Krimis & Thriller
Sternenzug

0
"Niemand weiß, ob der neue Tag auch ein guter Tag werden wird... "
Veröffentlicht am 29. April 2019, 18 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten... Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen. Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte... Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar. Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig: Paris und Venedig... 09.Mai 2015 Ich habe heute erfahren müssen, dass Silvi ...
Niemand weiß, ob der neue Tag auch ein guter Tag werden wird...

Sternenzug





In Memoriam für die beiden Polizisten,

die erst im Dienst getötet und deren Gräber in Berlin-Neukölln von Unbekannten jüngst im April diesen Jahres geschändet wurden…

Bleistift






Sternenzug


Thriller

Sternenzug Samstag, kurz vor Mitternacht stieg ein älterer uniformierter Polizist am Stadt-Zentrum in eine mäßig besetzte S-Bahn ein, um seinem ohnehin schon reichlich verspätet begonnenen Feierabend entgegenzufahren. Er hatte dabei noch Glück gehabt, denn diese Bahn war in der Tat die letzte, die noch im 10-Minuten-Takt verkehrte. Eine Bahn später und er hätte wohl, oder übel eine geschlagene halbe Stunde auf den nächsten Zug warten müssen. So war er dennoch heilfroh, diesen Zug überhaupt noch erwischt zu haben, denn seine Frau hatte ihn kurz zuvor noch telefonisch wissen lassen, dass sie mit einem liebevoll vorbereiteten Abendessen an ihrer beider Hochzeitstag

trotzdem noch auf ihn warten würde.

Während er unmittelbar mitten im Gespräch im vorderen Teil des S-Bahn-Wagons einer kleinen Gruppe alkoholisierter und lautstark grölender Teenager im Zug gewahr wurde. »Ich melde mich später noch einmal, Schatz, ich muss erst einmal nachsehen, was da los ist. Denn da vorne in der Bahn, da scheinen irgendwelche Typen ein bisschen verrückt zu spielen.« »Sei bitte vorsichtig«, ermahnte ihn seine Frau am Telefon. »Bin ich doch immer, kennst mich doch, es sind doch nur wieder ein paar Jugendliche, die mit ihrer Kraft nicht wissen, wohin. Teenager eben, mach dir also bitte keine Sorgen …«, erwiderte er lächelnd und beendete das

Telefonat.

Dann begab er sich in den vorderen Teil des S-Bahn-Wagens und sprach die Jugendlichen daraufhin mit einigen klaren Worten direkt an, »Piano, etwas mehr Piano bitte, meine Herrschaften und nehmen Sie bitte die Füße von den Sitzbänken…« Ein besonders anmaßender und überaus kecker Witzbold zündete sich unterdessen vor den Augen des Polizisten recht provokatorisch eine neue Zigarette an und schmetterte seine eben erst geleerte Bierflasche krachend gegen die geschlossene Metalltür des S-Bahn-Wagons, sodass die Flasche dabei sogar zu Bruch ging und die Glasscherben nur so umherflogen. Dann riss er dem völlig überraschten Polizisten flugs dessen

Schirmmütze vom Kopf, um sie im nächsten Moment laut lachend seinen johlenden Kameraden zuzuwerfen. Das sich daraus entwickelnde Fangespiel mutierte im Sekundenbruchteil allerdings vollends zu einer kompletten Farce, als der aufgebrachte Polizist natürlich vergeblich versuchte seine Dienstmütze wieder zurückzuerlangen. Die übrigen Fahrgäste im Abteil verhielten sich still, als ginge sie das Ganze alles nichts an und beobachteten dafür aber nun deutlich interessierter den Verlauf jener Ereignisse. Nur einige wenige schüttelten lediglich verständnislos den Kopf. Offensichtlich konnte, oder wollte jedoch niemand wirklich in die bereits eskalierende Situation einschreiten, um diesem unsäglichen Possenspiel endlich

ein Ende zu bereiten. Einige der nächtlichen Fahrgäste konnten sich sogar ein verstohlenes Grinsen nicht verkneifen und fühlten sich augenscheinlich gar köstlich von dieser im höchsten Maße unwürdigen Narretei bestens unterhalten. So bemerkte letztlich auch niemand, wie sich die Sache zunehmend verselbstständigte und sich unaufhörlich, geradezu gefährlich, aufzuschaukeln begann. Plötzlich hatte einer der randalierenden Jugendlichen ein Springmesser in der Hand und ließ dessen lange Klinge aus dem Schaft herausspringen, während ein anderer parallel dazu sein edelstahlglänzendes Butterfly-Messer aufblitzen ließ. Ein ziemlich stark angetrunkenes, schlankes Mädchen aus der sechsköpfigen Gruppe jener jugendlichen

Teenager kreischte beinahe schon wie hysterisch, »Stecht das Bullenschwein doch ab!...« Und die beiden messerbewaffneten Jugendlichen bewegten sich nun tatsächlich in gebückter Haltung auf den Polizisten zu und fuchtelten mit ihre jeweiligen Stichwaffen immer wieder vor der Nase des in eine Ecke des Wagons zurückweichenden Polizisten herum. »Hört mal Jungs, ich will nicht, dass dies alles hier ein schreckliches Ende nimmt, also lasst eure Messer fallen, denn noch können wir die Situation jederzeit und ganz unblutig bereinigen…«, sagte der Polizist plötzlich laut und vernehmlich, während er nun jedoch schon mit dem Rücken zur Tür stand. »Ja, das hättste gerne, was? Jetzt, wo dir der

Arsch auf Grundeis geht. Aber daraus wird nichts Alter, denn jetzt gibt es erst mal voll was auf die Fresse…«, sagte der Typ mit dem Butterfly grinsend und ließ das lange Messer geschickt in seiner Hand rotieren. Der Polizist nickte erkennbar maßlos enttäuscht und mit einer Geschwindigkeit, die ihm in dieser Situation niemand zugetraut hätte, riss er seine Dienstwaffe aus dem Holster. Mit einem vernehmlichen Schnappen des Schlittens hatte er die Waffe blitzschnell durchgeladen und entsichert. Jetzt richtete sich der schwarz-brünierte Lauf jener Sig Sauer P320 auf den Butterfly-Mann, der jedoch unentwegt näher kam. »Das Messer weg und keinen Schritt näher...«, drohte der Polizist nun gefährlich

leise und scheinbar völlig unbeeindruckt von seinem siegessicheren Angreifer. »Stech ihn ab«, kreischte das bunt tätowierte, angetrunkene Mädchen erneut und sprang mit ihren schmutzigen, schwarzen Schaftstiefeln auf die kunstledergepolsterte Sitzbank. Der Butterfly-Mann grinste, als er die geladene Pistole in der Hand des Polizisten sah, »Du feiges Bullenschwein, jetzt fühlst‘e dir stark, wa? Aber du darfst ja sowieso nicht schießen, also schieb‘ ma lieber gleich die Knarre rüber, bevor du dir damit noch selber int Knie schießen tust, du…« Noch bevor der jugendliche Ganove seinen Satz zu Ende ausreden konnte, hatte der Polizist den Arm hochgerissen und im selben Moment auch schon den Abzug an der Waffe

durchgedrückt. Fast zeitgleich mit dem lauten Knall verlosch sofort die Innenbeleuchtung des S-Bahn-Wagons und kurz darauf flammte immer wieder in kurzen, unregelmäßigen Intervallen die automatisch aktivierte Notbeleuchtung auf. Ein markerschütternder Schrei ertönte, worauf dann nur noch lautes Kampfgetümmel zu vernehmen war. Eine gefühlte Ewigkeit später peitschte ein weiteres erschreckend lautes Schussgeräusch durch den dunklen Wagon. Eine abgefeuerte leere Patronenhülse prallte laut klimpernd gegen eine der Fensterscheiben des S-Bahn-Zuges und fiel anschließend zu Boden. Während plötzlich im nächsten Augenblick schon alles durcheinanderwirbelte. Ein Fahrgast im hinteren Bereich des Abteils hatte sich wohl

