Humor & Satire
Hänsel und Gretel

0
"AMTLICH"
Veröffentlicht am 03. August 2017, 14 Seiten
Kategorie Humor & Satire
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich versuche mit guten Geschichten zu unterhalten. Hoffentlich glückt es. Ich bin Jahrgang 1958, in München geboren. Seit meiner Kindheit schreibe ich, habe aber nie eine Profession daraus gemacht. Meine zarten Versuche mal eine meiner Geschichten bei einem Verlag zu veröffentlichen sind gescheitert. Hier gibt es eine Auswahl von Kurzgeschichten aller Art. Sie sind in ihrer Kürze dem Internet und e-pub Medium angepasst.
AMTLICH

Hänsel und Gretel

Vorbemerkung

Das Märchen von Hänsel und Gretel ist allgemein bekannt. Wie würde nun ein heutiger Amtsinhaber diese Geschichte politisch, didaktisch korrekt darstellen? Ich erkundigte mich höflich und bekam diese offizielle Version zugeschickt.


Gute Unterhaltung!

(neu eingestellt: 16.05.2021)




Copyright: G.v.Tetzeli

Cover: Heisig/Tetzeli


Hänsel und Gretel

Die unbeschulten, verwandtschaftlich 1. Grades verbundenen Hänsel und Gretel, waren die Nachkommen eines minderbemittelten Holzverwertungs-Facility-Managers. Der lebte mit seiner Ehegattin mit steuerlicher Splittingberechtigung in prekariaten Umständen.


Als die Negativbilanz der Ernährungsversorgung überhand nahm, beschlossen die beiden Elternteile, seit dem 13.07.1873 vermählt, die zwei ihrer Fürsorgepflicht angediehenen Nachkommen der naturnahen, bio-ökologischen Entsorgung zu überantworten.

Sie gingen tief in das naturbelassene Gehölz und hofften, dass sie dort ihrem Ableben entgegen sähen. Die noch nicht geschäftsfähigen Kinder waren über das Verbot betreffs des Verlassens der zugelassenen Waldwege auf Regionalebene nicht aufgeklärt worden. Allein gelassen, fanden sie erst nach drei Werktagen in dem Rekultivierungs-flächigen, daher dichten Wald, ein einstöckiges Privathaus.


Sie machten sich des Diebstahls schuldig, indem sie Energie-verwertbare Teile der Dachkonstruktion abbrachen und sich daran labten. Durch das Entfernen der süßen, knackigen Backwaren, gefährdeten sie auch die Norm-Vorschriften hinsichtlich der Statik.

Mundraub kommt hier unter Umständen in Betracht, da diese Vorschrift erst mit Wirkung vom 1. Januar 1975 abgeschafft wurde.


Die Eigentümerin der Bausubstanz, eine Rentnerin, deren Zeitpfeil der Lebensspanne schon überwiegend abgelaufen war, konnte verständlicher Weise keine Vertrauensbasis mit den unbefugt eingedrungenen Kindern aufbauen. Sie wurde den zwei Straffälligen habhaft und unterzog sie einer autorisierten Befragungsebene, deren Wortlaut dem Amt vorliegt: "Knusper knusper kneischen, wer knabbert an meinem Häuschen." Diese zielgerichtete, eindeutig vorgebrachte

Frage war durchaus legitim, da sie vorwiegend der Identitätsfindung diente und zu der aktuell eingetretenen Beschädigung eine Erklärung suchte.

Anstatt wahrheitsgemäß auf die kritische Verknappung des Ernährungssektors hinzuweisen, ließen sich die Heranwachsenden zu einer präpotent frechen Falschaussage hinreißen.

"Der Wind, der Wind, das himmlische Kind."


Daraufhin sperrte die Geschädigte den genetisch männlichen Täter in einen vergitterten Kubus, dessen Raummaß geschätzte 1,5 Kubikmeter betrug und der über eine Sperrvorrichtung verfügte.


Auf Grund ihres erst kürzlich offiziell reformreduzierten Rentenbescheides vom 07.07.1883, wollte sie die Gelegenheit nutzen der Monotonie des einfach strukturierten Ernährungsfahrplans eine Diversität angedeihen zu lassen. Der Inhaftierte sollte zum Verzehr dienen.

