Was Ich noch sagen Wollte
»Irgendwie ist das wieder typisch. Schleichst dich davon. Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Einfach fort. Ziehst dein Ding durch. Kümmerst dich um nichts.« Der Wind ließ einen Ast gegen die Scheibe stoßen. Er sah kurz auf. Im fahlen Nachtlicht der Stadt sah er nur die Konturen der umliegenden Gebäude und wenige erleuchtete Fenster.
»Weißt du eigentlich, dass ich schon seit Jahren an meiner Abrechnung mit dir bastle?« Sein Blick glitt durch das Zimmer; blieb an völlig belanglosen Dingen hängen: Ein Glas Wasser. Die Zeitung von vorgestern. Ein
zugeschlagenes Buch, aus dem ein Lesezeichen herausragt.
»Es gab Zeiten, da hätte ich wer weiß was dafür gegeben, zu verstehen, was in deinem Schädel vorgeht. Die Prügelorgien. All das zerschlagene Geschirr. Angst und Schrecken, die du in deiner Umgebung verbreitet hast. Warum? Wozu das alles?« Die Monitore starrten blind und stumm ins Zimmer. Der Ast schlug wieder gegen die Scheibe.
»Nein, du hast keinen Alkohol gebraucht, um auszurasten. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass das bei dir ganz planmäßig angelegt war. Eine Art Freizeitgestaltung. So wie andere zum Fußball gehen, so hast du
deine Familie geprügelt. Und ich, Gott, ich hätte so gerne gewusst, wie man dich ändern könnte. Oder wenigstens die Kräfte gehabt, um Mutter vor deinem Wahnsinn zu beschützen.« Draußen begann es zu regnen und die ersten Tropfen rannen an der Fensterscheibe herunter, während er aufstand und näher ans Bett ging.
»Verdammt, hast du irgendeine Vorstellung davon, was das für ein Leben war? Immer vor dem nach Hause kommen Herzklopfen. Wie bist du heute drauf? Wie wird der Abend verlaufen? Und immer diese Sehnsucht nach ganz normalen Verhältnissen.Nach einem Vater, zu dem man aufschauen konnte. Ach was aufschauen. Mit dem man Spaß haben
konnte, etwas unternehmen konnte. So wie all die anderen in der Klasse ihren Spaß mit ihren Vätern hatten. Modellflugzeuge bastelten. Wandertouren unternahmen. Ein Aquarium anlegten.« Er hielt sich am Rohrgestell am Fußende des Bettes fest, an dem noch die Halterung mit der Krankenakte hing.
»Und später dann, weißt du überhaupt, wie das ist? Immer die Angst, genauso zu werden, wie du. Dieses in sich hineinhorchen, ob da nicht doch tief drinnen der Jähzorn schlummert und nur auf seine Gelegenheit wartet. Oder noch später, als dann die Kinder da waren. Ständig hatte ich sie unter Generalverdacht. Schon der kleinste Wutausbruch eines Dreijährigen ließ mich vor
Angst erstarren, ob das nicht doch ein Anzeichen sei, dass du deinen Wahnsinn weitergegeben hast.« Der Regen prasselte jetzt heftig gegen das Fenster.
»Und irgendwann dann die Erkenntnis: Nein, du hast es nicht geschafft, mein Leben zu dominieren. Du bist ein kleines Licht, ein kleiner mieser Spießer, der seine Frustrationen durch Prügel abbaut. Auch die Frage nach dem Warum ist längst irrelevant. Es ist so, wie es ist. Kein Bedauern. Schon gar kein Hass. Einfach Gleichgültigkeit. Ruhe in Frieden. Wenn du das kannst.«
Er blickte dem Toten ins Gesicht. Die Pfleger hatten bereits das künstliche Gebiss entfernt
und der Mund hatte in seiner Eingefallenheit etwas merkwürdig schildkrötenartiges. Draußen blitzte es hell auf, gefolgt von einem gewaltigen Donnerschlag. Aber die Augen des Toten blieben starr auf die Decke gerichtet.
Er drehte sich um und verließ das Zimmer, ohne sich nochmals umzusehen. »Danke für die Zeit«, sagte er zu dem Pfleger, der draußen vor der Tür darauf wartete, mit der Versorgung des Leichnams fortfahren zu können.