Der Nebel wanderte lautlos über die Berge hinab ins Tal. Luzzon lag im Dunkel der Nacht.
Kalte Morgenluft umfing Don Juan.
Don Juan schlich durch das Dorf. An einem großen Brunnen blieb er stehen.
Aus einem Beutel an seiner Tasche holte er ein Lilienblatt hervor und legte es ins Wasser. Ein geheimes Zeichen.
Aus dem Schatten traten zwei Gestalten. Die eine Gestalt war in eine schwarze Rüstung gekleidet und trug einen ebenso schwarzen Helm auf ihrem Kopf. Sie verschmolz mit der Finsternis. Nur die silberne Doppelaxt glänzte im fahlen
Licht des Mondes.
Die zweite Gestalt war größer und ein einziger Berg aus Muskeln. Der Mann trug eine braune Lederhose und eine Lederbrustrüstung. An seinem Gürtel hingen eine Peitsche und zwei parierstangenlose Kurzschwerter.
“Was willst du hier, Don Juan?“, fragte der Mann in der schwarzen Rüstung mit einer tiefen Stimme, die verdächtig nach dem Knurren eines Bären klang.
“Ich komme in friedlicher Mission. Der Krieg muss aufhören, dass weißt du genauso gut wie ich, Seni! Ich will dir einen Waffenstillstand anbieten. Mein Meister, der König von Samuy, ist bereit euch Luzia, eine der fünf Festungen am
Amburayn zu überlassen, wenn ihr ihn nicht mehr angreifen und seine Bauern nicht mehr betrügen werdet.“
Der Mann lachte. Ein grausiges Lachen. Tief und dunkel wie der Klang einer sehr großen Glocke. „Oh, Don.“, antwortete Seni mit einer fast schon traurigen Stimme. „Du weißt doch, dass ich dass nicht kann. Meine Meister sind nicht auf irgendeine mickrige Festung oder ein kleines Stück Land aus. Nein, das ist viel zu wenig und du müsstest eigentlich wissen, dass sie nicht verhandeln. Nach dem was das letzte Mal passiert ist.“ Ein verächtliches Schnaufen des anderen Mannes. „Dieses Mal wirst du nicht mit dem Leben davonkommen! Es war ein
Fehler hier her zu kommen, Don Juan!“
Der Fremde hob seine Hand. Zwanzig Männer traten aus dem Schatten. Sie trugen bodenlange Mäntel. Über ihre Köpfe waren Kapuzen gezogen worden, sodass man nur die Umrisse ihrer Mundwinkel erkennen konnte.
„Das ganze Dorf untersteht meiner Macht, Don Juan. Du hast keine Chance zu entkommen!“, rief der Fremde und trat hinter die Männer.
Jene kamen langsam näher. Ein undurchdringlicher Kreis aus Schildern und Speeren.
„Tötet ihn!“, befahl Seni. Sofort traten die Krieger einige Schritte vor. Er war nur noch zehn Meter von ihnen Entfernt,
als sie ihre Speere warfen.
Don Juan zückte eines seiner Schwerter und zeigte mit der Spitze auf die Soldaten. Ein Lichtblitz schoss aus der Schwertspitze und verbrannte fünf Soldaten. Don zückte sein zweites Schwert, als die Männer ihre Speere warfen. Er ging in die Hocke und kreuzte die Schwerter über seinem Kopf. Die Luft zog sich über ihm zusammen und bildete eine Schutzhülle, eine Art Kokon. Die Speere flogen gegen jenen und blieben für eine Sekunde in der Luft hängen. Dann, als Don seine Schwerter nach rechts und nach links ausbreitete, wurden die Speere wieder zurück geschleudert. Sie durchbohrten zwölf
Soldaten, nagelten sie an die Häuserwände hinter ihnen.
Die übrigen drei Männer ließen ihre Arme übereinander kreisen, kreuzten sie, hoben die Finger gen Himmel, kreisten sie abermals und ließen sie gen Boden fallen.
Dann richteten sie ihre Handflächen wieder auf. Grüne, rote und blaue Rauchfäden tropften aus ihren Händen auf den Boden. Ringelten sich zu Schnüren zusammen und verbanden sich zu Mustern, trennten sich und stellten sich an anderen Stellen auf. Schließlich hielt jeder der drei ein leuchtendes Schwert in der Hand, einer ein Grünes, einer ein Rotes und der letzte ein Blaues.
“Du hast keine Chance gegen uns, Magier. Wir sind die Drei, die einer sind.“, sprachen die Drei einstimmig. Don Juan, ließ die Schwerter in seinen Händen kreisen.
„Ich werde auch mit Drillingen fertig!“, rief er ihnen zu, und versuchte seine Angst herunterzuwürgen.
Ein entsetzlicher Kampf entbrannte zwischen den Vieren. Die Drei mit den Rauchschwertern, hämmerten immer weiter auf Don Juan ein, doch er wehrte ihre Schläge ab. Anmutig tänzelte er zwischen ihnen herum und durchtrennte die Kehle des Blauschwertführers.
Die beiden Anderen sackten kurz zusammen, als hätte man ihnen große
Schmerzen zugefügt, standen jedoch sofort wieder auf und kämpften wütend weiter.
Der Mann mit dem grünen Schwert, stach sein Schwert in die Bauchhöhle von Don Juan. Sofort breitete sich Feuer über seinen Körper aus. Don Juan schrie, ein unendlich schmerzvoller, ohrenbetäunder Schrei. Mit letzter Kraft schlug er den beiden Magiern die Köpfe ab. Er ließ die halbmondförmigen Schwerter fallen und sackte zu Boden.
Baza schreckte zitternd und schweißgebadet aus seiner Vision auf. Er konnte sich noch an jede Einzelheit erinnern. Er hatte gesehen, wie sein Vater ermordet wurde.
Tränen traten in Bazas Augen. Wut überwältigte ihn. Rachegelüste. Sein Vater und seine Mutter waren alles was er noch hatte. Wieso hatte der Fremde ihn einfach umgebracht, immerhin bot sein Vater jenem Frieden an.
Er musste ihn Rächen, das war ihm klar. Er ging aus dem Zimmer und betrat den Wohnraum.
Dort saß seine Mutter an der Feuerstelle und starrte in die Flammen. Als sie Baza hörte, drehte sie sich zu ihm um.
Sie sah die Tränen in seinen Augen und fragte: „Was ist passiert? Warum weinst du, Baza?“
Jener wischte sich die Tränen aus seinem
Gesicht, setzte sich zu seiner Mutter ans Feuer und erzählte ihr von seiner Vision.
Schließlich sagte er: „Und deshalb muss ich nach Luzzon. Ich werde Vater rächen. Niemand wird unserer Familie wieder etwas antun!“
Seine Mutter schaute Traurig auf den Boden. „Baza, dein Vater wurde zwanzig Jahre lang ausgebildet, bevor er das erste Mal in den Krieg zog. Du bist erst zehn Jahre alt. Du bist zu Jung.“
„Mutter, ich habe zwei Jahre lang mit dem Schwert und mit dem Bogen trainiert, und besiege jetzt schon alle, die sich mit mir duellieren. Vater hatte immer zu mir gesagt, dass ich von den Göttern gesegnet wurde und deshalb
meine Visionen habe und schneller wachse und lerne und so jung schon besser kämpfen kann, als Erwachsene. Ich komme doch wieder. Mir wird schon nichts passieren.“
„Ich vertraue dir und glaube an dich. Wenn du glaubst, dass du fort gehen musst, dann tu es, aber komm lebend wieder nach Hause. Und nimm Wolf mit.“
Wolf war ein schlechter Name, für einen kleinen Hund, doch sah jener mit seinem grauen Fell und den blauen Augen aus wie ein Wolf und Baza war noch sehr jung, als er ihm den Namen gab.
Baza schaute zu dem Hund, der zusammengekauert am Feuer schlief.
„Wolf würde mich nur behindern.“, antwortete er ihr.
„Wenn du meinst, aber sei vorsichtig.“ „Ja, natürlich.“
Baza gab seiner Mutter einen Kuss auf die Stirn und stand auf.
„Wo hast du meine Waffen hingelegt?“, fragte er sie.
„Ich habe sie neben die Tür gelegt.“
Baza zog sich den Waffengürtel mit den zwei gebogenen Schwertern und seinen schwarzen Umhang an. Er hängte sich den Bogen und den Köcher mit den schwarzen Pfeilen über die Schulter und ging aus dem Haus.
Baza holte sein Pferd aus dem Stall, sattelte es und schwang sich auf dessen
Rücken. Er trat dem Pferd in die Flanken und stürmte aus dem Hof.
Luzzon war nur einen Tagesritt entfernt. Morgen früh würde er seine Rache bekommen.
Ein schelmisches Lächeln stahl sich auf Baza s Lippen.
Er ritt den ganzen Tag durch. Am Abend kam er in der Nähe des Dorfes an und beschloss sich auszuruhen.
Baza band das Pferd an einem Ast fest und lehnte sich an einen Baum. Er schlummerte in einen leichten Schlaf.
Nebel. Ein kleines Dorf am Meer. Umrandet von Mauern. Der Mann, der Bazas Vater umgebracht hatte, lief durch die Gassen. Er redete mit einem Mann
außerhalb von Bazas Blickfeld. „Was sollte ich denn tun? Er war eine Gefährdung. Hätte ich ihn am Leben gelassen, hätte er mich vielleicht umgebracht.“
„Dann hätte ich wenigstens keine Probleme mehr mit dir, Seni!“, schalt ihn die andere Person. Der Stimme nach zu urteilen, war sie eine Frau.
Seni grummelte etwas Unverständliches. Die Beiden blieben vor einem kleinen Steinhaus stehen. Seni klopfte dreimal gegen die Tür. Jene wurde einen Spalt breit geöffnet und aus dem Inneren kam eine piepsige Stimme, die fragte, wer denn da
sei.
