Beschreibung
Der etwas andere Tag im Leben eines Studenten.
In Blut getränkt und schweißgebadet fühle ich mich an manchen Tagen, und heute ist nun ein solcher. Eigentlich beginnt mein heutiger Morgen recht positiv. Ich wache rechtzeitig auf und die Müdigkeit ist in mein Gesicht geschrieben, doch ich bin frisch motiviert heute an die Uni zu gehen. Der Wille meine Dozentin zu beeindrucken reizt mich und ich merke durch mein rasches Zurechtmachen meinen Enthusiasmus. Nach der morgendlichen Zigarette, gieße ich mir ein Glas eisgekühlten Eistee ein. Nach diesen entspannten Minuten, beginne ich meinen Ordner und meine Bücher in den Rücksack zu stecken. Noch ein bisschen Deo und Gel für die Haare bis ich mich schließlich die winterliche Kälte wage. Es ist noch dunkel und der Schnee liegt mir frisch und ohne Spuren von Autoabgasen und Schritten dar. Ich erfreue mich an der frischen, unverbrauchten und kühlen Luft. Schließlich werde ich richtig wach.
Angekommen an der Uni genehmige ich mir eine weitere Zigarette, um dann schnurstracks in den Seminarraum einzutreten. Der Raum ist einmal mehr schon sehr voll und mir bleibt nur der ungeliebte Platz an der linken, vorderen Seite. Dies ist der erste Dämpfer des Tages. Allerdings sehe ich ein bekanntes Gesicht. Ein Lebensgenosse, der genauso wie ich mich nicht für das Übersetzen aus dem Mittelhochdeutschen nicht so sonderlich gerne macht und sich einfach nicht für die Thematik begeistern lässt, sitzt neben mir. In diesem Augenblick schreitet die Dozentin mit übertrieben guter Laune und voll bepackt mit den Lernutensilien in den Seminarraum. Die Gesprächslautstärke nimmt rapide ab und nach circa einer Minute herrscht Totenstille. Die Professorin fängt an uns die grammatikalischen Besonderheiten und Tücken des Mittelhochdeutschen zu beschreiben. Mir ist das so früh morgens viel zu stressig und schalte zuerst auf Durchzug bis ich dann aus meiner Lethargie erwache. Allerdings ist es nun viel zu spät, um noch etwas Sinnvolles mitzubekommen, da die ersten Fachsimpeleien begonnen haben. Mein Gemüt verändert sich und ein Hauch von Wut und Enttäuschung über mich selbst wird spürbar. Doch ich raffe mich auf und versuche an der grammatikalischen Diskussion teilzuhaben bis ich feststelle, dass der gestrige Abend doch ein bisschen zu lang und zu feucht fröhlich war. Die erste Müdigkeit nach dem Aufstehen lässt sich erkennen. Nun kann ich meine Augen kaum noch aufhalten und ohne es zu bemerken wechseln wir die Thematik. Ich selbst muss ebenfalls leider feststellen, dass ich nicht mehr richtig bei der Sache bin und dauernd auf mein Mobiltelefon schaue. Nun steht das Lesen und Übersetzen an. Die Worte „Ich hoffe sie haben alle den Text ausführlich zu Hause behandelt“ nerven mich, da ich ein weiteres Mal total unvorbereitet bin. Die Unruhe im Seminarraum steigt zum ersten Mal seit Beginn. Doch ich lasse mir meine Unsicherheit nicht anmerken und schaue interessiert in den Text. Die nächsten Zeilen betrachtend, kehrt der Enthusiasmus des Morgens wieder in meine Gedanken zurück. Die Gewissheit, dass ich die folgenden Zeilen vollständig und richtig übersetzen kann, veranlagt mich meine Hand hochzureißen und nur darauf zu warten bis ich endlich aufgerufen werde. Doch wie es in einem Seminar mit über fünfzig Teilnehmern so ist, komme ich wieder Erwartens nicht zu Worte. Leicht genervt widme ich mich wieder dem mittelalterlichen Text. Als ich nach einigen Minuten plötzlich meinen Namen höre und völlig unvorbereitet anfange einige Zeilen vorzulesen. „Das war ja mal wieder klar, dass ich drankomme, wenn ich keine Ahnung habe“, denke ich mir. Ich überstehe diese Aufgabe mehr schlecht als recht und ich bemerke, dass die Dozentin ein weiteres Mal diesen fordernden Blick in meine Richtung hat, der mir sagt, dass ich mehr tun sollte. Die letzten fünfundzwanzig Minuten brechen schließlich an und die Minuten runter zähle.
Endlich ist es dann zu Ende. Doch ich habe erst die halbe Miete, denn am Nachmittag beginnt das zweite Seminar des heutigen Tages. Doch jetzt kann ich es kaum erwarten mir endlich eine Zigarette anzustecken. Trotz der Kälte haben sich draußen die ganzen Nikotinsüchtigen versammelt und die ersten tiefsinnigen, philosophischen Gespräche scheinen zu beginnen. Um mich schauend, ob ich eine mir bekannte Person sehe, stehe ich in der Ecke und ziehe sehr hastig an meiner Zigarette.
