Ich hasse zänkische Weiber
Hermi ist ein gut erhaltener 73- jähriger Herr. In seiner Anzeige stand doch glatt attraktiv, doch das habe ich ihm inzwischen ausgeredet. Er war wirklich davon überzeugt. Na ja, er sieht für sein Alter ja ganz passabel aus, aber ein Georg Clooney ist er eben nicht. So etwas verstehe ich unter „attraktiv“. Seit 3 Monaten kennen wir uns nun schon und wenn wir uns mal treffen, plätschert es eben so leise bei uns vor sich hin.
Er hat eine wunderschön gelegene Parzelle mit allem Komfort und so
verbringen wir dort manchmal 2-3 Tage. Übernachtung mit eingeschlossen.
So wie heute, denn ich war als erste aufgewacht und wollte nun auch Hermi mal mit dem Frühstück überraschen. Bisher war er immer schneller als ich , und ich freue mich schon auf sein freudiges Gesicht, wenn er den gedeckten Frühstückstisch sieht. Mit einem Blick vergewissere ich mich, dass er noch schläft. Ja, und auch seine tiefen und ruhigen Atemzüge zeigen es mir an. Nun schnell ins Bad, und dann rein in die Küche.
Von dem Geschirrgeklapper ( dabei habe ich mir doch Mühe gegeben, so leise wie möglich zu sein) ist Hermi nun doch
aufgewacht und schleicht an mir vorbei mit einem gemurmelten „Morgen“. Ihm liegt es einfach nicht, mich mit einem freundlichen oder sogar zärtlichen Kuss zu begrüßen. Am Anfang hatte ich noch gehofft, ihm das beizu bringen, aber da ist wohl Hopfen und Malz verloren.
Aber nicht ärgern Brigitte ------------- „Ich hasse zänkische Weiber“.
Nicht mal der liebevoll gedeckte Tisch lockt ihm ein Lächeln hervor. Und das Frühstück verläuft mehr oder weniger einsilbig, und wenn ein Fremder uns hier so sehen würde, hätte er den Eindruck, hier sitzt ein altes Ehepaar, dass sich nach 50 Ehejahren so gar nichts mehr zu sagen hat. Nur das
Musikgedudel hellt dieses Stillleben etwas auf. Ich schiele hinter seinen Rücken. Da hängt an der Eingangstür das Schild mit dem sinnigen Spruch“ein liebes Wort am frühen Morgen vertreibt den Kummer und die Sorgen“. Am liebsten möchte ich ihm das vor die Nase halten. Aber wie gesagt ----- „ich hasse zänkische Weiber“.--------- Immerhin erkundigt er sich, wann ich denn gedenke die Zelte hier abzubrechen. Ich meine , so gegen Mittag. Dann können wir noch die Sonne, die gerade durch die Wolken bricht. ein wenig genießen. Denn gestern hatte es immer wieder geregnet. Ich schlage ihm vor auf dem Rückweg
noch in einen netten Landgasthof einzukehren, um einen schönen Abschluss zu haben. Hermi ist einverstanden. Dann machen wir das alles hier ganz in Ruhe. Es ist ja noch früh.
Vor allen Dingen IN RUHE !
Nach dem Frühstück bricht Hermi in hektische Betriebsamkeit aus.
Ich bin es gewohnt , mit der letzten Tasse Kaffee meine Zeitung auszulesen und das Kreuzworträtsel zu lösen. „Aber das kannst du doch“ versichert mir Hermi eifrig.
Ich versuche, mich zu konzentrieren. Im Hintergrund höre ich klapperndes Geschirr, auf- und zuklappende Schränke
und nun schleppt er auch noch die Liegen vom Rasen. Eigentlich wollte ich mich dort noch ein wenig sonnen., Hektisch läuft er an mir vorbei. Ich kann mich einfach nicht mehr konzentrieren und schiele unter meiner
Brille hervor „Kann ich dir mit irgendwas helfen?“ Im Stillen hoffe ich, dass er verneint, was er dann auch gottlob tut. „Hermi, es ist 9.00 in der Frühe, warum packst du denn jetzt schon?“ Hermi guckt mich verständnislos an „Ich will alles hier fertig haben, sonst habe ich keine Ruhe“ erwidert er. Na gut, ich jedenfalls genieße die Sonnenstrahlen , die nach 2 Tagen Regen mir wohliges Behagen
verursachen.
Zumal jetzt auch die lästigen Geräusche verstummen.
Oh Wunder Hermi erscheint auf der Terrasse und hat auch eine Zeitung bei sich. Na endlich wird es gemütlich.
NEIN ! Er geht zur Markise und dreht sie ungeachtet meines Aufschreis herunter.
„Hermi, ich hatte gerade die Sonne so genossen!“
„Ich kann sie wegen meiner Augen nicht vertragen“ erwidert er ungerührt, und dann dreht er auch noch das Radio lauter. Er hat wohl mal wieder nicht sein Hörgerät drinnen. Das vergisst er öfter. Aus mit der himmlischen Ruhe.
