„Huh? Was ist das? Warte, ist das von „der“, die du ganze Zeit angegeierst hast?“
Manchmal staune ich über Dantes Wortwahl, dennoch nicke ich.
Auf einmal nimmt er mich in den Schwitzkasten und schreit laut heraus:
„Ich war nie stolzer auf dich!“
Alle lächeln und strahlen, ja selbst ich, oder sollte ich besser sagen, gerade ich, denn ich hab allen Grund dazu?
Es wird langsam Abend und auch Melanie, Mark, Dante und ich entschließen uns langsam die Heimreise anzutreten. Wie ich sehe, hat auch Dante jemanden gefunden, den er sehr herzlich verabschiedet. Fragend blicke ich ihn an, um mehr über seine Dame zu erfahren.
„Sie heißt Vanessa. Sieht sie nicht geil aus?“ Melanie verdreht die Augen während sie Mark umarmt und ihn auf die Lippen küsst. Die Vorstellung, dass auch ich dies eventuell mit Henrietta bald machen könnte, zaubert ein breites aber auch verlegenes Grinsen auf mein Gesicht, das mit der nun zunehmend roten Farbe perfekt ergänzt. Doch sollte ich es nicht überstürzen. Generell soll man ja erst zweit Tage, nachdem man die Handynummer bekommen hat anrufen, zumindest kommt dies meist in irgendwelchen Filmen vor, doch kann ich es jetzt schon kaum erwarten ihre Stimme zu hören. Soll ich sie doch gleich morgen schon anrufen? Ich weiß es nicht, doch unterbricht mich Dante in Gedanken und nimmt mir die Wörter aus dem Mund, als er sagt:
„Jungs und Mädels, ist heute nicht ein wirklich wunderbarer Tag?“
Oh ja, das ist er!