Die Bibliothek
Langsam stieg sie die breite, steinerne Treppe empor, welche zu dem wuchtigen Eingangsportal des antiken Bauwerkes führte. Die Stufen waren bereits ausgetreten und die Sandsteinfassade war fein mit Russ bedeckt. Doch trotz des ersichtlichen Alters des Gebäudes, hatte es nichts von seiner Eleganz verloren. Auch der nun matte, goldene Türklopfer in Form eines anmutigen Löwenkopfes, der einen Ring in seinem Maul trug, untermalte das ganze stilvolle Erscheinungsbild des Hauses. Sie passierte die schwere Holzpforte und trat ein. Jedes Mal erfüllte es sie mit Freude
und grosser Neugier hier anzukommen. Die Umgebung war ihr so vertraut, dass sie sich in schwärzester Dunkelheit zurecht gefunden hätte. Die schwere, dunkle Holztür fiel hinter ihr ins Schloss. Vor ihr tat sich ein riesiger Saal auf. Ein atemberaubender Anblick, der sie jedes Mal von neuem gefangen nahm und sie in Ehrfurcht versetzte. Regal um Regal, reite sich aneinander. Sie waren vollgestopft mit abertausenden Büchern, von unterschiedlichster Farbe und Grösse. Tief atmete sie den Geruch von altem Papier ein, der in Der Luft hing. Hier fand man mit Bestimmtheit jedes Buch, welches man sich wünschte. Langsam schweifte ihr Blick zur Decke.
Eine wunderschöne, gläserne Dachkuppel überspannte den mittleren Raumteil. Sie liess das Tageslicht hereinfallen und tauchte die Räumlichkeit in eine dämmrige Atmosphäre. Genau unter dem gläsernen Gewölbe, stand eine gigantische Standuhr, die vier Zifferblätter besass. Jedes zeigte in eine der vier Himmelsrichtungen. Doch das prunkvollste war das Tier welches darauf thronte. Ein goldener Phönix, dessen grosse Schwingen weit aus gebreitet waren und sein Kopf majestätisch erhoben hatte. Er schaute mit seinen Augen, die aus zwei roten, funkelnden Glassteinen bestanden, auf sie herab. Es schien als beobachte er sie mit seinem
wachsamen und prüfenden Blick. Der Phönix, der magische Vogel aus Legenden, Mythen und Sagen. Das Geschöpf, dass sich an seinem Lebensende selbst in Flammen aufgehen lässt und im lodernden Feuer verbrennt. Zurück bleibt nur ein Häufen Asche. Doch aus dieser Asche, aufersteht ein neuer Phönix. Der Phönix stellt den Zyklus des Lebens und des Todes dar. Ein Symbol für Vergänglichkeit und dennoch ewiges Leben. Ein Sinnbild für die Zeit. Weiter wanderte ihr Blick zu den beiden wuchtigen Tresen, die sich gleich neben ihr auf der linken und rechten Seite befanden. Doch nur hinter dem Rechten befand sich ein älterer
Bibliothekar. Sein Haar war bereits Schneeweiss, jedoch noch dicht und voll. Er war nicht sehr gross und auch nicht sonderlich stark gebaut. Tief über ein Buch gebeugt las er konzentriert durch eine feine, goldene Brille mit kreisrunden Gläsern. Er sah auf. Als er das Mädchen erblickte, lächelte er und begrüsste sie mit einem Nicken.