Dann geht es zum Glück auf den Heimweg. Der zehnminütige Marsch in meine WG zehrt an meinen Kräften und die Müdigkeit gewinnt wieder die Überhand. Endlich angekommen, schmeiße ich meinen Rücksack und den Mantel in die Ecke. Als aller erstes mache ich die Musik an. Die laute Musik peitscht mir ins Gesicht, doch an meiner Müdigkeit lässt sich nichts mehr ändern. Ich sinke aufs Bett und ehe ich mich entsinne bin ich schon im Land der Träume. Ich schrecke hoch als ich ein lautes Geräusch höre. Völlig verschlafen trotte ich aus meinem Zimmer und bemerke, dass ein Mitbewohner gerade die Küche misshandelt. Nach einem hektischen Blick auf die Uhr gehe ich wieder zurück in mein Zimmer. Die Anlage hämmert noch immer aggressive und harte „Metal-musik“ aus den Boxen. Ich greife ein weiteres Mal in meine Zigarettenschachtel und erkenne, dass sich nur noch zwei darin befinden. Dennoch greife ich mir den vorletzten Glimmstängel und genieße den blauen Dunst. Langsam realisiere ich, dass ich die Texte, die für das Nachmittagsseminar zu lesen waren, auch noch nicht bearbeitet habe. Doch jetzt habe ich keine Lust großartig was zu tun. Mir ist klar, dass fünfunddreißig Seiten Lesearbeit innerhalb von einer Viertelstunde nicht zu bewerkstelligen sind. In Gedanken versunken, ziehe ich ein weiteres Mal an der Zigarette, um dann schließlich zu merken, dass diese schon längst aus ist.
Missmutig entschließe ich mich jetzt zu gehen. Meine Motivation hält sich sehr gering. Mit dem Gedanken, dass es kaum schlimmer werden kann, zwinge ich mich ein weiteres Mal vor die Haustüre. Nach einem fast endlosen Weg, der allerdings nur zehn Minuten dauert, stehe ich wieder vor meinem Fakultätsgebäude. Ich möchte mir gerade meine letzte Kippe anzünden, als ich wohl bekannte Stimmen höre. Gute Freude, die mit mir das Seminar besuchen, haben sich ebenfalls an die Uni gequält. Nach einem kurzen Gespräch, ist uns klar, dass wir nun endlich den Marsch in den ungeliebten Vorlesungsraum antreten. Einige unserer Kommilitonen stehen schon ungeduldig, fast nervös am vorderen Pult und sind in ein Gespräch verwickelt. Man kann nur einige Wortfetzen erahnen, doch durch ihre panischen Handbewegungen, ist ihre Unsicherheit spürbar. Die weiteren Minuten verfliegen im Flug bis ich merke, dass die Präsentation begonnen hat und ein Stapel Handouts vor mir liegt. Schnell nehme ich mir eines und gebe die restlichen weiter. Nachdem ich das Thema gelesen habe, wird mir erkenntlich, dass es zwei verdammt lange Stunden werden. Die erste Referentin möchte uns irgendetwas erklären, allerdings spricht sie zu leise und ihr Englisch ist so holprig, dass man es auch für Serbokroatisch halten könnte. Ich mache mir nichts draus und versuche aufmerksam zu wirken.
Plötzlich kommt mir eine gute Idee für ein Gedicht und ich beginne meine Gedanken auf meinen Block zu kritzeln. Meine Schreiberei fällt nicht auf, da einige andere auch am schreiben sind. Wie im Wahn schreibe ich die Zeilen auf mein Papier, und alles mich scheint zu verschwinden. Es gibt nur noch mich, den Stift und das Blatt Papier. Als ich nach diesem lyrischen Erguss voller Stolz auf mein vollendetes Werk schaue, ist das Referat auch schon zu Ende und ich kann endlich heim gehen. Nach einem kurzen Gespräch bei einer weiteren Zigarette, die ich zum Glück schnorren konnte, beginnt mein Heimweg.
Daheim angekommen trotte ich in mein Zimmer und mache es mir auf meinem Sessel gemütlich. Da ich vorher nicht die Zeit hatte mein lyrisches Werk zu rekapitulieren, ist es nun an der Zeit und ziehe das schon leicht zerknitterte Blatt aus meiner Tasche. Ich lese die Überschrift: „Dark obsession phenomena“, und bin gleichermaßen erstaunt, weil ich mir meinen Zeilen nicht bewusst war. Aus den tiefsten Abgründen meiner Seele ist dieses Werk entstanden, doch ich erschrecke an meinem eigenen Geschriebenen. Wortfetzen bestehend aus verzweifelten Hilferufen an die Menschheit, Fragen nach dem Sinn, den Sinn zu leben, zu existieren. Völlig in mich gekehrt sitze ich da, doch plötzlich stehe ich wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen auf, um mir eine Flasche Bier zu holen. Hastig spüle ich den kühlen Gerstensaft meine Kehle hinunter. Bin ich wirklich so schlecht und so derart verzweifelt, wie es in diesem Text von mir selbst dargestellt wurde. Ich möchte aufstehen, um mich durch irgendetwas von meinen düsteren Gedanken abzulenken, allerdings hindert mich etwas. Es scheint als würde mein ganzes Leben an mir vorbei ziehen, ein Weg des Scheiterns und ich bin die ganze Nacht wach, obwohl es keinen Sinn macht über meine Situation nachzudenken. Mir wird bewusst, dass ich etwas oder jemanden brauche, der mich wieder aufrichtet und mir den richtigen Weg zeigt. Mit dieser Gewissheit schlafe ich schließlich ein.