“Seni.“, antwortete Seni. Prompt wurde die Tür geöffnet.
Ein kleiner Mann, der seine besten Jahre schon hinter sich hatte, stand hinter ihr. „Seni, mein alter Freund.“, begrüßte er Seni überschwänglich. Als er die Frau erblickte, erbleichte er.
„Das kann nicht sein, ich habe gesehen, wie du die Klippe runter gefallen bist. Du müsstest Tod sein.“
Die Frau lachte: „Hast du noch nie etwas von Vortäuschung gehört, Smirn? Seni hat mir erzählt, dass du ein wahrer Meister darin sein solltest. Vier mal hast du deinen Tod schon vorgetäuscht, nicht?“
Baza konnte nun ihre Züge erahnen. Sie war eine junge Frau. Sie war eine sehr hübsche Frau, lange schwarze Haare, gerade Nase, grüne Augen, gerade weiße Zähne, sehr dünn.
Die Beiden traten in das Haus und Smirn schloss die Tür hinter ihnen. Sie befanden sich in einem großen Raum. Jener wurde von kleinen Fackeln an den Wänden beleuchtet und war mit einem großen Tisch, umrandet von Stühlen, die Wände waren von riesigen Bücherregalen bedeckt.
„Was ist passiert, dass ihr zu mir kommt?“, fragte er Seni flüsternd.
„Ich habe Don Juan umbringen lassen. Wir haben keinen mehr, der uns davon
abhalten kann, das Land zu unserem zu machen.“, antwortete Seni ihm.
„Und was wollt ihr dann von mir? Ich habe seit meinen letzten Jahren im Orden der Roten gegen keinen Magier mehr gekämpft. Ich bezweifle, dass ich eine große Hilfe wäre.“
Seni lachte. „Oh du wirst eine große Hilfe für uns sein. Wir wollen, dass du wieder zum Orden zurückkehrst. Wir brauchen erfahrene Zauberer, die sich nicht scheuen, die alten Künste einzusetzen und keine Kinder. Du lebst jetzt schon wie lange? Vierhundert Jahre? Ich wette du hast eine ganze Menge Tricks auf Lager, die uns noch
helfen könnten und unsere Schüler noch lernen sollten.“
„Ich habe schon einmal auf eurer Seite gekämpft und verloren. Wenn euer Krieg sich jetzt wiederholt, werde ich sicherlich nicht wieder auf der Seite der Verlierer kämpfen. Ich habe kein Interesse dem Orden der Roten abermals beizutreten und auch nicht dem schwarzen Zirkel. Lasst mich doch einfach aus euren kleinen Streitereien heraus.
Und selbst wenn ich mit euch kommen würde, kennst du mich bei Leibe gut genug, um zu wissen, dass ich keine Lehrlinge nehme. Die verursachen immer
nur Stress und Unruhe.
Wenn das der Grund eurer Ankunft ist, könnt ihr nun auch wieder gehen!“
Sine dachte nicht einmal daran zu gehen. Er ließ sich in einen bequem aussehenden Stuhl fallen und zauberte sich mit ein paar Handbewegungen einen Becher mit Wasser herbei.
Nachdem er ein paar Schlücke des kühlen Getränks genossen hatte, schaute er abschätzend zu Smirn.
Schließlich sagte er: „Was ist bloß aus dir geworden, alter Freund. Sitzt hier in deinem Haus in Econ und versauerst, während da draußen Abenteuer auf dich warten. Du bist keiner, dieser Leute, die in ihren Häusern versauern soll. Du
gehörst zu einer anderen Rasse, als die Menschen. Sie kennen deine Identität nicht, du kannst anonym unter ihnen wandeln und sie bemerken es nicht.
Früher warst du ein blutrünstiges Monster, hast dich bei uns in Zaum gehalten und hast mit uns gekämpft. Jetzt siehst du aus wie ein alter, kleiner Mensch.“
„Und was habt ihr mich gebracht? Dank euch wäre ich oft, viel zu oft, beinahe gestorben und musste mich schließlich zehn Jahre lang verstecken. Ich lehne es ab, ein Monster zu sein. Die Menschen sind eine reinere Spezies, als meine Vorfahren es waren und ich habe nicht vor noch mehr Unschuldige umzubringen.
Die Menschen, welche sich mir in den Weg stellen, weiß ich auch heute noch zu besiegen.
Außerdem dachte ich, dass ich gesagt hätte, dass ihr gehen sollt! Du weißt, dass ich mich nur ungern wiederhole.“
Die Frau, welche die meiste Zeit über beunruhigt die Wände gemustert hatte, drehte sich nun zu den Beiden und sagte: „Smirn, du bist uns immer ein guter Freund gewesen und wir waren immer bereit dir zu helfen. Jetzt brauchen wir deine Hilfe.
Wir wollen nicht, dass du jetzt sofort mit uns kommst, doch solltest du dich bis zum nächsten Zyklus entschieden haben.
Sine, wir gehen!“, befahl sie Sine.
Jener stand auf, sagte: „Ja, Meisterin.“, und fügte leise zu Smirn hinzu: „Überlege es dir gut, dieses Mal werden wir nicht die Verlierer sein.“
„Das dachtet ihr auch das letzte Mal.“, bemerkte Smirn leise als die Beiden weg waren. „Und dieses Mal werdet ihr euch wieder täuschen.“
Baza erwachte aus seiner Vision. Mittlerweile war die Nacht weit vorgeschritten und der Mond erleuchtete die Lichtung so hell wie bei Tageslicht. Baza stand auf und schulterte seinen Bogen und den Köcher. Der Weg zur Stadt würde nur noch wenige Minuten Fußmarsch in Anspruch nehmen,
deswegen und weil er bei der Jagd schon gelernt hatte, dass Pferde die Beute, oder in diesem Fall die Wachen, leicht durch ihren lauten Hufschlag aufschrecken konnten, ließ er das Pferd an den Baum gebunden und rannte nach Luzzon.
Hundert Meter vor dem Dorf blieb er stehen. Er stand auf einer Anhöhe und starrte auf die Stadt hinunter.
Baza kniete sich an den Abgrund. Als er noch jünger war, hatte er sich immer vorgestellt, dass er sich in einen Vogel verwandelte, wie es die Magier in den alten Legenden taten.
Nun saß er dort am Abgrund und starrte auf die Stadt. In den Boden vor der Stadtmauer war ein Speer mit einem
darauf aufgespießten Kopf. Der Kopf Don Juan, der Kopf seines Vaters.
Wut stieg in Baza auf. Unendliche Wut. Er hatte das Gefühl alles schaffen zu können. Hundert Männer mit einem Schlag umzubringen.
Baza sprang die fünf Meter von der Anhöhe herunter, rollte sich ab und rannte dann im Schatten weiter.
Wenige Meter vor der Stadt sah er die ersten Wachen. Er griff während dem Laufen seinen Bogen und einen Pfeil, spannte und schoss ab. Pfeil ziehen, spannen und abschießen.
Dies wiederholter er fünf Mal, bis alle Torwachen tot am Boden lagen.
Er zog einen weiteren Pfeil und legte ihn
an die Sehne.
Stille. Er wartete einen Moment. Eigentlich hätte schon längst Verstärkung für die Wachen eintreffen sollen, doch Baza hörte nichts. Es beunruhigte ihn.
Auf leisen Sohlen schlich er ihm Schatten der Häuser und mit gespanntem Bogen in das Tor der Stadt. Er bog rechts ab und presste sich in den Schatten, als er eine Kohorte der Wache entdeckte. Er schoss den Pfeil ab und tötete eine Wache. Dann ließ er den Bogen fallen, griff sich seine Schwerter und stürmte auf die Männer zu.
Zehn gegen einen. Das klingt fair, dachte
Baza sich in der Sekunde, als er auf die Wachen zustürmte. Baza tänzelte durch jene hindurch, durchtrennte Gurgeln, schlug Gliedmaßen ab und erstach sie, ohne auch nur einen Kratzer davon zu tragen.
Nur noch einer stand. Baza tänzelte um ihn herum und stach mit seinem Schwert in den kleinen Schlitz der Lederrüstung. „Wo sind die anderen Wachen?!“, fragte er ihn. „Antworte!“, befahl Baza. Die Wache zeigte nach Norden und Baza gab ihm den Gnadenstoß, oder eher den Gnadenstich.
Blut strömte aus dem Rücken des Mannes und färbte Bazas Klinge blutrot.
Baza säuberte das Schwert an der Kleidung eines Toten, griff sich wieder seinen Bogen und stürmte los, gen Norden.
Baza musste nicht lange warten, bis er die Stimmen weiterer Menschen vernahm. Baza legte einen Pfeil auf die Sehne und stürmte um die Ecke. Während er sich umdrehte, und sein Ziel aus den Augenwinkeln fixierte, schoss er den Pfeil ab.
Der Junge hatte sein Ziel nicht verfehlt. Eine Frau mittleren Alters, vielleicht dreißig, war an ihre Haustür genagelt worden. Am Boden saß ein verängstigtes Mädchen, das sich hinter dem Kleid ihrer Toten Mutter versteckte. Sie war
vielleicht elf oder zwölf Jahre alt.
Baza hatte kein Mitleid. Wie Seni es gesagt hatte, das ganze Dorf unterstand ihm und so würde nun auch das ganze Dorf Bazas Rache zu spüren bekommen.
Er legte einen weiteren Pfeil auf die Sehne und flüsterte zu dem Mädchen: „Es wird nicht wehtun.“ Sie nickte zögerlich, begriff wahrscheinlich nicht, was gerade geschehen war und verstand Baza wahrscheinlich auch nicht. Baza ließ die Sehne nach vorne schnellen und der Pfeil bohrte sich durch den Kopf des Mädchens.
Dann wandte sich Baza abermals um die Ecke und stürmte in eines der Häuser, aus denen lautes Gelächter ertönte.
