Beschreibung
Was passieren kann, wenn man sich auf die Vergangenheit einlässt ...
Berlin - Drehbühne des Lebens
Am zweiten Tag in Berlin rief ich ihn an, meinen ältesten Freund überhaupt. Wir hatten uns länger als zwanzig Jahre nicht gesehen und ich schlug ihm vor, uns vor dem Eingang des KaDeWe zu treffen.
„Damit du mich erkennst: Ich habe einen schwarzen Rucksack und in der rechten Hand ein kleines rotes Buch.“ – „Und ich habe jetzt einen Irokesen-Haarschnitt“, sagte er. Ich unterdrückte ein Erstaunen.
Dann stieg er aus dem 19er Bus, der inzwischen geadelt war und nun M 19 hieß. Ich erkannte ihn, den Freund von früher, gleich wieder und begann auch die Bedeutung der Frisur zu erahnen. Wir fuhren im Kaufhaus nach oben, wo es beste heiße Schokolade zu trinken gibt. Ich nahm trotzdem einen Café crème. Unterwegs kamen wir an den Stätten zweier Episödchen vorbei, die ich mal in „Fischverkäufer wird Geheimagent“ beschrieben habe. Gott, war das lange her … Und das ist eine Phrase.
Nachher machte er eine Führung mit mir. Alle diese Straßen und Plätze in Schöneberg kannte ich von früher, ich hatte die meiste Zeit in Berlin in der Nähe gewohnt. Auch ich war hier in vielen Nächten unterwegs gewesen. Er führte mich rasch zu immer neuen Geschäften, Bars, Cafés. Wir sahen meistens nur kurz hinein und an vielem gingen wir bloß draußen vorbei. Nur in zwei Buchhandlungen und in einem Café verweilten wir länger. Mir kamen diese Stunden mit ihm wie ein Akt der Desensibilisierung vor. Es war ja so: Ich hatte dieser Welt vor langer Zeit schon den Rücken gekehrt und mich seitdem je länger, je mehr vor einem erneuten Blick in sie hinein ein wenig gefürchtet. Würde es mich noch beunruhigen?
Die Szene war breiter und vielfältiger geworden. Ich prüfte mich: Es war kein Neid, was ich empfand – ich gönnte es den Jüngeren von heute. Ich freute mich für sie und staunte über ihre Möglichkeiten, über die Ausstattung der Kneipen, die bunte Warenwelt der Läden. Wir gingen durch ein Geschäft, das Uniformen fast jeder Art anbot, darunter auch echte Polizeiuniformen. Wir lachten über das darüber angebrachte Schild: Verkauf zulässig nur an Polizisten und Schauspieler!
Er hatte zum Schluss noch eine Überraschung für mich. Wir standen vor dem Eingang einer früheren Disco, meiner allerersten Stammkneipe. Damals war ich blutjung gewesen und hatte klingeln müssen und sie hatten mich zuerst nicht hineinlassen wollen … Jetzt stand die Tür schon am frühen Abend für jeden weit offen. Im Übrigen schien alles unverändert. Wir bogen um die Ecke und ich hatte den Tresen vor mir. Auf einmal griff meine Hand nach meiner Herzgegend. Die Brieftasche! Hier war sie mir damals gestohlen worden, dann hatte ich sie per Post geplündert zurückerhalten. Meine alte Brieftasche und ich, wir trieben uns noch immer herum, wir waren jetzt an diesen Ort zurückgekehrt …
Die Szene verwandelte sich wie in jenen Träumen, in denen die Orte unserer Erinnerungen sich überlagern, ineinander fließen. Der Tresen erschien mir plötzlich verkürzt und wo die Tanzfläche gewesen war, begannen jetzt dunkle Höhlen. Mein Freund zog mich ein Stück hinein. Unheimlich, es war unheimlich. Nicht dass mir dunkle Räume wie diese Angst machen konnten – ich hatte sie erlebt und hinter mir gelassen. Unheimlich war vielmehr dieses Zusammenziehen aufeinander folgender Abschnitte des Lebens an einem einzigen Ort. Die Schauplätze unserer Geschichte verwandeln sich also nicht nur, sie haben ihr Eigenleben und folgen selbst verspätet unseren Vorlieben? Wieder kam mir das Wort von Hans Henny Jahnn in den Sinn: Wir sind nur die Schauplätze von Ereignissen. Und die Schauplätze verlagern sich eben, autonom sind allein die Ereignisse.
Ich ging schnell auf die Straße. Der Barmann rief uns etwas hinterher, ironisch bedankte er sich für unseren kurzen Besuch.