Im Nebel
Die Nebelhexen hatten ihre Schleier zu dicht und zu weit gewoben. Der Wald um den See war verhüllt. Bäume und Sträucher dämonische Schatten, die sich aus dem Nichts erhoben. Wenngleich totenstille herrschte, rührte sich Leben im Wald: eine junge Frau streifte zwischen den kahlen Bäumen umher. Sie schlich durch die Landschaft, die einem jeden, an diesem grauen Morgen, mit Furcht erfüllt hätte. Kleine Zweige brachen unter ihren Füßen. Erschrocken zuckte sie zusammen. Angst legte sich
um ihre Seele, wie der Nebelschleier sich über das Land.
Was will ich hier?
Sie hörte ein Kichern und blickte sich sofort um, doch das Einzige, was sie sah war ein verschleierter Baum, der seine Äste kahl gen Himmel reckte.
Wieder ein Kichern, ein ganzes Gelächter. Diesmal aus einer anderen Richtung und ein plötzlicher Schmerz in ihrem Gesicht. Sie spürte das Blut ihre Wange hinunter laufen.
„Was soll das?“ rief die junge Frau erbost.
Doch als Antwort erhielt sie nicht mehr als ein weiteres schrilles Lachen,
welches sich von ihr zu entfernen schien. Wütend und ohne zu wissen was sie erwarten
würde, folgte sie dem Lachen durch die Ungewissheit. Jeder Schritt ließ sie weiter im Dunkeln wandeln, denn der Nebelschleier wurde immer dichter und nahm ihr die letzte Sicht.
„Du findest mich nie!“, rief eine unbekannte, weibliche Stimme provokant. „Such mich doch.“ Wieder begann sie zu lachen.
Wieso treiben die mystischen Wesen des Waldes ihre Scherze mit mir?
Sie wusste, dass es besser wäre nicht weiter auf die Provokation einzugehen. Dennoch folgte sie dem Gelächter, als
würde sie noch von einer anderen Macht gezogen. Es zog sie weiter, ohne jede Sicht, durch den dichten Nebel, bis sie den Boden
unter ihren Füßen verlor und abrutschte.
Ein kurzer Aufschrei, ehe sie im Wasser des Sees landete.
Anfänglich orientierungslos suchte sie ihren Weg zurück zum Ufer. Nass bis auf die Knochen watete sie durch den See. Sie verfluchte alle Feen, Waldgeister, Nebelhexen und jenes Wesen, welches sie hierher gelockt hatte. Sie hatte das Ufer nicht ganz erreicht, als sie eine Hand an ihrem Arm spürte. Erschrocken blickte sie auf und sah in das Antlitz
jenes Mannes, dem sie vor langer Zeit ihr Herz geschenkt hatte.
Das muss ein Trugbild sein, dachte die junge Frau, denn sie wusste um den Verbleib ihres
Liebsten und er konnte unmöglich hier sein nicht an diesem Ort und nicht zu dieser Zeit. Doch alles wissen schien bedeutungslos, im selben Moment da sie in seine Augen sah. Der liebevolle Blick. Altes Verlangen. Gefühle, die überwunden schienen, kamen wieder auf und brachen über sie nieder, wie die Wellen des Meeres an den Steilküsten.
Er lächelte, als sie sich annäherten. Ein Kuss. Ein langer, tiefer, inniger Kuss, der sie für einen Moment vereinte und ihr das Gleichgewicht raubte. Ihre Sinne vernebelt, wie die Welt um sie herum, hörte sie zuletzt seine Stimme die flüsterte: „Ich wollte doch immer nur dich.“
Der Nebel hatte sein Geheimnis erst preisgegeben, als es für sie bereits zu spät war. Gemeinsam mit der Stadtwache hatte er sich auf die Suche, nach seiner Liebsten gemacht, der einen Frau, die er so sehr begehrte, aber nicht haben konnte, nicht ohne einen Skandal zu riskieren.
Entsetzten entstellte sein Gesicht, als er die Geliebte dort am Ufer des Sees
treiben sah, reglos, leblos. Noch während die Wachen versuchten, die Tote zu bergen, wurde ein erneuter Nebelschleier gewoben. Dicht, undurchdringlich, sie zur Aufgabe zwingend.
Traurig zog er sich mit den seinen Männern zurück, bevor auch ihnen der Nebel zum
Verhängnis werden würde. Doch in seinem Kopf hallte eine weibliche Stimme, mit hämischem Gelächter: „Du hättest es nie tun dürfen! Jetzt gehört sie mir, für immer.“
So schnell der Nebel gekommen war, so war er auf wundersame Weise auch wieder verschwunden und mit ihm der Körper des Mädchens.
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