Er legte gleich drei Pfeile auf die Sehne und schoss alle drei gleichzeitig ab, als er die Tür aufstieß. Eine glückliche kleine Familie saß hinter der Tür am Esstisch. Nun nichts mehr als leblose Körper, das Essen verdorben durch das Blut der Mutter, des Vater und des Sohnes.
Baza schaute kurz nach, ob noch jemand im Haus war, kam jedoch ein paar Sekunden später wieder heraus. Beim herausgehen zog er die Pfeile aus den Leichen, legte einen wieder auf die Sehne und steckte die anderen Beiden wieder in seinen Köcher.
Nur noch fünf Pfeile, nicht gut. Er verzog das Gesicht. Wenn er wieder zu Hause war, musste er sich dringend mehr Pfeile machen.
Jetzt ging er jedoch ins nächste Haus, und dann ins nächste und nächste und so weiter.
Nach einer halben Stunde hatte er die Hälfte der Häuser durchkämmt.
Mittlerweile hatten sich die Menschen aus der anderen Stadthälfte sich zusammen getan und liefen nun durch die Straßen, auf der Suche nach Baza.
Jener hatte seine Pfeile wieder eingesammelt, war auf einen Verkaufsstand und von dort auf eines der
Dächer geklettert.
Nun hüpfte er von Dach zu Dach und jagte von dort oben die Dörfler. Er hatte eine kluge Taktik.
Wie Schafe auf der Herde trieb er sie zusammen, in diesem Fall war es der Marktplatz.
Er sprang auf eines der Dächer, von denen er direkt auf den Marktplatz schauen konnte.
“Ihr habt meinen Vater auf dem Gewissen, jetzt werde ich ihn rächen!“
Er hob seinen Bogen, legte vier Pfeile darauf und schoss alle in die Menge, dasselbe wiederholte er vier Mal. Dann legte er Bogen und Köcher ab, griff nach
seinen Schwertern und sprang von dem Dach auf den Boden. Sofort stürmten zwölf Männer auf ihn zu.
Die meisten waren mit Speeren und Schildern bewaffnet und wurden durch Rüstungen geschützt, doch einige waren einfache Bürger, die in schmutzigen Klamotten gekleidet und mit Mistgabeln oder Hackbeilen bewaffnet waren.
„Mein Vater hat euch Frieden angeboten und ihr habt ihn ermordet!“, schrie Baza.
Dann mähte er die Männer, Frauen und Kinder nieder, trennte Köpfe und andere Gliedmaßen von Körpern, durchschnitt Pulsadern oder Wirbelsäulen und erstach die Menschen.
Als nur noch einer von ihnen übrig war, ein kleines Mädchen mit goldgelockten Haaren, steckte er seine Schwerter wieder in die Scheiden.
„Ich lasse dich am Leben, doch dafür musst du etwas für mich tun. Jedem Mensch, der dir begegnet, wirst du von dem Tatenreichtum und der Kraft des Baza berichten. Die Menschen sollen lernen mich zu fürchten, und sie sollen wissen, was mit denen passiert, die meine Familie verletzen und nun geh!“
„Danke, Maester, danke.“, bedankte sich das Mädchen und rannte davon.
Baza kletterte wieder auf das Haus, griff sich seinen Bogen und seinen Köcher und machte sich auf den Weg aus der Stadt.
Es war eine kluge Idee wieder über die Dächer zu laufen, denn am Boden stapelten sich die Leichen.
Als er an der Mauer ankam und dort eine Fackel entdeckte, umfasste er einen Pfeil, zündete ihn an und schoss ihn auf den riesigen Leichenhaufen in dem Stadtzentrum.
Lichterloh gingen die Gebeine in Flammen auf und zündeten Holzhäuser an. Bald würde die Stadt nicht mehr existieren, nur noch eine Spur von Bazas Rache.
Sine sollte sich an ihn erinnern, wenn er das nächste Mal nach Luzzon kommt.
Baza lief wieder in den Wald hinein. Doch war seine Rache noch nicht beendet. Sine war entkommen und die Frau, für die er arbeitete, mit ihm.
Dieser Gedanke ließ Baza nicht los, er wollte, nein, er musste seinen Vater noch an Sine rächen. Jener war schließlich Schuld an dessen Tod und die Dörfler hatten nur gehorcht.
Als er auf der Lichtung ankam, band er sein Pferd los, stieg in den Sattel und ritt gen Heimat.
Baza genoss den Ritt. Die Stille. Die Zeit um Nachzudenken, ohne von irgendjemandem gestört zu werden. Seit dem sein Vater ausgezogen war um Verhandlungen für den König zu führen,
die kläglich gescheitert sind, musste Baza den Hof führen, die Tiere auf die Felder und wieder in den Stall bringen, Holz hacken, Getreide ernten und Äpfel pflücken.
Er überlegte, ob er die Stadt kannte, die er in seiner letzten Vision gesehen hatte. Aber er konnte sich nicht daran erinnern einmal dort gewesen zu sein.
Jene Stadt wäre der nächste Ort, an dem nach Seni suchen konnte.
Es war schon dunkel, als er an den großen Felsen ankam, die wie eine Mauer, die Stadt umrundeten. Er roch Rauch und verbrannte Haut und
verbranntes Holz.
Ein schreckliches Gefühl überkam ihn. Er trat in dem Pferd in die Sporen.
Nach wenigen Sekunden bestätigte sich sein Verdacht. Das Dorf war niedergebrannt.
Er stieg von dem Pferd ab und rief: „Mutter? Thomas? Robin?“, während er durch das Dorf zu seinem Hof antwortete. Keine Antwort.
Baza stürmte in sein Haus, oder in das was davon noch übrig war und suchte schreiend nach seiner Mutter. Nichts. Nur noch das steinerne Grundgerüst des Hauses stand, ansonsten Asche. Nichts als Asche.
Baza schrie verzweifelt. Nun war ihm auch noch seine Mutter und seine Heimat genommen wurden. Er fiel auf die Knie und hämmerte mit seinen Fäusten auf den Boden.
Tränen rannen über seine Wangen.
Ein in eine schwarze Kutte gehüllte Gestalt kam auf Baza zu.
Jener stand sofort auf und zückte seine Schwerter. „Wer sind sie? Was wollen sie hier?“, fragte Baza mit ernster Miene.
„Baza, ich bin kein Feind und will dir nichts Böses. Ich bin hergekommen, weil ich dir ein Angebot machen will. Ich bin ein alter Freund von deinem Vater.“, antwortete der Fremde, dessen Gesicht man unter der Kutte nicht einmal erahnen
konnte.
„Ziehen sie die Kapuze ab! Ich will sehen wer sie sind! Wieso sollte ich ihnen trauen? Was für ein Angebot meinen sie?“
Der Fremde zog die Kapuze ab und antwortete: „So viele Fragen. Bald wirst du Antworten auf all deine Fragen finden. Jetzt musst du erst einmal nur wissen, dass ich mit deinem Vater zusammen im Schwarzen Zirkel gedient habe. Er mich gebeten, falls im etwas passiert, dich mit zum Zirkel zu nehmen und dich dort auszubilden. Ich bin der Muezz.“ Er reichte Baza seine Hand.
“Woher soll ich denn wissen, dass sie
wirklich zum Schwarzen Zirkel und nicht zum Orden der Roten gehörst?“
Der Muezz musterte Baza eindringlich. „Woher weißt du von dem Orden? Ach, ist auch egal, dass können wir später klären. Ich habe den Ring des Zirkels.“ Der Mann schob seine linke Hand unter der Kutte hervor und zeigte Baza einen Ring, der einen Drachen zeigte.
Je länger Baza jenen betrachtete, umso lebendiger schien er.
„Glaubst du mir nun? Dein Vater hatte denselben Ring, wie jeder, der in unserem Zirkel ist.“
“Ja ich glaube dir.“, antwortete Baza. „Gut. Wir sollten nun von hier verschwinden. Bald werden hier wieder
Männer des Ordens kommen. Sie suchen dich.“
„Warum suchen sie mich?“, hakte Baza nach. „Ach, dass erkläre ich dir später, wenn wir, oder mehr du, mir werden sie sowieso kaum etwas anhaben können, in Sicherheit sind. Folge mir. Wir müssen zur Insel des Zirkels. Dort sind wir sicher.“
Der Muezz zog sich die Kapuze wieder übers Gesicht und schritt davon. Baza verstaute schnell die Schwerter in den Scheiden und rannte ihm nach.“
Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen die Beiden auf eine große Lichtung. Dort erwartete Baza das Erstaunlichste, was er
je gesehen hatte.
Ein goldener Drache lag auf der Lichtung. Jedes Mal wenn der Drache ausatmete, bogen sich die Bäume etwas weiter aus der Erde.
Der Muezz holte eine silberne Rassel unter seiner Kutte hervor und schüttelte sie. Obwohl Baza nichts hören konnte, schreckte der Drache auf und trampelte müde ein paar Bäume und Büsche nieder, als er sich streckte.
„Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht schlafen sollst!“, brüllte der Muezz den Drachen an.
Entweder war das ziemlich mutig, oder ziemlich dumm. Doch anstatt einen Feuerball oder so etwas auf den Muezz
zu schicken, brummte der Drache und schaute traurig zu dem Muezz.
„Flügel runter!“, befahl jener. Der Drache gehorchte und der Muezz stieg auf. „Komm schon, Baza . Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit und der Drache wird dir schon nichts tun.“
„Auf diesem Tier soll ich fliegen?“, fragte Baza.
Ich bin kein Tier, brummte eine Stimme, in der etwas Uraltes und Mystisches lag.
„Dies ist Tarlac. Sprich lieber nicht noch einmal von ihm als Tier. Er ist sehr leicht reizbar. Aber nun komm, die Reise dauert zwar nicht sehr lange, doch warten die Prätoren darauf, dass ich dich
ihnen vorstelle.“
Er tätschelte Tarlac die Schulter und jener ließ seinen riesigen Flügel sinken. Der Muezz stieg auf den Flügel und lief ihn zu dem gewaltigen Rücken entlang, auf welchem ein großer Sattel stand, in den mindestens vier Personen gepasst hätten.
„Komm schon! Wir haben nicht die ganze Nacht zeit.“, meckerte der Muezz.
Baza musterte den Drachen misstrauisch. Er hatte keine Lust von einem Drachenrücken zu fallen oder irgendwann von einem Drachen geröstet zu werden, doch was hatte er den für eine Wahl. Seine Familie war getötet,
seine Heimat vernichtet und sein Leben zerstört worden.
Der schwarze Zirkel, oder bis jetzt der Muezz bat die Chance auf ein neues Leben und vielleicht eine Art der Familie, das Gefühl der Geborgenheit und die Liebe im Herzen, die er misste.
Also kletterte er in den Sattel und hockte sich hin. „Halt dich gut fest!“, befahl der Muezz und gab dem Drachen einen brüderlichen Klaps.
Tarlac erhob sich mit einem einzigen Satz zwanzige Meter in die Lüfte. Baza hatte Mühe sich an dem Geländer festzuhalten, als der Drache fast waagerecht in die Luft stieg. Nach fünf majestätischen Flügelschlägen ließ er
sich in einen Gleitflug sinken und glitt über den Himmel.
Baza drehte sich zu dem Muezz um. „Also, wer bist du? Was ist der schwarze Zirkel? Warum jagt der Orden der Roten mich?“, fragte er ihn und zog eine Augenbraue nach oben.
Der Muezz setzte sich bequemer in dem Sattel und begann zu erzählen: „Eine Frage nach der Anderen. Ich bin der Muezz und diene schon lange dem Zirkel, na ja, mehr oder weniger. Ich habe jedenfalls immer für den Zirkel gekämpft. Ich bin ein Mann ohne Vergangenheit und mit ungewisser Zukunft. Niemand weiß woher ich kam und wohin ich gehe. Niemand weiß
welche Kräfte ich besitze oder auch nicht besitze und welche Artefakte ich sammle oder auch nicht sammle. Keiner kennt mich wirklich und ich habe keine engen Vertrauten, die mir in einem Krieg genommen werden könnten. Das heißt ich habe nichts, wegen dem ich erpresst werden könnte, na ja außer meiner Freiheit, aber jene bekomme ich immer zurück, ohne dass sie verletzt wurde. Keiner kennt meinen wahren Namen und keiner kennt mein
Die Menschen haben jahrelang probiert mich zu entschlüsseln, herauszufinden, wer ich bin und woher ich komme, doch niemand hat es je erfahren.
Soviel kann ich verraten. Ich komme von
einer weit entfernten Insel, auf der die Magie andere Gestalt annimmt als bei euch und auf der wir anders leben.
Nun deine Frage zu dem schwarzen Zirkel. Man könnte ihn eine Art Zufluchtsort für Magier nennen, oder aber eine Gruppe von Menschen die eurer Land beschützen wollen.
Wie auch immer. Es läuft darauf hinaus, dass dort so gut wie nur Magier leben. Wir kämpfen gegen den Orden der Roten, der die Magier als eine höher entwickelte Art Menschen ansieht, die anstatt den Königen herrschen und die Menschen unterdrücken sollten.
Das ist aber der Falsche weg. Magier
sind genauso weit entwickelt wie normale Menschen. Wir haben den Orden der Roten bis jetzt immer davon abgehalten, dass sie euer Land, das Land der Menschen erobern, doch nun sind sie stärker geworden. Sie greifen uns erneut an und sind nicht mehr allein. Der Zirkel ist das Einzige, was noch zwischen ihnen und euch steht und du solltest mir glauben, wenn ich dir sage, dass die Menschen nicht für einen Krieg gegen den Orden der Roten gewappnet sind.“
Der Muezz sprach in Rätseln. Was meinte er mit, er stamme von einer anderen Insel? Die Länder außerhalb Tasakans waren noch nicht erforscht
worden, oder mehr war kein Schiff, das je ausgesandt wurde wieder zurückgekommen.
Warum verheimlichte er so vieles und was meinte er mit der anderen Gestalt der Magie? Zu viele Fragen schwirrten durch Bazas Kopf und er musste erst einmal das Gesagte verdauen. Baza brauchte ein paar Minuten.
Der Muezz betrachte ihn abschätzend, als würde er sich fragen, ob Baza der Richtige war, als ob er die Mühen wert war, die er dem Zirkel noch bereiten würde.
Er schien in Bazas Geist und seinen Gedanken zu lesen wie in einem Buch.
Baza bekam seine Gefühle langsam
wieder unter Kontrolle und konnte seine Gedanken wieder ordnen. Der Muezz wendete seinen Blick von den tiefblauen Augen Bazas ab und starrte in die Ferne.
„Du hast mir eine Frage noch nicht beantwortet. Was will der Orden der Roten von mir? Ich bin nur der Sohn eines Bauern, der für den Zirkel gearbeitet hatte. Was will der Orden der Roten von mir?“, wiederholte Baza seine Frage.
Der Muezz starrte zwar weiter in die Ferne, klärte Baza jedoch endlich auf. „Du hast weit mehr Fähigkeiten als du denkst, Baza. Ich war früher, als ich in deinem Alter war, ähnlich wie du. Mein Leben wurde von Hass zerfressen, meine
Familie war getötet und meine Heimat zerstört wurden. Nun ist es eine trostlose Insel mit den merkwürdigsten Wesen, die ich je gesehen hatte, Schnecken so groß wie Hütten, Eulen, die sich verdoppeln und uns jagten. Aber das ist eine andere Sache.
Du hast das zweite Gesicht, du kannst deinen Geist von deinem Körper trennen und dich so in andere Gebiete begeben ohne dort zu sein. Ich habe auch Visionen, eine seltene Gabe und der erste Schritt, wie sich die Gabe des zweiten Gesichts zu erkennen gibt. Sie ist weit mächtiger als du denkst. Man kann nicht nur in seinen Träumen durch die Welt wandern, ohne gesehen zu werden und
ohne physisch dort zu sein, sondern man kann auch in andere Sphären eintauchen.
Dieses Geschenk ist nur wenigen zu Teil und du solltest froh darüber sein, dass es dir zu Teil wurde. Du musst nur lernen damit umzugehen.
Der Orden der Roten jagt dich, weil sie wissen, welche Kräfte in dir schlummern, und das du die entscheidende Rolle in diesem Krieg führen wirst, wie ich sie einst in dem Krieg vor dreitausend Jahren geführt habe.“
“Moment mal, soll das heißen, dass du mehr als dreitausend Jahre alt bist? Das geht nicht, ich meine man kann doch nicht einfach mal so über dreitausend
Jahre existieren, die meisten Menschen in unserem Dorf waren froh, wenn sie vierzig wurden.“
“Baza, beruhige dich! Du regst Tarlac noch auf! Ich habe dir doch erzählt, dass Magie in meiner Heimat andere Formen annimmt. Mein Volk hatte sich vor Jahrtausenden auf diese Insel verzogen, weil wir die Menschen nicht den Gefahren der Wesen aussetzten wollten, die von dem Ersten mit dem zweiten Gesicht erweckt wurden.
Kreaturen, die jahrtausendelang in den Gefängnissen der Seelen hausten. Wesen, die euch schneller umbringen könnten, als ihr zu blinzen wagt.
Zu dieser Zeit entstand der schwarze
Zirkel. Wir schlossen uns zusammen, um die euch bekannte Welt zu bewahren. Die Menschen dachten nicht mehr daran, dass es diese finsteren Wesen wirklich gibt und stellten sie in ihren Geschichten, Sagen und Legenden als unwirklich dar, und das war auch eine ganze Zeit lang gut so. Die Menschen konnten sich entwickeln, ohne von den Gefahren abgelenkt zu werden, die auf der anderen Seite der Hilogan-Meerenge auf sie warteten.“
„Und was bist du dann, wenn du kein Mensch bist, und welche Gefahren lauern hinter der Meerenge?“
„Ich werde dir nicht sagen, welcher Rasse ich angehöre. Das ist eines meiner
Geheimnisse und wenn du irgendjemanden davon erzählst, werde ich dich töten.“
Als wenn er dies nicht gesagt hätte, wand er seinen Blick von der Ferne ab und schaute Baza lächeln an. „Die Gefahren auf der anderen Seite der Meerenge wirst du bald kennen lernen, wie ich vermute. Erinnere dich einfach an die alten Geschichten, die deine Eltern dir erzählt haben. Sie haben dem schwarzen Zirkel angehört und wollten dich so auf deine Aufgabe vorbereiten. Dein Vater hat sein Leben geopfert um einen Krieg zu schlichten, in dem du sterben könntest. Er hat sein Leben für eine Chance auf ein längeres Leben deinerseits gegeben.“
Aelon konnte abermals nicht fassen, was der Muezz ihm sagte. Doch fasste er sich diesmal schneller als zuvor. „Meine Eltern haben beide dem schwarzen Zirkel angehört?“, fragte er mit brüchiger Stimme. Das war neu für ihn. Sein Vater hatte immer erzählt, dass er dem König dienen würde. „In einer Vision sah ich, wie mein Vater ermordet wurde. Davor machte er Seni ein Angebot. Er bot ihm ein Stück Land an und eine Festung. Er erzählte, dass das Angebot von dem König kommen würde. Was hat jener mit der ganzen Sache zu tun?“
„Wir haben einen Freibrief des Königs. In seinem Namen dürfen wir in gewissen Maßen mit Ländereien, Schätzen und so
weiter handeln. Bevor er zum König gekrönt wurde, lebte und arbeitete er einige Zeit in und für den schwarzen Zirkel.
Früher war er ein sehr beliebtes Mitglied, als er jedoch zum König gekrönt wurde, entfernte er sich immer weiter aus dem Zirkel. Irgendwann schrieb er uns nur noch wenig und wenn, dann schickte er meisten Freibriefe.
Zu seiner Zeit war ich noch Ausbilder beim schwarzen Zirkel. Er war ein sehr guter Schüler. Immer fleißig, gehorchend und mutig.“
Vier
Der Drache ging zum Sturzflug über. Er durchbrach die Wolkendecke und zeigte eine riesige Insel vor ihnen. Mit leichten Flügelschlägen steuerte der Drache auf die Insel zu.
„Ist das...?“, begann Baza. „Ja, das ist Ilieras. Die Insel des schwarzen Zirkel.“, prahlte der Muezz mit dem Hauch eines Lächelns.
Als der Drache die Ausläufer des die Insel umrundenden Gebirges passiert, konnte Baza die Ausmaße der Inselstadt erahnen.
In die Felsen waren kleine Tunnel gegraben wurden, durch die Galeeren in einen großen Hafen fuhren. In das Gebirge waren Wehrgänge und Türme
gegraben worden, in denen Magier, Bogenschützen und Schwertkämpfer kampfbereit auf einen Angriff des Ordens wartenden. Ungefähr hundert Meter hinter dem Hafen kamen die ersten Häuser zum Vorschein- Gewaltige Bauten aus Sandstein und mit runden Kuppeldächern aus Kristallgläsern.
Eine zehn Meter breite Hauptstraße ebenfalls aus Sandstein zog sich durch die halbe Stadt, bis sie an den Füßen eines gewaltigen runden Platzes mündeten.
Auf jenem Platz stand anscheinend das einzige Gebäude das nicht aus Sandstein gemeißelt war. Ein großer Turm aus weißem Marmor und Glas erhob sich aus
der Mitte des Platzes und ragte 25 Meter hoch in die Luft.
Von außen waren Figuren von Heroen und Wesen aus alten Sagen, die seine Eltern im immer erzählt hatten, als er noch ein kleines Kind war, in den Stein gemeißelt worden. Sie schienen Baza zu Mustern und einige öffneten ihre Lieder als er zu ihnen aufsah.
Vor dem großen Eichentor des Turmes standen zwölf Figuren aus Sandstein. Aus ihren geöffneten Augen strahlte blaues Licht. Sie musterten die Männer und Frauen, welche in den Turm liefen oder aus jenem heraustraten.
Bazas Aufmerksamkeit wurde auf eine
riesige goldene Statue auf dem Dach des Turmes gelenkt. Sie war dreimal so groß wie Baza und zeigte einen Mann mittleren Alters mit langem Haar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden worden war. In seiner Rechten hielt er einen hüfthohen Eisenstab dessen Griff zu einer Klaue geformt war und einen runden Smaragd fest umklammert hielt.
In seiner Linken hielt er ein rubinrotes Schwert, das er gen Himmel streckte.
„Wer ist der Mann auf dem großen Turm?“, fragte Baza. „Das ist Lam . Er hat den Zirkel gegründet und der „große Turm“ ist der Sitz der zwölf Räte und der zwei Prätoren, die den Zirkel leiten.“,
antwortete der Muezz ihm ohne Umschweife.
Über den Straßen waren von Hausdach zu Hausdach Aquädukte gebaut worden, die die Wasserversorgung der Bewohner garantierte. Zur Rechten des Turmes war ein großer Park errichtet worden. In jenem liefen die unterschiedlichsten Tiere herum und Menschen duellierten sich in verschiedenen Disziplinen. Auf der linken Seite des Turmes waren große Getreidefelder und Apfel und Kirschplantagen angelegt worden.
Danach kamen abermals zweihundert Reihen der dreistöckigen Häuser. Das Gelände fiel nun etwas ab und gab einen großen See zum Vorschein, an dem ein
Hort für Drachen errichtet worden war.
Unzählige dieser Ungeheuer tummelten sich in dem kühlen Wasser, sonnten sich auf den großen Vorsprüngen der Berge und tobten auf einer großen Wiese. In den Berg waren riesige Höhlen gegraben worden aus denen Köpfe von Drachen lugten. Einige Drachen schauten kurz zu Baza, dem Muezz und Tarlac. Dann stießen sie riesige Feuersäulen zur Begrüßung in den Himmel. Tarlac tat es ihnen gleich.
Es war ein bewunderndes Schauspiel, welches Baza mit offenem Mund staunend betrachtete. Der Muezz jedoch antwortete nur trocken, dass es das übliche Begrüßungsritual der Drachen sei
und nichts Besonderes wäre.
Langsam ließ Tarlac sich zu Boden sinken, drehte eine Runde über dem See und setzte schließlich sanft auf dem Boden auf. Obwohl der Flug berauschend war, war Baza doch froh wieder auf festem Boden zu stehen.
Tarlac breitete seine Flügel aus und ließ die Beiden auf jenen von seinem Rücken herunterrutschen.
Vier Männer kamen auf die Drei zugelaufen und nahmen Tarlac den Sattel ab. Nachdem sie ihm liebevoll die Schulter tätschelten, sprang er mit einem gewaltigen Satz in den Himmel.
Mit vier kräftigen Flügelschlägen flatterte er in eine der Höhlen und ließ
sich dort nieder.
Die Männer gingen fort und der Muezz befahl Baza, dass jener mit ihm kommen sollte.
Sie liefen die Hauptstraße entlang, bis sie zu den nördlichsten Ausläufern Ilieras kamen.
Es war eine zehn Meter hohe und zwei Meter breite Mauer mit Schießscharten.
Zwei Frauen in grünen Rüstungen kamen auf die Beiden zu. Sie hielten jede zwei Speere in der Hand, die sie nun auf Baza und den Muezzen richteten.
„Bleib ganz ruhig.“, murmelte der Muezz leise. „Ich habe alles unter Kontrolle.“
„Wer seid ihr und was wollt ihr in Ilieras?“, fragte die Frau mit den
schwarzen Haaren.
„Ich bin der Muezz und das ist Baza. Unsere Absichten müssen euch nicht interessieren.“
„Zeigt euren Ring!“, forderte die Blonde, während die Schwarzhaarige ihren Speer sinken ließ und der Blonden etwas Unverständliches zuflüsterte.
Der Muezz schob seine Hand aus der Kutte und zeigte den beiden Frauen seinen Ring. Es war ein Ring aus schwarzem Metall, geformt wie eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss.
Als die Blonde den Ring sah, ließ auch sie ihren Speer sinken und die beiden Wachen ließen Baza und den Muezzen
passieren.
„Warum haben sie uns so einfach passieren lassen?“, fragte Baza. Der Muezz antwortete ihm mit dem Hauch eines Seufzers: „Mein Name hat hier eine sehr hohe Bedeutung und viele kennen mein Gesicht, doch die die es nicht kennen, können mich an meinem Ring Uroboros erkennen. Er ist ein Unikat auf dieser Welt und kann nicht kopiert werden. Jeder, der einmal von mir gehört hat, weiß woran er mich erkennen kann.“
Sie durchquerten den mächtigen Torbogen und liefen durch einen kurzen Tunnel, der nach Schimmel und etwas Verdorbenem roch. Baza war froh, als sie wieder auf die Hauptstraße traten.
Der Muezz wand sich nach rechts, dann nach links und wieder nach rechts. Baza folgte ihm und hatte Mühe mit jenem Schritt zu halten.
Schließlich blieb er vor einem schmucklosen Haus stehen, welches neben den riesigen Gebäuden aus Sandstein, Marmor und Glas fehl am Platz wirkte.
Er hob seine Hand und das schmiedeeiserne Tor öffnete sich wie von Selbst und gab einen bepflanzten Innenhof frei. Ein kleines knochiges Wesen, kam auf den Muezzen losgestürmt und umarmte jenen, als der
Muezz die Eichentür aufschob.
„Drem, ich freue mich ja auch dich wieder zu sehen, aber hör auf mich zu umarmen, oder ich schicke dich zurück nach Greifenwald.“ Er drehte sich kurz zu Baza um und flüsterte: „Er ist ein Gnom. Ich habe ihm vor ein paar Jahren das Leben gerettet und nun lebt er bei mir.“
Dann stellte er Baza Drem und Drem Baza vor. Der kleine Gnom verbeugte sich tief und schüttelte danach freudig Bazas Hand.
„Es ist schön mal wieder eine andere Seele in diesem Haus zu sehen, als die des Muezzen.“, begrüßte er Baza. „Geht er nicht aus dem Haus?“, fragte Baza den
Muezzen flüsternd.
„Nein, er ist eigentlich ziemlich schüchtern, wenn es darum geht neue Bekanntschaften zu machen. Seine Eltern wurden als er noch ein Baby war von dem Orden der Roten getötet. Ich fand ihn und habe ihn mitgenommen. Ohne mich hätte er nie überlebt. Drem hat schon in jungen Jahren angefangen alle Bücher, die er in seine Finger bekam, zu verschlingen.
Mittlerweile ist er einer der schlausten Köpfe Tasakans und erfindet die neuesten Waffen für den schwarzen Zirkel.“, antwortete der Muezz. Für den Hauch eines Moments konnte man eine Emotion, Stolz, in ihm aufflammen
sehen.
Also hat er doch jemanden, dem er sich anvertraut, dachte sich Baza, während er dem Muezz und Drem durch den dunklen Flur folgte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen die Drei in ein großes Atrium. Von außen sah das Haus ziemlich mickrig und kalt aus, doch von innen war es groß und warm. Die Wände waren mit Bildern von Menschen die sich bekriegten und Wesen, die Baza nicht kannte, geschmückt. Kein Mensch, dachte er, dürfte diesen Wesen je wieder begegnen, dachte Baza sich, während ihm der Gedanke kam, dass dies die Wesen
waren, von denen der Muezz erzählt hatte, dass der Zirkel sie von den Menschen fernhält.
Ein Wandgemälde zeigte große Wesen mit langen Fanzähnen und spitzen Hörnern auf dem Kopf. Sie hatten ein undefinierbares animalisches Gesicht und der Rest ihres Körpers war von braunen und schwarzen Haaren bedeckt.
Daneben war das Bildnis eines anderen Wesens zu erkennen. Es verbarg sich in der Dunkelheit, so dass man nur den Schatten jenes erkennen konnte.
Dies war wahrscheinlich auch gut so, denn allein der Schatten ließ Baza eine Gänsehaut bekommen. Er zeigte eine Gestalt mit schuppiger Haut und langen
Flügeln, wie denen einer Fledermaus. Der Kopf war weder tierisch noch menschlich, sondern eine Mischung aus Beiden. Undefinierbar und furchterregend.
Schnell wandte Baza sein Gesicht von dem Bildnis ab und schaute sich das Nächste an.
Jenes zeigte eine majestätische Mischung aus Löwe und Adler. Ein Greif. Der Greif stand auf der Lichtung eines Laubwaldes und tollte mit seinem Kind herum. Das genaue Abbild, nur waren die Proportionen kleiner.
Ein wunderschönes Wesen, dachte Baza sich.
„Lass dich von dem Anblick nicht täuschen. Diese Greife fressen Menschen, oder stellen noch schlimmeres an. Die einzigen Wesen, die noch schlimmer waren, natürlich abgesehen von den Dämonen, als Greife waren die Einhörner.
Sie haben mein Volk Jahrzehnte lang gejagt und unsere Magie in ihren verfluchten Hörnern gesammelt. Zum Glück konnten wir sie umbringen, bevor sie mein ganzes Volk ausgerottet haben.“, bemerkte der Muezz, welcher sich hinter Baza gestellt hatte und ihm liebevoll die Schulter tätschelte. „Aber nun komm. Ich habe dir noch einiges zu erzählen und muss dich noch den
Prätoren vorstellen, aber zuvor wollen wir doch etwas essen, oder?“
Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Baza fand, dass der Muezz sich in seinem Haus verändert hätte, als ob er eine Maske abgenommen und zu dem geworden wäre der er wirklich war.
Fünf
Baza verschlang das Brot und den Schicken, welche der Muezz kurz zuvor auf den Tisch gestellt hatte. Zwei Tage lang hatte er nichts gegessen und sein Magen knurrte wie ein angriffslustiger Hund.
Der Muezz nahm einen Schluck von dem Wein, stellte das Glas auf den Tisch und
sagte dann zu Baza: „Wenn wir nachher bei den Prätoren und den Räten sind, erzählst du ihnen nichts von dem, was ich dir über mich während unserem Flug erzählt habe. Hast du das verstanden?“
Baza wollte etwas sagen, doch aus seinem Mund kam kein Laut. Also nickte er nur und schlang das Schinkenbrot herunter. „Warum nicht?“, fragte er als sein Mund wieder leer war.
„Ich möchte einfach nicht, dass Informationen über mich in den Köpfen der falschen Leute landen. Irgendwo im Zirkel muss es einen Spion geben.
Der Orden wusste viel zu oft, wo genau unsere Truppen stationiert waren, als dass es Zufall oder Beobachtung durch
Kundschafter gewesen sein könnten.“
Baza gab seine Zustimmung und stopfte sich die nächste Scheibe Brot in den Mund.
Nach einiger Zeit kam Drem brüllend in den Raum. „Meister! Die Prätoren schicken nach euch und dem Jungen! Vor dem Tor stehen mittlerweile schon sieben Boten. Ich kann sie nicht mehr lange von dem Eindringen abhalten. Sie haben den ausdrücklichen Befehl euch sofort zu dem Ratsturm zu geleiten. Irgendetwas muss passiert sein!“
Der Muezz dankte Baza für die Mitteilung, erhob sich und trat aus dem Raum. Baza wischte sich die Krümel von
der Kleidung und den Mundwinkeln und rannte dem erstaunlich schnellen Mann nach.
Wie Drem ihnen angekündigt, standen sieben Boten vor dem schmiedeeisernen Tor. Ein jeder von ihnen hielt einen Brief in der Hand und rief dem Muezz etwas, das in der Menge der Stimmen unterging, zu.
Jener hob abwährend die Hand und nahm den Brief von einem Boten. Der Muezz öffnete den Brief. Er überflog ihn schnell und gab ihn dem Boten zurück. „Komm! Es ist dringend!“, befahl er Baza und stürmte durch die Boten davon.
Baza hatte Mühe mit dem dreitausend
Jahre alten Mann mitzuhalten und war außer Puste, als die Beiden beim Ratsturm, dem riesigen Turm im Zentrum Ilieras, ankamen.
Der Muezz zeigte seinen Ring zwei Wachen und jene ließen ihn passieren. Mit einem flüchtigen: „Er gehört zu mir.“, von dem Muezz kam auch Baza problemlos durch die Wachkontrolle.
Sie betraten eine lange Wendeltreppe aus Glas. Schnellen Schrittes bestieg der Muezz sie und nahm drei Stufen auf einmal.
Baza hechtete ihm hinterher. Die erste Etage. Der Muezz lief weiter. Die zweite Etage. Der Muezz lief weiter. Die dritte Etage. Der Muezz öffnete die
schmiedeeiserne Tür und trat gefolgt von Baza in einen großen Saal aus weißem Marmor. Eine lange Tafel mit zehn Stühlen auf jeder Seite und einem am Kopf und Fußende. Zwei Drittel der Plätze war besetzt.
Ein Mann mit kahlem Kopf und blasser Haut kam auf den Muezzen zu und begrüßte ihn freundschaftlich mit einer Umarmung.
„Es freut mich, dich wieder zu sehen, Muezz.“ „Ich mich auch dich zu sehen, Reguin. Was machst du hier? Ich dachte du würdest den östlichen Posten führen.“
Eine junge Frau mischte sich in das Gespräch ein. „Für private Gespräche haben wir später noch Zeit. Wir müssen
jetzt etwas Wichtigeres besprechen.
Wir haben einen neuen Zuwachs. Den jungen Baza. Seine Eltern haben ihr halbes Leben für uns gearbeitet und sind beide für unsere Sache gestorben. Wir haben ihn hergeholt, weil wir vermuten, dass er der Junge aus Adrianas Weissagung ist. Für die, welche sie noch nicht kennen, erzähle ich sie euch noch einmal.
Der Junge mit dem zweiten Gesicht wird kommen und wird mit den Zwillingen der Pfauen und dem Sohn des Aswang den Stab des Greifens finden. Sie haben die Wahl: Ordnung oder Chaos, Leben oder Tod, schwarz oder rot. Im Angesicht der Dämonen werden sie treffen ihre Wahl.
Mit dem Schwert des roten Riesen und dem Stab des Greifens können sie die Drei, die eins sind, besiegen, oder ihnen zum Sieg verhälfen. Zu viert können sie die Welt retten, doch nur zu viert.
Das ist die Weissagung von Adriana. Sie starb in der Nacht in der sie die Weissagung gesehen hatte und uns von ihr erzählte. Nach den Beobachtungen des Muezzen wissen wir, dass der Junge mit dem zweiten Gesicht Baza ist. Die anderen Drei müssen wir noch finden und wir werden noch herausfinden müssen, was mit den Zwillingen der Pfauen und dem Sohn des Aswang gemeint ist.
Bis dahin wird der Muezz Baza unterrichten. Er wird ihn in die Magie
einweisen und soweit es geht lehren sie zu benutzen. Sobald wir wissen, wer mit den drei Anderen gemeint ist, wird seine Ausbildung unterbrochen. Die Weissagung war wenigstens in einer Sache eindeutig: Die Vier müssen es alleine bewältigen. Wir können ihnen nur soweit helfen, dass wir sie finden und zu einander führen können. Die Große Frage ist nun, wer sind die Zwillinge der Pfauen und der Sohn des Aswang?
Zum einen habe ich diese Sitzung einberufen, weil ich euch alle beauftragen will, während eurer Kämpfe die Drei zu suchen. Doch ich muss auch noch etwas Anderes mit euch besprechen. Der schwarze Zirkel wird stetig
schwächer. Es wird Zeit die Menschen auf die Gefahren vorzubereiten.
Dazu habe ich einige Vorkehrungen getroffen. Ein Team von 22 Männern soll zusammengestellt werden. Jeder dieser Männer wird in ein Menschenreich reisen und den Grafen jener von den Gefahren berichten. Falls diese ihnen nicht glauben, werden diese es den Bewohnern der Reiche zeigen müssen. Dazu nehmt bitte jeder einen Drachen, der euch dorthin bringt. Erklärt ihnen, dass wir schon seit jahrtausenden ihre Beschützer sind und wir bereits ein Abkommen mit dem König haben. Jeder, der sich bereit erklärt, dem schwarzen Zirkel beizutreten, darf das gerne tun. Dazu
werden wir in jedem Reich eine kleine Stadt aufbauen und diese mit Lehrmeistern unserer Künste und unseres Wissen ausstatten. Die Menschen werden dort auf das Nötigste vorbereitet.“
„Hast du die Männer schon ausgewählt?“, fragte ein junger Mann mit blondem Haar und blauen Augen. Er trug eine edle Seidenhose und ein teures Wollhemd. Darüber eine braune Jacke aus Seide. Seine Haare waren zu einem Zopf zusammen gebunden. Eine rote Narbe teilte seine Augenbraue in zwei Stücken.
„Nein. Ich wollte damit dich, Andruin und Bena beauftragen. Die Männer müssen bis spätestens zum nächsten
Zyklus in ihrem Gebiet sein. Es ist sehr dringend. Alle anderen beschäftigen sich mit der Suche nach den Zwillingen der Pfauen und dem Sohn des Aswang.