Dazu musste er Schlachtreife erreichen, die nicht nur nach dem Zuchtalter, sondern auch durch das Erreichen eines bestimmten Lebendgewichtes zu bemessen war.


Die weibliche Täterin wurde in ein Arbeitsverhältnis überführt, das durchaus den Vorschriften eines ein Euro Jobbers entsprach. Die normaler Weise zu gewährende, pauschale

Anfahrtsentschädigung entfiel natürlich, da Gretel bereits vor Ort ihre Tätigkeit aufnahm. Auch steht der Verwendung als Reinigungs- und Houskeeping-Fachkraft nichts entgegen. Sie hatte schließlich alles zu tun, um in Arbeit gebracht zu werden.

Da die Krankenkasse der betagten Altersruhegeldempfängerin die Unterstützung einer Sehhilfe versagt hatte, schmiedeten die beiden Minderjährigen einen perfiden Plan. Der Vorsatz und die damit unabdingbar verbundene Täuschung ist als erwiesen anzusehen.

Die Mastbemühungen von Frau H. wurden dadurch unterlaufen, dass statt des Fingers von Hänsel ein länglicher, dünner Knochen (Ossa) zur Qualitätssicherung dargereicht

wurde. Die eklatante Sehschwäche von Frau H. beeinträchtigte ihre objektive Beurteilung des realen Sachgefüges.

Obwohl Frau H. nur auf ihr einfach strukturiertes, geistiges Material zurückgreifen konnte, wurde sie doch mit fortlaufender Prüfungsperiode misstrauisch.

Sie forcierte schließlich den Fütterungs- und Entwicklungsprozess zeitlich, indem sie sofort die Umsetzung des Rohmaterials zum Gargut angedachte.


Um endlich zu ihrem carnivorischen Mahl zu kommen, beauftragte sie Gretel über den Temperaturpegel des angeheizten Ofens Meldung zu machen. Gretel weigerte sich die zwingende Anweisung ordnungsgemäß

durchzuführen, da sie nicht der erforderlichen, leiblichen Größe entspräche, um dezidiert über den Hitzegrad des Herdes referieren zu können. In notgedrungener, konstruktiver Initiative prüfte Frau H. eigenkörperlich den Realzustand des Ofens. Dabei stieß Gretel die wehrlose, weil raumtechnisch beengte H., vollends in den heißen Hohlraum und schlug die Ofenklappe zu.

Dann befreite sie ihren Anverwandten Hänsel und sie durchsuchten in räuberischer Absicht das Gebäude, während Frau H längst den Garzeitpunkt überschritten hatte. Die Beiden wurden fündig, nahmen das wertvolle Diebesgut mit, das Frau H. in ihren langen Jahren des anstrengenden und als zauberhaft zu bezeichnenden Lebensweges steuerlich

redundant erworben hatte.

Nachdem Hänsel und Gretel schließlich bei ihrem Rückweg zufällig doch auf eine offizielle Wegbeschilderung stießen, fanden sie zu ihrem angestammten Gehöft zurück. Ihre genetischen, direkten Vorgänger und Erzeuger waren zu diesem nämlichen Zeitpunkt bereits als ablebig registriert worden. So lebten die Beiden durch die an sich genommenen Kleinodien, auch während des Alters der vollen Geschäftsfähigkeit, ohne Hartz IV glücklich bis an ihr Lebensende und fielen dem Staat nicht mehr zur Last.


Auf die Haftpflichtmachung von H. wegen zu Unrecht erzielter, nach dem Ableben erreichter, Rentnenüberweisung wurde

verzichtet, weil die bereits durchgeführte Feuerbestattung nicht zu Lasten der öffentlichen Hand fiel.

Nach ihrem Tod wurde der Bild-Zeitung durch eine vertrauensvolle Quelle bekannt gegeben, dass der Name von Frau H. Hexe gewesen sei.

Dies kann das Amt nicht bestätigen,

weil das Datenschutzgebot bedient werden muss.


Attestierter Schluss, auch Ende genannt.

0

Hörbuch

Über den Autor

welpenweste
Ich versuche mit guten Geschichten zu unterhalten.
Hoffentlich glückt es.
Ich bin Jahrgang 1958, in München geboren.
Seit meiner Kindheit schreibe ich, habe aber nie eine Profession daraus gemacht. Meine zarten Versuche mal eine meiner Geschichten bei einem Verlag zu veröffentlichen sind gescheitert.

Hier gibt es eine Auswahl von Kurzgeschichten aller Art. Sie sind in ihrer Kürze dem Internet und e-pub Medium angepasst.

Leser-Statistik
154

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
erato 
Sehr verehrter Meister Grimm von Tetzeli,
diese altruistisch aktualisierte Fassung
von Hänsel und Gretel -
aus dem Besitz genetisch nachgewiesener
Vorfahren, ist Ihrer Herkunft mehr als würdig
und erweitert das deutsche Sprachgefühl,
in gegenwärtiger Form, unermesslich.
Hierfür schuldet die Allgemeinheit Ihnen
höchstes Lob und Dank.
Thomas

In
Vor langer Zeit - Antworten
Friedemann 
Guten Morgen, lieber Günter,
auch ich bin voll des Lobes über Deine Version: Das Beamtendeutsch hast Du bestens getroffen, was man allein schon daran erkennt, dass Du 14 Seiten dafür benötigt hast, was die Grimms – wenn ich mich noch recht daran erinnere – auf eine Seite packten. Nur einen Kritikpunkt habe ich an Deinem Text: Es ist ja ein Kinderbuch, daher ist es doppelt gehässig, die Frau als Hexe vorzuverurteilen. Ein heutiger Beamter hätte deren Bösewichtrolle geschlechtsneutral angelegt, wenn er seinen Job behalten will.

Liebe Grüße,
Friedemann
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Die Frauenquote beträgt 50%. Da muss Frau H. irgendwie durch das Raster gefallen sein. Und soviel ich weiß ist der Gerichtsvollzieher (wegen hinterzogener Rente nach dem Ableben) auf das klingelschild Hexe gestoßen. Es muss sich also um einen amtlich ordentlichen Nachnamen handeln und somit ist das Gegenteil der Fall: Namen darf man nicht negativen Assoziationen belegen!
Herzlich
günter
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Um Gottes Willen!
Du hast recht, wie konnte ich nur!
Andererseits habe ich mich an die vorgeschriebene Weiberquote gehalten. Auch im Märchen dürfen Frauen eine entscheidende Rolle spielen, jawoll!
Herzlichen Dank für Deine Lesezeit!
Günter
Vor langer Zeit - Antworten
GertraudW 
Lieber Günter,
ich hab`s wieder versucht ... aber Du kennst ja das Problem mit meinen
Augen. Und nachdem mir da zu viele "lange" Wörter vorkommen, die ich
nicht auf Anhieb "erraten" kann, macht`s mir auch keinen Spaß.
Also dann, bis zum nächsten Mal - sei nicht böse.
Liebe Grüße und einen schönen Tag
Gertraud
Vor langer Zeit - Antworten
hingekritzelt Cool!
Hatte letzte Nacht schon rein geguckt, aber keinen Nerv weiter zu lesen, weil ich wegen der schwülen Nacht immer zwischen Bett und Couch hin und her gependelt bin. Letztlich bin ich gegen 4 eingedöst.Ätzend!

Daumen hoch!
LG Uli
Vor langer Zeit - Antworten
hingekritzelt P.S. Dein Cover gefällt mir sehr und passt prima zum Hintergrund:-)
Vor langer Zeit - Antworten
HarryAltona Hahahaha... Kööööstlich!!! Ich schmeiss mich weg vor Lachen. Das hat mir echt gefehlt heute! Tausend Dank dafür!!!
lg...harryaltona
Vor langer Zeit - Antworten
daxana Kenne ich durch das Internet. Gibt es auch in der Jugendsprache, auf türkisch etc.
lg daxana
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Dies ist, ich betone, ganz allein auf meinem Mist gewachsen, ohne irgendwelche internet - Bezüge!
Günter
Vor langer Zeit - Antworten
Zeige mehr Kommentare
10
12
0
Senden

153657
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung