Geboren in der fliegenden Stadt, ist Kellvian lange mit einem Leben konfrontiert, das sich manch einer Wünschen würde. Doch als er sich eines Tages entscheidet, sein behütetes Leben als Sohn des Kaisers hinter sich zu lassen , beginnt für ihn eine Reise, von deren Ausgang plötzlich das Schicksal des ganzen Kaiserreichs abhängen könnte. Nichts ahnend, das bereits eine Macht in den Schatten lauert, die nur auf ihre Gelegenheit gewartet hatte, bricht Kellvian auf in eine Welt, die am Rand eines Bürgerkriegs
steht. Bildquelle : Jochen Pippir / pixelio.de
,,Also, damit ich das richtig verstehe.“ , begann Kellvian. ,,Die Gejarn wollen mich töten, was ich irgendwie ziemlich gut nachvollziehen kann. Der Sanguis-Orden will mich töten, was ich nicht verstehen kann und du...hast versucht mich zu töten.“
Jiy sah schuldbewusst zu Boden. ,,Ich…“
Er schüttelte den Kopf. ,,Hey. Alles in Ordnung, das war nur… Ach verdammt, ich hätte nichts sagen sollen.“
Die Gejarn sah mit einem plötzlichen Grinsen auf dem Gesicht auf. ,,Nächstes mal ziel ich besser.“ , meinte sie, während sie den Kopf an seine Schulter
lehnte. Es begann langsam dunkel zu werden und der Schein des Feuers tauchte ihr provisorisches Lager und die umstehenden Bäume in orangerotes Licht. Den ganzen Nachmittag hatten sie damit zugebracht, alles zusammenzupacken, was sie mitnehmen wollten. Nun saßen sie erneut zusammen und planten ihren nächsten Schritt.
,,Mir geht es nur darum : Kann ich eigentlich noch irgendwo hin ? Wir müssen nach wie vor zur fliegenden Stadt. Und der nächste Hafen ist Lasanta.“
,,Könnt ihr den reisen ?“ , fragte Melchior. Der Seher saß auf der anderen Seite des Feuers und hatte eine Pfeife im
Mundwinkel. Die Flammen spiegelten sich in seinem Saphirring, während die Knochenanhänger, die er an dem Bernsteinstab den er immer trug angebracht hatte, in einem leichten Windhauch gegeneinander schlugen.
,,Es geht mir bestens.“ , erklärte Kellvian. ,,Das ganze wird zwar eine ziemlich üble Narbe hinterlassen, aber ansonsten…“
,,Ich halte es nach wie vor für unmöglich , das ihr euch so schnell erholen konntet.“ ,meinte Zyle.
,,Vielleicht lagt ihr alle einfach falsch. Ich meine…“
,,Kellvian.“ Jiy unterbrach ihn. ,,Ich hab dich gesehen. Du warst so gut wie
Tod.“
,,Ich habe wieder geträumt…“ , meinte er ernst. ,,Wie nach dem Kampf mit dem Großmagier in Vara.“
Der Seher horchte auf und erhob sich halb von seinem Platz. ,,Was habt ihr gesehen ?“
,,Das ist es ja. Ich verstehe es nicht.“ Es waren die gleichen nichtssagenden, aber doch irgendwie bedrohlichen Bilder die ihn in seiner Kindheit um den Schlaf gebracht und eine irrationale Angst vor der Dunkelheit geschaffen hatten. ,,Die Welt scheint zu schmelzen, glaube ich. Und dann bleit da nur noch Dunkelheit… Ich glaube nicht, das das irgendetwas bedeutet. Oder
?
,,Schwer zu sagen. Kellvian… ihr tragt die Seele eines Zauberers des alten Volkes mit euch. Vielleicht… hat das euch geheilt?“
,,Wenn dann nicht vollständig. Der Schnitt ist immer noch da. “ , gab er zu bedenken. Der Gedanke gefiel ihm nicht. Das irgendetwas ihn einfach als… Gefäß benutzen konnte. Ob dieses Ding ihm nun das Leben gerettet hatte oder nicht. Er entschied sich lieber weiter daran zu Glauben, das Jiy ihn nicht so schwer verletzt hatte wie alle zu glauben schienen. Allerdings kannte er persönlich jemanden bei dem Heilmagie nicht mehr anschlug…
Tyrus.
,,Vielleicht hat das damit zu tun… nun ja, wer euch verwundet hat. Eine emotionale Verknüpfung der Verletzung mit Jiy. Grob gesagt.“ Melchior zuckte ratlos mit den Schultern. ,,Ich habe mich zwar mit Magie beschäftigt, aber ich bin mir ziemlich sicher, ich weiß weniger als die meisten Ordenszauberer. Ich habe zumindest gehört, dass Magie auf Emotionen reagieren kann, sogar sehr empfindlich unter Umständen. Es kann sie verstärken oder im schlimmsten falls einen sogar die Kontrolle verlieren lassen… oder Zauber massiv abschwächen wenn man mich mit Herz und Verstand dabei
ist.“
,,Ein Rastel, um das wir uns vielleicht später Gedanken machen sollten.“ , schlug Zyle vor. ,,Wichtiger ist jetzt… Wohin geht die Reise?“ Der Gejarn hatte eine grobe Karte Cantons aus seinem Gepäck geholt. So wie das Dokument aussah war es wohl schon älter, aber die Grenzend es Kaiserreichs veränderten sich auch nicht mehr großartig. Zumindest solange es ihnen nicht gelang, Laos im Süden zu überwinden. Kellvian deutete auf eine Reihe von Bergen, die sich wohl etwa vier Tagesreisen entfernt befinden mussten. ,,Hier. Ich glaube, das wird unser größtes Problem, wenn wir nach Lasanta wollen.
“
,,Wir müssten die Berge umgehen oder ?“ , fragte Jiy. ,,Die Festung des Sanguis-Ordens befindet sich dort oben…“
,,Und das würde Wochen dauern.“ , gab Melchior zu bedenken.,,Aber ihr habt recht. So laufen wir dem Orden praktisch in die Arme.“
Kellvian deutete noch mal auf die Karte. ,,Nein. Im Gegenteil.“ Was er vor hatte war gewagt, selbst im bestenfalls, aber wenn es Erfolg hatte, würden sie mindestens eine Woche sparen, wenn nicht mehr. Sie müssten Lasanta erreichen, ein Schiff finden und dann noch zur fliegenden Stadt gelangen,
bevor diese wieder Festland überquerte. Zeit war wichtig…
,,Sicher, das ihr schon wieder ganz gesund seit ?“ , wollte Zyle wissen.
,,Denkt nach. Das ist mit Abstand der letzte Ort, an dem der Orden uns vermuten würde. Wir schleichen uns praktisch direkt unter der Nase der Zauberer durch. Damit rechnet niemand.“
,,Weil niemand so dumm wäre.“ , warf der Gejarn ein. ,,Aber irgendwie gefällt mir die Idee, diesen Robenträgern einen Besuch abzustatten. Ich schulde einem von denen noch was“
,,Wir wollen nur wohlbehalten vorbei Zyle. Wenn alles glatt geht, sehen wir nicht mal einen einzigen Zauberer.“
Während sie sich den Bergen näherten, veränderte sich die Landschaft wieder zunehmend, die endlosen nur von kleinen Baumgruppen unterbrochenen Moos und Felslandschaften, die für Hasparen so typisch schienen wichen langsam einigen Wäldern aus niedrigen Tannen. Der ölige Duft von Harz erfüllte die Luft, während sie sich einen Weg durch die Wälder suchten.
Sturzbäche aus Schmelzwasser, welche ihren Weg die dunklen, auf die Entfernung fast schwarzen Berghänge hinab suchten verwandelten das Land in einen Flickenteppich aus Seen und
immergrünen Baumgruppen. Waren die Ebenen schon spärlich besiedelt gewesen, so begegnete ihnen auf ihrer Reise immer näher an die Grenze Immersons so gut wie niemand mehr. Lediglich bei einigen verstreuten Holzfällersiedlungen, die nicht einmal über Straßen oder ähnliche Hinweise auf ihre Existenz verfügten, konnten se noch Vorräte erwerben. Meist schweres, hartgebackenes Brot und das wenige , was sich hier oben anbauen ließ. Mittlerweile war es kalt genug, dass nachts bereits erster Frost die Landschaft einhüllte. Feine Eisschichten, die das Sonnenlicht einfingen, während sie Tagsüber langsam dahinschmolzen,
bildeten sich auf den Seen und den zahlreichen Holzstegen, die über die Wiesen und Uferregionen der Teiche verliefen. Kellvian hatte schnell gemerkt, das man besser den derart gesicherten Wegen folgte, statt auf eigene Faust loszuwandern. Der Schlamm, der die Seen umgab hatte ihn fast einen Stiefel gekostet, als er einmal nicht auf dem Pfad geblieben war. Sie waren nun nah genug an den Bergen, das diese wie ein gewaltiger, aus schwarzem Granit bestehender Wall in die Höhe ragten. Wolken verhüllten die meiste Zeit die Gipfel, aber wenn der ewige Nebel in der Höhe doch einmal auseinandertrieb, spiegelte sich die
Sonne auf gefrorenen, tiefblauen Gletschern und ewigen Schneelandschaften. Er konnte nur hoffen, dass sie erst gar nicht so hoch mussten, sondern einen Pass um die höchsten Berge herumfanden. Zwar hatten sie sich alle mit wärmerer Kleidung eingedeckt, aber in diesen Schwindelerregenden Höhen zu verweilen, war etwas, auf das er verzichten konnte. Selbst die Zauber der fliegenden Stadt waren nicht in der Lage, diese gewaltigen Berge zu überqueren, sondern suchten stets einen Weg um das Granitgebirge herum.
Kellvian schwankte auf dem Holzsteg, dem sie folgten. Kurz schien es ihm, als
würde die Welt um ihn herum verschwimmen und sich in einen Strudel aus Farben und wagen Formen auflösen. Die ganzen letzten Tage hatte er sich schon nicht gut gefühlt, aber der plötzliche Anfall kam unerwartet. Er hatte leichtes Fieber gehabt, das ja, aber das hier… war neu. So schnell alles gegangen war, so schnell war alles auch vorbei. Den anderen musste es jedoch trotzdem aufgefallen sein. Melchior, der die Spitze ihrer kleinen Gruppe bildete blieb stehen und auch Zyle hielt auf Höhe des Sehers an.
,,Kell ?“ Jiy war das kurze Stück Weg bis zu ihm zurückgelaufen.
,,Es geht schon. Mir war nur kurz…
Schwindlig.“ , log er. Was er grade gesehen hatte… war beunruhigend. ,,Hey..“
Die Gejarn ignorierte seinen Protest, als sie sein Hemd beiseite schlug. Die als dunkle Linie zu erkennende Narbe, war alles was von seinen Verletzungen übrig war. Der Streifen aus geronnenem Blut zog sich, von der Hüfte bis über den Brustkorb quer über seien Linke Seite.
Er konnte den stummen Ausdruck auf Jiys Gesicht nur zu gut deuten. Sorge und nach wie vor ein Hauch von Schuld. Egal, wie deutlich er machte, das er ihr mehr als verzieh…
,,Es scheint langsam alles zu verheilen.“
,,Sag ich doch. Kein Grund zur Sorge.“
Auch wenn das nicht ganz stimmte. Zwar erinnerte wenig daran, das er vor einigen Tagen erst fast gestorben wäre, trotzdem weigerte die Verletzung sich hartnäckig ganz auszuheilen. Stattdessen musste er fürchten, dass die Wunde bei zu großer Belastung wieder aufreißen könnte. ,,Es geht mir bestens, wirklich Jiy. Wie kommst du mit?“
,, Melchior meint, wir werden wohl bald die ersten Ausläufer der Berge erreichen. Vielleicht Morgen schon. “ , meinte die Gejarn und deutete hinauf zu den in den Wolken verschwindenden Felswänden. Von hier sah alles zum greifen nah aus, aber wenn sie noch einen Tagesmarch entfernt waren, musste das täuschen. Wie
hoch mussten diese Gipfel sein? Kellvian hatte für sich schon festgelegt, das er es nicht herausfinden wollte, wenn es sich vermeiden ließ. Aber da war noch etwas anderes an diesen Bergen…
Jiy war es offenbar auch nicht entgangen. Sie deutete auf eine Reihe von Schatten, die scheinbar an einer der Bergflanken saßen. Manchmal stoben einige davon auf und breiteten Schwingen aus.
,,Siehst du das ?“ , wollte die Gejarn wissen.
,, Ich sehe es… Sind das Vögel?“ Wenn ja, dann mussten sie verdammt groß sein, um auf die Entfernung sichtbar zu sein. Fast so groß wie… Ein Mensch. Er hatte
gehört, dass es eine Art von Geiern gab, die durchaus so groß werden konnte. Aber die lebten nicht hier, wenn ihn nicht alles täuschte. Die Bereiche über solche Kreaturen stammten tief aus dem Süden, in den Gebieten in der Nähe der Grenze nach Laos…
,, Ich weiß es nicht. Aber es gefällt mir nicht. Kommt, wir sollten die anderen nicht warten lassen.“
Zyle musterte den Seher skeptisch. Auch wenn Melchior es sich nicht anmerken ließ, immer wieder wanderte sein Blick suchend über das nebelige Wasser der umgebenden Seen. Als erwarte er mal wieder, dass irgendetwas geschehen
würde… Es war ja beinahe schon lästig, dass er Fragen musste.
,, Was ist jetzt wieder los ?“
,, Diese Gegend ist meinem Volk nicht ganz unbekannt.“ , erwiderte Melchior
,, Ihr meint die Nomaden ?“
Der Seher nicke. ,, Es gibt viele Geschichten über diese Seen und die Berge, die dahinter liegen. Manche davon sind klar Legende. Andere… hingegen sind viel mehr als das.“
,, Sagt bloß ihr fürchtet euch vor Gespenstern ?“
,, Die Gespenster hier sind es nicht, die mir Sorgen machen.“ , sagte er , während er weiterging.,, Seht ihr diesen See dort?“ Melchior deutete mit dem Stab auf
eine der vielen Wasserflächen hinaus, die sich kaum von den anderen Unterschied. Lediglich, das sich in der Mitte ein großer Baum erhob, in dessen dunkler Rinde hell schimmernde Schnitzereien zu erkennen waren.
,, Was ist damit ?“
,, Das ist ein Opferplatz für den sich ewig Wandelnden.“
,, Ein Gott eures Volkes ?“
Zyle hätte mit jeder Erwiderung des Sehers gerechnet. Nur nicht mit der, die er bekam. Melchior warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals. Das Geräusch schallte über die Seen wieder und schreckte eine Reihe von Wasservögeln auf, die sich
flügelschlagend Richtung Himmel erhoben
Nachdem er wieder zum Atem gekommen war schnaufte er : ,, Nein, Nein ein Gott ist er nicht. Er ist sogar… ein wenig realer als die meisten Götter, die ich kenne.“
,, Und wer oder besser, was ist er dann ?“
,, Ein verdammter Spaßvogel, wenn ihr mich fragt. Zumindest bei de wenigen Gelegenheiten wo ich ihn getroffen habe.“
,, Und worum müssen wir uns dann Sorgen machen ?“ Vorausgesetzt ich kaufe euch ab, das dieses Ding überhaupt existiert, dachte
Zyle.
,, Oh glaubt mir, ihr würdet seine… Art von Humor gar nicht zu schätzen wissen. Die geht meist auf die kosten anderer.“ Mit diesen Worten blieb Melchior stehen und zog einen der Knochenringe von seinem Stab. Er holte weit aus, dann schickte er den Talisman auf seine Reise durch die Luft. Bis er im trüben Wasser aufschlug und auf den Wellen tanzte,, Ich entsende meine Grüße an die Herren dieses Landes. Lasst uns sicher passieren.“
Irrer Alter. Auch wenn er anfing ihn zu schätzen, solche Archaischen Rituale hatten in der Gesellschaft Helikes keinen Platz. Zyle wollte sich schon umdrehen,
als etwas aus dem Wasser aufstieg. Etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Eine knochendürre Hand. Schwarze, ledrige Haut spante sich über die Finger, die nach der schwimmenden Kette griffen… und diese unter Wasser zogen.
Wenn nicht das Fell gewesen wäre, er wäre garantiert totenbleich geworden. ,, Erinnert mich daran, mich niemals über eure Geister lustig zu machen.“
,, Wie gesagt. Ein Spaßvogel. Hoffen wir, d s wir von weiteren… Aktionen dieser Art verschont bleiben.