Nebel
Den plötzlichen Kälteeinbruch habe ich in Christianes warmem Bett, an ihrem herrlichen nackten Brüsten ruhend, eher nicht wahrgenommen. Als ich aber kurz nach Mitternacht wach wurde und aus dem Fenster schaute, da glaubte ich meinen Augen kaum zu trauen. Denn war da buchstäblich nur Dunkeltuten angesagt und alles was ich da draußen sah, war definitiv nichts. Nichts weiter, als eine weiße, undurchdringliche Nebelwand, die anscheinend immer dichter wurde, je länger es dauerte. Eigentlich hätte ich mich nun wieder in
die körperlichen Gefilden meiner Geliebten begeben und mich von ihr in ihrem warmen Bett verwöhnen lassen können, wenn da nicht dieses verdammt drückende Pflichtgefühl gewesen wäre. Und das sagte mir, Alter, Alter sagte es, komm gefälligst aus den Puschen und mach dich hurtig auf die Socken, denn sonst ist bei diesem Wetter dieser eminent wichtige Vergabetermin für den umfangreichen Forschungsauftrag unseres Institutes in Berlin nicht zu halten. Dann würden womöglich sogar andere Konkurrenten den Zuschlag bekommen und ich hätte es in der Tat wegen so ein bisschen Nebel vermasselt. Also, auf nach Frankfurt und zwar jetzt...
Gesagt, getan. Ich küsste meine mich wieder ins Bett ziehen wollende, noch immer schlaftrunkene Christiane und machte mich mit meinem Tablet unter dem Arm mitten in der Nacht aus dem Staub. Hinein in die dicke Suppe aus einem schier undurchdringlichen Nebel, so wie ich ihn allerdings noch niemals zuvor je erlebt hatte. Ein Wunder, dass ich überhaupt mein Auto wiedergefunden hatte, was mir aber nur gelang, weil ich über einen ausgeprägten, ja geradezu erstklassigen Orientierungssinn verfügte und ich mich auch noch sehr gut daran erinnern konnte, wo genau ich denn den Wagen überhaupt abgeparkt hatte. Dann also, Schlüssel rein, den Motor gestartet
und die vorschriftsmäßige Beleuchtung am Fahrzeug in Betrieb genommen, inclusive der Nebelschlussleuchte. Alles reine Routine bis dahin und im gleichen Moment ärgerte ich mich jedoch mächtig darüber, dass ich das zuverlässige Navigationsgerät zu Hause vergessen hatte. Na ja, nicht direkt vergessen, ich hatte es nur deshalb nicht mitgenommen, weil ich die Strecke nach Frankfurt aus dem Effeff kannte, dachte ich zumindest, denn diese zwanzig Kilometer bis zur Frankfurter Stadtgrenze bin ich ja nicht zum ersten Mal gefahren. Aber wer rechnet denn schon bei einem so warmen Spätherbst mit einem solchen Nebel…
Soeben fuhr ein dunkler PKW in
Richtung Frankfurt an mir vorbei und im langsamen Vorbeifahren erkannte ich ein „F“ an seinem beleuchteten Nummernschild. Ein Einheimischer, dachte ich und offensichtlich wusste er auch, wie man nach direkt nach Frankfurt kam und so setzte ich mich direkt hinter ihn und fuhr ihm bei knapper Sichtweite sogleich hinterher. Immer schön auf Distanz halten und den Kerl dabei nur nicht aus den Augen verlieren, denn der kennt seinen Weg und vielleicht haben wir ja auch diese Suppenküche mit diesem fiesen Nebel bald hinter uns gelassen. Später könnte man kann sich dann ja wieder ausführlich am deutschen Schilderwald und an jeweiligen örtlichen
Gegebenheiten orientieren.
Aber nach dreißig Minuten Fahrzeit hatte sich der Nebel noch immer nicht gelichtet und ich klebte stattdessen wie verbissen an jenem dunklen PKW, wie an einem Magneten und folgte ihm auf jeden Kilometer der kurvigen Chaussee, den er zurücklegte. Hin und wieder kamen uns einige wenige PKW entgegen, von denen die meisten ein Frankfurter Kennzeichen besaßen. Also konnte die deutsche Finanzmetropole eigentlich gar nicht mehr so weit weg sein. Als ich dann das Autoradio einschaltete, warnte der freundliche Nachrichtensprecher die nächtlichen Autofahrer gerade vor einer ungewöhnlich dichten Nebelbarriere, die
sich zwischen dem Frankfurter Umland und der Stadt gebildet hatte. Etliche Unfälle wären schon zu verzeichnen gewesen und die Polizei, sowie entsprechende Rettungskräfte wären bereits ununterbrochen im Dauereinsatz. Zum Glück sei es aber größtenteils nur bei Blechschäden geblieben, weil sich die meisten der Autofahrer auf diese widrigen Witterungsverhältnisse gut eingestellt und ihr Fahrtempo den entsprechenden Sichtverhältnissen anpasst hätten. Allerdings rief er auch dazu auf, auf alle nicht unbedingt notwendigen Fahrten mit dem eigenen PKW zu verzichten, denn es sei demnächst auch noch mit einem recht
gefährlichen Blitzeis zu rechnen, welches die Situation eigentlich nur noch verschlimmern könnte. Er wünschte aber dennoch allen Autofahrern, die jetzt noch auf den Straßen unterwegs wären, eine gute und unfallfreie Fahrt. Schönen Dank aber auch, dachte ich entgeistert, jetzt sagst du mir das. Ich wäre auch viel lieber im warmen Bett bei Christiane geblieben und hätte…, ach was soll‘s. Hauptsache, ich verliere diesen Fuzzi vor mir nicht aus den Augen und schaute angestrengt nach vorn, wo ich vor mir gerade noch so die roten Rücklichter des dunklen Wagens erkennen konnte. Da, und jetzt waren sie plötzlich weg, seine roten Rücklichter und ehe ich mich
versah, da krachte es auch schon. Ich war trotz Vollbremsung auf ein undefiniertes Hindernis leicht aufgefahren, vermutlich sogar auf einen unbeleuchteten PKW. Jedenfalls fühlte wie es sich so an. Hoffentlich war es auch nur ein Blechschaden, dachte ich noch, ohne jedoch überhaupt irgendetwas richtig zu erkennen. Verdammt, entfuhr es mir, auch das noch und ich sah den Termin für die Vergabe des Forschungsauftrages schon in weiter Ferne davonsegeln…
In diesem Moment stand ein Mann in Schwarz neben meiner Fahrertür und klopfte heftig gegen die Seitenscheibe. Ich ließ die Scheibe herunter und schaute einem ungehaltenen Pfarrer mitten ins
Gesicht.
»Um Himmels Willen, haben Sie denn keine Augen im Kopf, fuhr er mich an, wieweit wollten Sie denn noch fahren?«
»Nur bis nach Frankfurt, in die Innenstadt, entgegnete ich resignierend. Aber warum zum Teufel, schalten Sie denn nur so plötzlich das Licht an ihrem Fahrzeug aus, Hochwürden? Das können Sie doch bei diesen Sichtverhältnissen einfach nicht machen…«
Grummelnd betrachtete der Gottesmann im Lichtkegel seiner hellleuchtenden Taschenlampe kopfschüttelnd den angerichteten Schaden am Heck seines ramponierten Wagens und brummte,
»In meiner eigenen Garage schon…«
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Impressum
RB/SP 71
Text: Bleistift
© by Louis 2018/11