Wie schon gesagt,------ „ich hasse zänkische Weiber“.-----
Doch das ist mir jetzt zu viel Ich setze mich in Bewegung und gehe zum Tisch , der da noch einladend auf dem Rasen steht. Hermi hatte zwar schon die Stühle dort angekippt und den Schirm eingedreht, doch den Schirm brauche ich sowieso nicht. Rasch klappe ich den Stuhl zurück und drehe mich auf ihm genüsslich der Sonne entgegen.
Doch da habe ich die Rechnung ohne Hermi gemacht. Flugs kommt er mit einem Sitzkissen und fordert mich auf, wieder aufzustehen. Ich muss im Moment wirklich an mir halten um nicht auszurasten. Denn wie schon oben gesagt
----„ich hasse zänkische Weiber“. ------- ICH WILL DOCH NUR HIER GANZ IN RUHE MEINE SONNE GENIESSEN“--------------
Endlich Ruhe! Nach einer halben Stunde brennt die Sonne doch ziemlich, und ich beschließe mir meine Sonnencreme aus dem Bad zu holen.
Wie ich wiederkomme glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Mein Stuhl ist fort und stattdessen steht da ein anders undefinierbares Möbelstück, von dem Hermi behauptet, der wäre viel gemütlicher. Ich zwinge mich zur Ruhe. Nein gemütlich ist der wirklich nicht. Aber Hermi hat es sicher nur gut gemeint. Denn Böswilligkeit möchte ich
ihm wirklich nicht unterstellen.
Und als ob die Sonne dieses alles mit Missfallen beobachtet hätte, verschwindet sie nun auch noch. Hermi läuft jetzt wieder zu seiner geschäftigen Betriebsamkeit auf. Ich hätte es ahnen müssen. Denn er ist ein äußerst penibler Mensch, der es nicht erträgt, wenn eine Blume ihre Blätter verliert. Schon steht er mit einer Kehrschaufel und einem Besen parat, um alles sorgsam wieder auf zu fegen. Seine Kirschloorbeerhecke und der Buchsbaum sehen aus , als ob sie von einem Profi für die Bundesgartenschau gestutzt wurden.
Aus den Augenwinkeln beobachte ich , wie er die Blumenampeln abhängt und sie
alle noch einmal gießt, obwohl ich sie gestern Abend doch noch gegossen habe. Aber egal.
Mit meiner Ruhe ist es jetzt auch endgültig vorbei und ich ertappe mich dabei, dass ich mir wünsche, ganz alleine auf meinem heimischen Balkon zu sitzen und die himmlische Ruhe (abgesehen vom Straßenlärm) zu genießen.
Was soll's, irgendwann muss ich ja auch mal zusammen packen. Kann ich ja auch jetzt machen. Ich gehe ins Haus und mein Blick geht zu Irmgards Bild an der Wand. Habe ich jetzt schon Halluzinationen oder gucken mich Irmgards Augen ganz strafend an.
Irmgard ist Hermis verstorbene Frau und ihr Bild muss hier hängen bleiben. Denn hier hat sie ja immer gesessen, meint er. Ich frage mich, warum sie nicht auch auf der Toilette und im Auto hängt, denn da saß sie sicher doch auch.
Doch gleich schäme ich mich meiner Gedanken und blinzele Irmgard freundlich zu.
Im Stillen tue ich Abbitte. ------ „Denn ich hasse zänkische Weiber“.
In der Küche sehe ich , dass Hermi den ganzen Kühlschrank und sogar den kleinen Tiefkühler leer geräumt hat und in kleine tragbare Kühlboxen verstaut hat.
„Machst du das immer so?“ frage ich ihn „Natürlich der Kühlschrank verbraucht doch Strom“. Er guckt mich verständnislos an.
„Aber Hermi, du bist doch im Sommer sowieso alle drei Tage hier. Die Kühlschränke verbrauchen doch viel mehr, wenn sie immer hoch gefahren werden.
Ich sehe an seinem Gesichtsausdruck , dass er das wohl verstanden hat, aber noch nicht so richtig zugeben kann.
Immerhin sagt er, dass er darüber noch nicht nachgedacht hätte. Na, das ist doch schon was. Doch bei dieser Gelegenheit fällt ihm ein, dass er ja noch
im Schrank einen Nudelauflauf hat und schlägt mir vor, dass wir uns das Essen ja unterwegs sparen könnten. Da widerspreche ich nun ganz energisch. Danach wieder Abwaschen! Nein! - Nun bepackt er sein Auto mit allem , was nicht niet- und nagelfest ist. Ich staune, was er für 2 Tag Parzelle alles eingepackt hat.
Was hat er wohl für ein Gepäck, wenn er mal in den Urlaub fährt oder sogar fliegt. Dann muss er gewiss Übergewicht zahlen. Aber dass sollte ja auch nicht mein Problem sein, Denn ich denke, ich lasse ihn lieber alleine fahren. Denn dann ersparen wir uns sicher sehr viel Nervenkraft.
----------Denn ich hasse zänkische Weiber