der Urlaub
23. Kapitel
Als Carla den Innenhof betrat, befiel sie eine unangenehme Wärme. Doch schien sich dieses Gefühl in ihr selbst aufzubauen. Sie hatte zum Abendessen ein Glas Wein getrunken. Vielleicht hätte sie bei den hohen Temperaturen heute darauf verzichten sollen. Die Außenbeleuchtung an der Villa, die sie eingeschaltet hatte, bevor sie zu den Koglers gegangen war, warf nicht nur ausreichendes Licht auf den Weg, sie ließ wie immer, die grimmig schauende Götterstatue noch furchteinflößender aussehen. Plötzlich gab es
einen leisen Knall, darauf folgte ein Klirren ... Dunkelheit umgab sie. Die kleine Lampe innen an der Pforte warf nur einen spärlichen Lichtschein auf den leise plätschernden Brunnen. Hätte sie im Zimmer die kleine Lampe auf dem Schreibtisch brennen lassen, wäre wenigstens ein wenig Helligkeit in den Innenhof gefallen. Doch wer konnte ahnen, dass die Außenbeleuchtung kaputt gehen würde. Mit den Füßen tastend, ging sie vorsichtig den Weg entlang, bis sie die Schiebetür erreicht hatte. Ihre Finger suchten das Schlüsselloch. Dabei trat sie einen Schritt zur Seite. Unter ihren Schuhen knirschte etwas. Endlich hatte sie das Schlüsselloch gefunden. Sie betrat die Villa und schaltete das Licht ein. Gleichzeitig
betätigte sie den Schalter für die Außenbeleuchtung. Kein Erfolg. Die Zimmerbeleuchtung erhellte den Innenhof soweit, dass sie jetzt die Scherben sehen konnte, die unmittelbar neben der Schiebetür auf dem Weg lagen. Die Lampe war heruntergefallen und in viele kleine Splitter zerbrochen. Ein unheimliches Gefühl beschlich sie. Im Zimmer herrschte eine angenehme Temperatur. Das Personal hatte die Klimaanlage eingeschaltet. Sie öffnete die Terrassentür und atmete die frische Luft, die vom Meer kam. Unschlüssig, ob sie sich noch ein wenig auf die Terrasse setzen oder doch lieber gleich schlafen gehen sollte, blieb sie an der Tür stehen. Morgen würde ein anstrengender Tag werden. Doch ihr war
klar, dass sie jetzt nicht würde schlafen können. Sie war viel zu aufgewühlt. Eine ausgiebige Dusche würde ihr gut tun und ihr hoffentlich einen etwas klareren Kopf bescheren. Anschließend konnte sie immer noch auf die Terrasse gehen und sich ihren Gedanken hingeben.
Carla öffnete die Tür zum Ankleideraum um weiter ins Bad zu gehen und erstarrte. Unter anderen Umständen wäre dieser Anblick romantisch gewesen. Jetzt spürte Carla nur ein Gefühl des Grauens. Um den Rand der ebenerdigen Badewanne standen kleine Glasgefäße, in denen Kerzen brannten. Das Licht der Kerzen spiegelte sich gespenstisch in der Glasscheibe hinter der Wanne und in den Glastüren, die zur Toilette und zur
Dusche führten. Dadurch wurde der Eindruck erweckt, der gesamte Raum wäre mit Kerzen geschmückt. Für Carla war klar, dass das keine Aufmerksamkeit des Personals war. Sie schaltete das Licht ein und blickte, ohne den Raum weiter zu betreten, angstvoll durch Ankleideraum und Bad. Durch die Glasscheibe hinter der Wanne versuchte sie, in dem kaum erhellten Außenbereich etwas zu erkennen. Aber das war unmöglich.
Nur die Götterstatue zeichnete sich schemenhaft im nach draußen fallenden Lichtschein der Kerzen ab. Im Ankleideraum konnte sie außer den welken Frangipaniblüten in den Porzellanschalen nichts entdecken. Einen kurzen Moment glaubte sie, dass ihre Knie nachgeben
würden. Sie setzte sich auf die Bank im Ankleideraum und versuchte ihr rasendes Herz und ihr stoßweises Atmen unter Kontrolle zu bekommen. Nur jetzt keinen Panikanfall bekommen, dachte sie. Dann atmete sie tief durch, ging mit noch etwas unsicheren Schritten zur Badewanne und löschte alle Kerzen. Sie drehte den Wasserhahn auf. Mit einem dicken Strahl schoss das Wasser in die Wanne. Die Kerzen warf sie ins Wasser, die Glasbehälter brachte sie hinaus in den Pavillon und stellte sie auf den Tisch. Zwölf zählte sie beim Hinaustragen. Die welken, jetzt unansehnlichen Frangipaniblüten warf sie in den Abfalleimer. Die Wanne war inzwischen fast voll gelaufen und sie drehte den
Wasserhahn zu.