nun doch dazu entschlossen die Notbremse zu ziehen, als die Innenbeleuchtung gänzlich ausgefallen war und das gelegentlich aufflammende Notlicht diese gespenstische Szenerie nur noch sporadisch erhellte. Eine junge Studentin kniete über und über mit Blut bespritzt, heulend und mit hängenden Schultern vor den beiden regungslosen Opfern auf dem Fußboden. Sie hielt die Pistole des Polizisten in der Hand und hatte damit dem Butterfly-Mann in den Kopf geschossen, während der noch mit unzähligen Messerstichen, wie ein tollwütiges Tier unentwegt auf den bereits am Boden liegenden Polizisten eingestochen hatte… Die offenen Augen des Polizisten indes blickten starr an die Decke, dort wo seine

Kugel ein Loch in das metallene Dach des S-Bahn-Wagons geschlagen hatte. Grade so, als wollte er in jener sternenklaren Nacht durch dieses Loch den Zug der Sterne am dunklen Berliner Firmament beobachten… ***






















Impressum Cover: selfARTwork Text: Bleistift © by Louis 2019/4 last Update: 2024/12


0

Hörbuch

Über den Autor

Bleistift
Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten...
Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen.
Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte...
Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar.
Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig:
Paris und Venedig...

09.Mai 2015
Ich habe heute erfahren müssen, dass Silvi Bredau am Samstag, dem 25. April 2015
ihren Kampf gegen den Krebs endgültig verloren hat...
Ich schäme mich meiner Tränen nicht...
Louis

Leser-Statistik
29

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
FranckSezelli Lieber Louis,
ein furchtbares Szenario! Aber in diesem Land leider realistisch. Atemlos habe ich deine grauenhafte Geschichte gelesen.
Sie ist wirklich berechtigt den beiden Polizistinnen gewidmet, von denen du anfangs geschrieben hast.
Trotz dieser nicht gerade beruhigenden Situation in diesem Land wümsche ich dir eine ruhige, besinnliche Weihnachtszeit.
Liebe Grüße von Franck
Vor ein paar Monaten - Antworten
Bleistift 
Merci, lieber Frank fürs Lesen und Kommentieren meiner fiktiven Geschichte vor dem Hintergrund mit diesem wahrlich grauenhaften Szenario, die aber den Werteverlust in unserer Gesellschaft leider mehr als deutlich macht. Während im Osten Europas und anderswo in der Welt der Wertevelust der Demokratie immer drastischere Formen annimmt...
Menschenleben zählen da immer weniger, währenddessen in den rasant aufstrebenden Autokratien dieser Welt aber Macht, Geld und brutale Gewalt immer mehr an Bedeutung gewinnen...
Wenn ich jetzt ein notorischer Pessimist wäre, würde ich sagen, diese Spezies Mensch hat erwiesenermaßen leider keine Zukunft auf diesem Planeten...
Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung immer zuletzt...
Dir eine angenehm friedliche Adventszeit... :-)
LG ins Südfranzösische
Louis :-)
Vor ein paar Monaten - Antworten
Enya2853 Was für ein entsetzliches Szenario, lieber Louis, das du hier zeichnest. Leider sind diese Angriffe auf Polizisten und andere Ordnungshüter noch mehr geworden. Auch Notfallsanitäter und Feuerwehr bleiben nicht verschont.
Das Problem ist auch das Wegschauen und NIcht-zur-Kenntnis-Nehmen der nichtbetroffenen Menschen. Es mangelt an Zivilcourage. Dabei ist es erwiesen, dass man solchen Angriffen begegnen kann, wenn sich mehrere zusammenschließen und verbal dagegen gehen. Allerdings muss das recht schnell passieren. Sind erst mal Waffen im Spiel, ist es meist zu spät.

Generell nimmt ja wohl die Gewaltbereitschaft zu, ein Zeichen dafür, wie groß der Frust in der Gesellschaft ist.

Deine Geschichte ist gut geschrieben und spiegelt den Trend, der heute herrscht.
Mir haben sich beim Lesen alle Härchen aufgestellt.

Liebe Grüße und dir hoffentlich eine friedliche Vorweihnachtszeit.
Enya
Vor ein paar Monaten - Antworten
Bleistift 
Ja, merci, liebe Enya, aber das ist leider schon ein Teil bitterer Realität in unserem Lande, vor der wir allerdings nicht die Augen verschließen dürfen. Ich sehe in der Tat in dieser Form bereits eine ernste Gefahr für unsere Demokratie, wenn die gesamte Gesellschaft in einer angemessener Form nicht etwas Grundsätzliches gegen diese Erscheinungsformen unternimmt.
Täter werden immer jünger und werden zudem im Internet ideologisch instrumentalisiert, antisemitische Ausfälle und Judenhass wird wieder offen propagiert, Frauen werden ermordet, weil sie Frauen sind und die Justiz kommt kaum noch nach, all die als Straftaten deklarierten Gesetzesverletzungen umfänglich zu ahnden...
Und das alles, während die Feinde der Demokratie weltweit und allerorts ihr Übriges tun, um die Diktaturen des Mittelalters wieder salonfähig zu machen...
Dir auch eine frohe Vorweihnachtszeit mit den verbliebenen Adventtagen... ...smile*
LG zu Dir
Louis :-)
Vor ein paar Monaten - Antworten
KaraList Ich werte diese Geschichte als sehr gut geschriebenen Tatsachenbericht, lieber Louis. Eine Situation, die in jeder Stadt, in jedem öffentlichen Verkehrsmittel unseres Landes hätte eintreten können ... und ähnliche Fälle gab es ja bereits.
Vor dem in der Einleitung erwähnten Hintergrund gewinnt die Geschichte besonders an Brisanz.
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
Liebe Kara,
danke für das Lesen, Kommentieren und für das Geschenk
zu dieser dramatischen Story......smile*
Nun ja, Tatsache ist, dass diese vorsätzlichen tätlichen Angriffe
auf Ordnungshüter, Feuerwehrkräfte und Nothelfer im Diensteinsatz
im Vergleich drastisch zugenommen haben und allein das zeigt mir,
dass die Politik und die Justiz nicht in der Lage sind, diesen fatalen
Trend wirkungsvoll zu begegnen. Es kennzeichnet auf besonders
dramatische Art und Weise den Verfall der staatlichen Ordnung und
rüttelt damit an den Grundfesten unserer bürgerlichen Gesellschaft...
LG
Louis
Vor langer Zeit - Antworten
Feedre Ich hab es wirklich mit Gänsehaut gelesen....
manchmal läuft alles aus dem Ruder, vor allem
wenn Drogen oder Alkohol im Spiel ist.....grausige
Vorstellung, dass man selber mit so einer Situation
konfrontiert werden könnte.....
lieben Gruß
Feedre
Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR 
Oh Mann, das war alles irgendwie zu schnell und zu unübersichtlich für mich, das würde ich nicht lebend überstehen.
GlG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
Darkjuls Unfassbar, wie schnell sich eine Situation hochschaukeln kann und wie respektlos die Jugend ist. Es bleibt nicht nur mehr beim Wortwechsel. Deine Geschichte geht unter die Haut. Lieben Gruß´Marina.
Vor langer Zeit - Antworten
Friedemann 
Hier ein Zitat aus dem CICERO, das auch gut zu Deiner Einleitung passt: Als Polizist kann man es derzeit niemandem Recht machen. Wenn Straftaten begangen werden, hat man versagt, wenn man dagegen vorgeht, ist man Rassist. Die Verachtung von Soldaten und Polizisten ist seit den 68ern salonfähig. Kein Wunder, dass kaum noch jemand Lust auf die Drecksarbeit hat

Liebe Grüße
Friedemann
Vor langer Zeit - Antworten
Zeige mehr Kommentare
10
13
0
Senden

161727
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung