Small Blue thing
Das Alter ist gekommen, jeden zweiten Satz mit einem Bekannten oder jedem, den man länger nicht gesehen hat mit:“ Die Zeiten haben sich verändert.“ Oder gern auch: „Die Zeit ist jetzt aber wirklich vergangen.“ zu beginnen. Ja, irgendwas hat sich geändert. Die grauen Haare kann ich beobachten wie sie sich ausbreiten und die Kontrolle übernehmen. Manche sind so starr und lang, dass ich denke, sie haben eine Überwachungsfunktion oder es sind Späher, die erkunden wohin man noch wandern kann. Samstag Abend um 22.30 einfach ins Bett gehen, weil man sich auf
die Ruhe des Sonntags freut spricht auch schon Bände. Dazu kommt auch der Fakt, dass man sich auf manchen Parties oder in Clubs oft wie der Alte Gaffer vorkommt den ich früher immer belächelt habe und in meiner Jugend zu meinen Kumpels gesagt habe, dass der auf jeden Fall den Absprung nicht geschafft hat. Über das Leben zu sinnieren ist mittlerweile fast spannender als daran teilzunehmen. Aktivitäten werden vom Wetter abhängig gemacht und spazieren gehen über Stunden könnte den Anschein erwecken, dass ich durchgedreht bin. Ich denke nicht mehr über Sex nach und mein Verständnis für die neue Emanzipation schwindet zunehmend.
Gespräche werden anstrengend und schon im Vorhinein ist mir der Null Mehrwert bewusst. Daheim hatte ich noch vor wenigen Jahren keine bequemen Klamotten zum lümmeln und gammeln. Darauf war ich immer sehr stolz. Heute besitze ich sowas und fühle mich darin pudelwohl. Heute bin ich aber auch zuhause. Gehe manchmal gar nicht mehr raus und komme mir dabei nicht schlecht vor. Was macht uns wirklich traurig wenn wir eine Beziehung verlieren? Was lässt es so schmerzhaft sein?
Die Stunden der Einsamkeit sind gefährlich, sie sind wie eine Krake die einen von allen Seiten umarmt und bewegungsunfähig macht. Dazu die
Atemnot und keine Chance mehr, einen klaren Gedanken zu fassen. Beklemmend und klaustrophobisch. Und am schlimmsten finde ich das Mitteilungsbedürfnis der Menschen heute und du siehst wie es ihr gut geht, mit jemand anderen glücklich ist und die Bilder und Orte und Unternehmungen und Gefühle erwecken den Eindruck, das nur mein Gesicht ausgetauscht wurde. Die Ersetzbarkeit. Natürlich ist jeder ersetzbar. Natürlich geht alles weiter. Natürlich weiss ich das. Aber es schmerzt. Es tut weh wie eine offene Wunde. Aber die offene Wunde kann versorgt werden.
Ich sehe dich lachen und ich sehe die
Umarmung und die Herzlichkeit und ich sehe wie ich nicht lache, mich nur die Krake umklammert und wie meine Gefühle, meine Empathie und Hoffnung zerbrechen wie altes, sprödes Porzellan.
Der Baum vor meinem Fenster treibt schon wieder aus. Die Busfahrer unten an der Strasse beginnen wieder ihren Dienst. Jörgs Vater ist gestorben und wird die Tage bestattet und alles geht weiter. Es geht natürlich einfach weiter. Es ist gut so. Ich bin der Einzige für den unsere Trennung erst gestern war. Ich stehe still.
Was soll ich dir vorwerfen? Das du glücklich bist? Nein. Ich kann wieder nur meine Klappe halten und mir selbst dabei
zusehen wie ich mich nach und nach auflöse und meine Fassade die Essenz meiner Persönlichkeit wird. Der Umgang mit mir wird dadurch nicht einfacher. Ich tue niemandem mehr weh. Ich wehre nur noch ab. Lieber einmal kurz vor den Kopf gestossen als Herzschmerz hinterher.
Liebe ist doch wie eine schwere Droge. Ich verstehe nach und nach und ich war nie der Drogentyp.