„So“, dachte sie dann fast trotzig, „und jetzt gehe ich duschen“.
Dabei war sie gerade jetzt weit entfernt von allen Eigenschaften, die auf Trotz, Mut oder gar Kampfbereitschaft hindeuteten. Ihr war übel und die Knöpfe ihrer Bluse wollten sich einfach nicht öffnen lassen, weil ihre Hände zitterten. Sie stand lange unter der Dusche und versuchte ihre Gedanken wenigstens für eine kurze Zeit auszuschalten.
Erstaunlicherweise gelang ihr das auch. Ob es an ihrer innerlichen Erschöpfung oder am kräftigen Wasserstrahl lag, der aus der Dusche kam und ihr das Gefühl gab, dass alles Schreckliche weggespült würde, wusste sie nicht. Aber eines wusste sie. Cora hasste
das Wasser. Unter der Dusche war sie sicher.
Den Bademantel, den sie später anzog, hatte sie noch nie benutzt. Bisher genügte ihr ein Badetuch, das sie um den Körper geschlungen hatte, bis sie sich entweder wieder anzog oder in ihr Sleepshirt schlüpfte. Heute würde sie kein Sleepshirt brauchen. Sie würde auf keinen Fall in der Villa schlafen. Entweder würde sie sich auf eine der Liegen im Innenhof ihr Nachtlager bereiten oder die beiden Sessel auf der Terrasse zusammenschieben und die Nacht dort verbringen. Sie entschied sich für die Terrasse. Das Geräusch der tosenden Wellen würde sie beruhigen. Ein Kissen vom Bett und eine Decke, die sie schon bei ihrer Ankunft im Schrank entdeckt hatte, genügten
ihr, um ein relativ - begünstigt durch die dicken Auflagen auf den Sesseln - bequemes Nachtlager zu bereiten. Die Außenlampe schaltete sie nicht ein. Die Lampe auf dem Schreibtisch gab ausreichend Licht, so dass Carla von draußen das Zimmer überblicken konnte. Sie rutschte so lange auf den Sesseln hin und her bis sie eine zufriedenstellende Position gefunden hatte und lauschte, wie so oft, dem Tosen des Meeres. Seitdem sie hier war, hatte sie nicht einmal eine spiegelglatte Wasseroberfläche erlebt. Irgendwo hinter ihr raschelte es im Gebüsch. Unmittelbar neben der Terrasse wuchs ein Hibiskusstrauch. Von dort kam das Geräusch. Sie wusste nicht, welche Tiere hier nachts aktiv waren. Carla fragte sich, ob es
hier Schlangen gab. Dann fiel es ihr wieder ein. Natürlich. Herr Kogler hatte es einmal erwähnt. Der Professor hatte sich daraufhin beim Personal erkundigt, das seine Frage bejahte. Aber sie waren wohl nicht gefährlich, sonst hätte der Professor ihr nicht geraten, nachts die Tür einen kleinen Spalt offen zu lassen. Außerdem hätten auch am Tage Schlangen ins Haus gelangen können. Die Türen standen immer offen, wenn sie in der Villa war. Wieder raschelte es leise. Es werden Geckos sein beruhigte sie sich. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Sie hatte Durst. Widerwillig stand sie auf, um sich eine Flasche Mineralwasser zu holen. Die Villa, in der sie sich so wohl gefühlt hatte, wirkte mit einem Mal kalt und abweisend auf sie. Froh,
wieder auf der Terrasse zu sein, versuchte sie ihre vorherige Lage auf den Sesseln einzunehmen. Die Decke hatte sie unter ihre Füße gelegt. Sie würde sie nicht brauchen. Trotz des leichten Windes war es warm. Eigentlich hatte sie es recht bequem und trotzdem wollte der Schlaf nicht kommen. Sie wünschte ihn sich inständig. Wenigstens für kurze Zeit zur Ruhe kommen. Aber es gelang ihr nicht den Schalter umzudrehen und alle Gedanken auszuschalten. Sie fragte sich, was noch alles passieren würde. In vier Tagen war ihr Urlaub zu Ende. Die Koglers würden heimfliegen und von ihrer Tochter oder einem ihrer Söhne vom Flughafen abgeholt werden. Der Professor würde nach Java fliegen und dann zu Charlotte
zurückkehren. Auch die arroganten Holländer würden irgendwann nach Hause fliegen. Wo würde sie sein? Was würde ihr zustoßen? Und wieder geisterte etwas durch ihre Gedanken, das sie schon einmal beunruhigt, aber keine Form angenommen hatte. Die zerbrochenen Gläser ... Löste sie selbst diese Reaktionen aus? Hatte sie die gleichen Fähigkeiten wie Cora? Dienten sie ihr als Schutzmechanismus wenn Gefahr drohte? Immer wenn ein Glas zerbrach, begegnete ihr kurze Zeit später Cora. Nein, nicht immer. Doch der Professor hatte ähnliches erwähnt. Wieviel Energie konnte sie unbewusst freisetzen? Sie hatte gerade begonnen ihre vorausschauenden Fähigkeiten zu akzeptieren. Und nun ... Fragen über Fragen,
die sie erneut in einen hellwachen Zustand versetzten. Irgendwann war sie doch in einen unruhigen Schlaf gefallen aus dem sie durch eine Berührung an der Hand erwachte. Starr vor Schreck blieb sie still liegen. Eine feuchte Zunge fuhr über ihre Hand und ein leises Winseln war zu hören. Erleichtert atmete sie auf. Einer der herumstreunenden Hunde hatte ihre Gesellschaft gesucht. Sie brachte es nicht übers Herz ihn wegzuscheuchen. Im Gegenteil. Eigentlich war sie recht froh nicht allein zu sein. In der Dunkelheit konnte sie weder Farbe noch Rasse erkennen. Sie tastete nach seinem Kopf - der ihr recht groß zu sein schien - um ihn zu kraulen. Sofort setzte heftiges Schwanzwedeln ein, unschwer am Geräusch zu erkennen, das der Schwanz
beim Anschlagen an den Sessel machte. Wider Erwarten schlief sie erneut ein und erwachte erst als der Morgen sich mit einem hellen Schein über dem Wasser am Horizont zeigte. Sie blieb liegen und beobachtete wie schnell der Tag heraufzog. In dergleichen Schnelligkeit ging abends die Sonne unter. Als das Strandpersonal seine Arbeit aufzunehmen begann stand Carla auf. Erst dann sah sie den Hund, der hinter ihrem Sessel schlief. Sie hatte gar nicht mehr an ihn gedacht.
„Meine Güte“, murmelte sie vor sich hin.
„Eine neue Spezies.“
Der überdimensionale Kopf mit den kleinen Schlappohren passte so gar nicht zu dem mittelgroßen Körper. Hellbraunes, etwas
verwaschen wirkendes, kurzes Fell bedeckte die etwas gedrungen wirkende Statur, während der Schwanz buschig und von einer beachtlichen Länge war. Als sie mit der Zunge schnalzte, öffnete er zwar interessiert die Augen und klopfte zweimal mit dem Schwanz auf den Boden, machte jedoch nicht den Eindruck, dass er diesen Platz demnächst verlassen würde. Als Carla ihm ein Stück von einem Schokoriegel aus der Minibar gab, das so schnell verschwand, als hätte er es eingeatmet, wurde er in seiner Meinung des weiteren Bleibens bestärkt. Er rollte sich zusammen und vergrub seine Schnauze unter seinem Schwanz. Carla wandte sich ab. Das Zimmermädchen würde ihm schon zu verstehen geben, wo sein Platz
war, dachte sie.
Bis das Frühstück gebracht wurde hatte sie noch Zeit. Sie würde auf der Terrasse den Tisch decken lassen. Dann fiel ihr ein, dass sie am Abend vergessen hatte, ihre Bestellung an die Klinke der Pforte zu hängen. Sie rief in der Hotelküche an und gab ihre Wünsche durch. Dann brachte sie Kissen und Decke ins Zimmer. Zögernd betrat sie das Bad. Die Wanne war leer. Das Wasser war weggesickert, Der Abflussstöpsel schloss offenbar nicht richtig. Die Kerzen waren verschwunden. Verwirrt blickte sie in die Wanne. Dann zog sie den Stöpsel. Cora beherrschte das Spiel. Auch im Pavillon stand kein einziger Glasbehälter.
Völlig unerwartet fühlte sie plötzlich Wut in
sich aufsteigen, aber auch eine Entschlossenheit, die sie selbst überraschte. Sie wollte aus diesem Albtraum erwachen. Doch ohne Hilfe würde sie das nicht schaffen.
© KaraList
Erstveröffentlichung der Gesamtausgabe 09/2013