Uns und vor allem Baza bleibt nicht mehr viel Zeit, bevor der Orden zum entscheidenden Schlag ansetzt. Damit ist die Sitzung beendet.“
Baza folgte dem Muezz die Glastreppe hinunter und fragte ihn, nachdem die Beiden die Wachposten passierten: „Die war ja nicht sehr nett. Warum hast du mir nichts von der Weissagung erzählt?“ Der Muezz ging noch einen Schritt schneller und antwortete: „Ich wollte dich nicht mit zu vielem auf einmal belasten. Adrianas Tod ist vielem im
Zirkel sehr zu Herzen gegangen. Einige könnten dir Vorwürfe machen, weil sie an deiner Weissagung gestorben ist. Ich wollte dir erst die Grundkenntnisse der Verteidigung durch Magie beibringen. Auch im Zirkel haben wir einige Menschen, die sich nicht im Griff haben. Du musst vorsichtig sein.“
„Hast du mir noch irgendetwas verschwiegen?“ „Ich denke, dass deine Mutter noch lebt und von dem Orden der Roten entführt wurde.“, antwortete der Muezz beiläufig.
„Und das erzählst du mir erst jetzt? Wir müssen sie befreien!“ „Wir können ihr nicht helfen, solange wie du noch nicht ausgebildet wurdest! Deine Kräfte
breiten sich in dir aus und du musst lernen sie zu kontrollieren oder sie kontrollieren dich! Der Versuch deine Mutter zu retten wäre reiner Selbstmord, selbst wenn ich wüsste, wo der Orden der Roten sie versteckt! Und wahrscheinlich würden sie deine Mutter dann sofort umbringen, oder sie weiterhin als Druckmittel gegen dich einsetzten. Es würde allen betroffenen nur Schaden!“
Der Muezz lief weiter, als wenn Baza nicht existieren würde.
Sie traten in das Haus des Muezzen und Drem kam auf Baza zu. „Halt dich nun lieber etwas fern von ihm. Nach den meisten Ratssitzungen ist er aufgewühlt und geht in das Atrium um zu
meditieren. Ich habe dein Zimmer übrigens schon fertig gemacht. Du kannst dich gerne erst einmal schlafen legen.“
„Ähm.. Gerne, aber wo ist denn mein Zimmer?“ „Oh, entschuldige bitte. Ich werde dich hinführen.“ Sie durchquerten den Flur, gingen eine Treppe ins zweite Stockwerk empor, bogen zweimal rechts ab und schließlich überreichte Drem Baza einen Schlüssel. „Dort ist dein Zimmer. Es ist nicht sehr groß, bietet aber alles, was man brauch. Bitte entschuldige mich nun, ich muss noch etwas für den Muezzen erledigen gehen.“
Baza nahm den Schlüssel dankend entgegen und öffnete die Tür. Was für
Drem klein bedeutete, war schier unglaublich. Das Zimmer war riesig, hatte einen großen Schreibtisch, einen Schrank, ein großes Himmelbett und die Wände waren von hunderten Büchern bedeckt. Anscheinend hatte man in Ilieras kein Problem mit dem Einkommen. In seiner alten Heimat musste er in einer kleinen Kammer schlafen, in die gerade einmal ein kleines Bett gepasst hatte. Neben dem Schrank war eine Tür. Baza öffnete sie und erstaunte, als er das Bad sah. Es bestand aus einem Marmorwaschbecken, durch das stetig Wasser floss, einer Wanne, in die man, wenn man einen Stöpsel aus der Wand löste, heißes
Wasser reinströmen lassen konnte und einer Latrine.
Baza legte seine Sachen neben den Schrank auf den Boden und stieg in das weiche Bett. Sofort fiel er in tiefen Schlaf.
Ein dunkler Schatten. Ein Blitz in der Nacht. Hecheln eines Hundes. Krachen eines umgefallenen Baumes. Dann wurde das Bild klarer. Ein schwarzer Hund, größer als er hätte sein dürfen, rannte durch den Wald. Vier Männer in engen roten Rocktrachten verfolgten den Hund, brüllten Flüche, woraufhin Blitze, Feuerzungen und Windstöße aus Ellenbogenlangen Stäben zu dem Hund schossen. Sie rissen Bäume nieder und
ließen Krater in dem Boden zurück.
In der Ferne hörte Baza das Plätschern von Wasser, ähnlich dem eines Wasserfalls.
Seine Sicht wandelte sich. Der Hund stand am Rande einer Klippe. Seine Knochen barsten, formten sich neu. Seine Ohren wurden kleiner und runder. Seine Schnauze verschwand und wurde zu dem Gesicht des Mannes, den Baza schon in seiner letzten Vision gesehen hatte. Seine Beine und Arme wurden menschlich und da, wo vorher Haut war, war nun zerkratzte Kleidung- braune Hose, braunes Hemd, schwarze Stiefel.
“Ihr werdet mich nicht zwingen können, dem Orden der Roten zu dienen! Und
töten werdet ihr mich auch nicht!“
Einer der Vier, der nun als erster in Hörweite von Smirn war, rief jenem zu: „Wir werden erst herausfinden, wo dein Sohn ist, bevor wir dich qualvoll töten!“
Smirn trat einen Schritt nach hinten. Er stand nun unmittelbar an der Kante. Noch ein Schritt und er würde in die Tiefe und somit in den tosenden Wasserfall sinken.
Smirn stieß ein elendes Krächzen aus. Aus allen Bäumen im Umkreis mehrerer Kilometer kamen die Vögel angeflogen. Sie stürzten sich auf den Magier und seine Mitstreiter.
Die Vögel würden die Magier nicht lange beschäftigen, dass war Smirn klar, doch
würden sie eine Verfolgung unmöglich machen. Smirn drehte sich zur Klippe, hob die Arme und sprang kopfüber hinunter.
Ein edler Seeadler erhob sich aus der Schlucht. Von Smirn war keine Spur zu sehen. Der Adler flatterte fröhlich in die Ferne.
Die Vögel lagen tot am Boden und die Magier starrten den Adler in der Ferne an. „Seni ein zweites Mal zu enttäuschen, wird ein Spaß.“, murmelte einer von ihnen ironisch.
Baza fuhr mit einem Ruck aus dem Schlaf. Er saß aufrecht in seinem Bett und schwitzte ununterbrochen, obwohl es
in der Inselstadt Ilieras angenehm warm war.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ seinen Blick durch das Zimmer, welches nun hell von dem Sonnenlicht erleuchtet wurde, schweifen. Auf dem kleinen Tisch lagen einen neue Hose, ein neues Hemd und neue Schuhe. Sein Beutel war ausgeräumt und in dem Schrank verstaut worden. Das Einzige, das noch an dem Ort lag, wo Baza es hingelegt hatte, waren sein Bogen, der Köcher und sein Waffengürtel.
Baza stand auf, zog sich aus und ging in das Bad. Als er den Stöpsel zog, strömte augenblicklich dampfendes Wasser in die Badewanne. Ein ungeheurer Luxus für
Baza. Früher musste er sich das warme Wasser noch in kleinen Töpfen über dem Feuer wärmen, und es dann in eine große Wanne gießen.
Nachdem er sich gewaschen hatte, zog er sich an und suchte den Weg durch das verschachtelte Haus zum Atrium. Warum konnte es kein Haus mit einem einzigen Raum sein, fragte er sich.
Schließlich lief Drem ihm vor die Füße. „Guten Mittag, Baza. Du hast ziemlich lange geschlafen. Der Muezz schläft jedoch ebenfalls noch. Er ist auch nur ein bisschen später als du schlafen gegangen. Ich war so frei und habe deine Zirkelstracht abgeholt.“
Der Gnom ließ seinen Blick über Baza
gleiten. „Wie ich sehe, passt sie wie angegossen. Es war nicht gerade leicht eine Tracht in deiner Größe zu finden. Die meisten Kinder müssen bis zu ihrem 16- Geburtstag keine tragen, doch du kämpfst schon vorher mit und deshalb musste ich eine anfertigen.“ „Äh.. Danke?“, antwortete Baza. Eigentlich fand er die Tracht absolut hässlich und wusste, dass er sie dem nächst gegen neue Kleidung eintauschen würde.
Drem und Baza gingen etwas essen. Und nach einiger Zeit gesellte sich auch der Muezz zu ihnen.
„Guten Morgen, Meister!“, begrüßte Drem den Muezzen. „Morgen.“, antwortete der Muezz verschlafen.
„Ich hatte heute Nacht wieder eine Vision.“, erzählte Baza. „Wirklich? Und was hast du gesehen?“ „Smirn, ein ehemaliges Mitglied des Ordens der Roten wurde von vier Magiern des Ordens der Roten mit Zauberstäben gejagt. Er....“ „Das waren die Jäger. Ist er entkommen?“, unterbrach der Muezz ihn. „Ja, aber..“ „Weißt du, was die Jäger von ihm wollten?“, unterbrach der Muezz ihn ein zweites Mal.
„Ich glaube er sagte etwas, wie Ihr werdet mich nicht zwingen können, dem Orden der Roten zu dienen.“ „Hm. Das ist gut. Smirn war einer unserer stärksten Gegner. Wenn er dem Orden dieses Mal nicht hilft, wird der Krieg um einiges
leichter sein.“
„Wann fängst du mit meiner Ausbildung an?“, fragte Baza. Er musste seine Visionen unter Kontrolle kriegen, wie der Muezz es ihm schon auf dem Flug nach Ilieras erzählt hatte.
„Nachdem ich etwas gegessen habe, gehen wir in den Wald. Dort fängt deine Ausbildung an.“, antwortete der Muezz und wandte sich an Drem. „Hast du schon etwas über die Zwillinge der Pfauen und den Sohn des Aswang herausgefunden?“ Drem verneinte. „Ich habe mir schon gedacht, dass wir über die Drei nichts in meiner Bibliothek stehen haben. Ansonsten hätte ich mich sicherlich daran erinnert. Nimm die
heute von der Arbeit im Haus frei und gehe bitte in die Ratsbibliothek. Dort könntest du etwas über sie finden.“
„Natürlich, Meister.“ Drem stand auf, zog sich einen Umhang über, da ein kühler Wind durch die Straßen pfiff und ging aus dem Haus.
Baza und der Muezz schlenderten über den Kieselweg zum Wald. Keine Menschenseele war zu sehen. Leichter Regen prasselte auf sie nieder.
„Die Magie ist eine Kraft, mächtiger als die der Muskeln und doch dem Hirn unterworfen. Man muss wissen, wie man die Magie steuert, oder sie greift Besitz von einem.
In jedem Wesen auf der Welt schlummert
Magie. Sie muss jedoch erst geweckt werden und da liegt das Problem. Viele Menschen haben zwar das Potenzial ein Magier oder eine Hexe zu werden, doch ergreift die Magie sie, bei der Erweckung ihrer Kräfte. So entstehen dann Schatten. Die Magie steuert sie zum Großteil. Sie haben sich nicht mehr unter Kontrolle und werden verrückt. Viele solcher Schatten sind hundertmal so stark wie ein Magier, da die Magie durch sie hindurchfließt ohne kontrolliert zu werden. Hast du mich soweit verstanden?“
Baza nickte. „Magie ist eine Kraft. Man muss sie steuern. Die, die sie nicht steuern können, werden zu Schatten, die
ihre Kräfte nicht kontrollieren können und stärker sind, weil die Magie durch sie hindurchfließt.“, fasste Baza die Worte des Muezzen zusammen.
„Gut.“ Der Muezz bückte sich und hob einen Kieselstein auf. „Die einfachste Form Magie herbeizurufen ist durch Worte. Das zapft jedoch zum Großteil die eigene Energie an und saugt einem Menschen soviel Energie aus, wie man brauchen würde um das was man tut, ohne Magie zu tun. Wenn ich zum Beispiel diesen Stein hier fliegen lassen wollte, müsste ich einfach vola sagen und mich auf den Stein konzentrieren. Vola!“
Der Kiesel erhob sich aus der Hand des
Muezzen und stieg in die Höhe, bis er nicht mehr zu sehen war.
Baza schaute verwundert dem Kiesel nach. „Mit einem Zauberspruch solltest du es auch können, auch wenn deine Zauberkräfte noch nicht geweckt worden. Zaubersprüche rufen die Magie herbei, ohne dass wir sie wirken. Sie benutzt uns jedoch als Katalysator um ihre Kraft zu wirken. Also mach dich darauf gefasst, dich müde und entkräftet zu fühlen.“, erklärte der Muezz es ein zweites Mal.
Baza bückte sich und hob einen Kieselstein auf. Wie der Muezz es getan hatte, legte er sich nun den Kiesel in die Handinnenfläche. „Und jetzt soll ich einfach vola sagen?“, hakte Baza noch
einmal nach. Der Muezz bestätigte.
„Na gut. Vola!“ Der Stein zitterte, hob jedoch nicht ab. Der Muezz bückte sich und hob ebenfalls einen Stein auf.
Er warf ihn in die Luft. „Volare!“ Der Stein blieb in der Luft hängen und schwebte langsam wieder auf die Hand von dem Muezz. „Du musst deine Gedanken leeren. Dein Kopf muss absolut leer sein. Leere deine Gedanken!“, befahl der Muezz. Baza tat wie ihm geheißen.
Es dauerte einige Minuten bis er wirklich an nichts mehr dachte. „Hast du sie geleert?“, fragte der Muezz. Baza bestätigte mit einem Nicken.
“Gut. Jetzt denke an den einen einzigen
Gedanken, der jetzt noch wichtig ist. Du willst, dass der Stein fliegt. Konzentriere dich darauf. Du darfst nur diesen einen Gedanken haben. Und dann sagst du ganz ruhig vola.“
„Vola!“, sagte Baza. Eine tiefe Entspanntheit und Zufriedenheit lag in seiner Stimme. Ein ungeahntes Gefühl durchströmte ihn. Es verlieh im Kraft und Macht und Entschlossenheit. Der Stein schoss mit gewaltiger Geschwindigkeit in die Höhe. Er war nicht mehr zu sehen.
Der Muezz klatschte in die Hände. „Toll! Ich habe dir doch gesagt, dass du es kannst. Und du hast ihn so verdammt schnell gen Himmel geschleudert. Das
hätte ich von einem Anfänger nicht erwartet. Und du hattest wirklich vorher nie etwas mit Magie zu tun? Ich meine, dein Vater war ein großartiger Magier und deine Mutter ebenso. Da wäre es nur allzu erstaunlich, wenn sie dir nichts beigebracht haben.“
Das war das Tabuthema für Baza. Sofort fühlte er wieder den Zorn, die Gelüste nach Rache in sich aufsteigen. Das Gefühl, dass niemand ihn aufhalten kann, wenn er dem Entführer seiner Mutter gegenübersteht. Er versuchte es zu überspielen, doch der Muezz betrachtete ihn abschätzend. „Nein. Sie haben mir nichts beigebracht.“, antwortete Baza nur und hob einen weiteren Kieselstein auf.
„Vola!“, flüsterte er. Der Stein erhob sich und schwebte gen Himmel davon. „Überschätze dich nicht. Es gibt Zauber die einen nur schwächen, Zauber die einem die Gliedmaßen brechen können und Zauber die einen umbringen können. Vor allem am Anfang der Ausbildung ist es so, dass jeder Zauber für einen alle drei Sorten bedeuten kann. Mach erst einmal langsam.“ „Wenn du meinst...“ Der Muezz hob seine Hand und scheuerte Baza eine gewaltige Ohrfeige. „Ich bin dein Lehrmeister. Sei noch einmal ironisch, missbilligend oder arbeitsverweigernd und ich werde dich den Drachen zum Fraß vorwerfen.
Baza wusste, dass er gegen seine Wut
ankämpfen musste, doch hatte er kaum eine Chance.
Er hob seine Hand und zeigte mit Zeige und Mittelfinger auf dem Muezz. „Vola!“, flüsterte er.
Sofort schoss der Muezz davon. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, doch fing er sich in der Luft schnell wieder ab und landete langsam auf dem Boden. Baza sackte zusammen. Der Muezz schwebte zu Baza. Ein grausiges Lächeln umspielte seine Lippen, vielleicht war es jedoch nur eine Halluzination. Er konnte seine Gliedmaßen nicht mehr spüren und verlor schließlich sein Bewusstsein.
Als Baza wieder aufwachte, lag er ihm
Schatten der Bäume an einem See. Der Muezz saß am Wasser und formte etwas aus jenem. Baza versuchte sich aufzusetzen, doch er sackte sofort wieder zurück.
“Dein Körper muss sich erst wieder erholen. Mich durch die Gegend zu schleudern war viel zu anstrengend für dich. Ich habe dir doch gleich gesagt, dass du es langsamer angehen sollst.
Du musst noch warten bis ich den Trank fertig gebraut habe. Er wird deine Kraft wieder aufladen und deine Knochen und Muskeln stärken. Es kann noch zehn bis fünfzehn Minuten dauern. Baza ließ seinen Kopf wieder sinken. „Was vorhin passiert ist tut mir Leid. Es war nur, dass
ich schon wütend war, weil du den Tod meiner Eltern angesprochen hattest. Ich habe versucht es zu verbergen und unter Kontrolle zu kriegen. Dann hast du mir noch eine Ohrfeige verpasst und ich war abgelenkt. Ich konnte meine Wut nicht mehr zügeln und habe dich dann einfach davon geschleudert.“, entschuldigte sich Baza.
„Es war nicht die Wut, die sich in dir ausgebreitet hat. Oder zumindest nicht alleine. Durch den Tod deiner Eltern und die darauf folgenden Gefühlsausbrüche von dir, hast du deine magischen Kräfte selber geweckt. Sie breiten sich in dir aus und ich muss dir schnell zeigen, wie du sie beherrschen kannst, bevor sie dich
beherrscht.“
„Und wie soll ich sie beherrschen?“, hakte Baza nach. „Du musst einfach üben. Magie ist nichts, dass man in einer Schule, oder beim auswendig lernen irgendwelcher Zaubersprüche lernt. Nein, Magie ist etwas, das an uns vererbt wurde, wie die Urinstinkte. Man lernt sie zu kontrollieren, wenn man sie einsetzt. Dann zeigt sich, ob man sie beherrscht oder sie einen beherrscht. Zum Teil deshalb ist Magie eine komplizierte Sache. Bevor man jemandes Kräfte erweckt, weiß man nicht, ob jener lernt damit umzugehen, oder nicht. Geht es dir besser? Kannst du dich aufsetzen?“
„Ja, ich denke, das müsste gehen.“ Baza
versuchte sich aufzusetzen. Ein stechender Schmerz fuhr durch seinen Körper. Baza versuchte den Schrei zu unterdrücken, doch er kam als Quitscher heraus. Er keuchte noch einmal auf und setzte sich schließlich in den Schneidersitz.
Der Muezz drehte sich Baza zu und kam mit einem Glas mit einer goldgelben Flüssigkeit zu Baza. „Hier! Drink das!“, befahl der Muezz. Baza tat wie ihm geheißen. Die Flüssigkeit breitete sich wie ein Feuer in ihm aus. Seine Lunge, sein Herz und sein Hirn begannen innerlich zu brennen. Er hatte das Gefühl, als wäre er eine einzige Flamme. So müssen Menschen sich die Hölle
vorstellen, dachte er sich, während er sich vor Schmerzen krümmte. Der flammende Schmerz erlosch nach wenigen Sekunden. Tränen rannen über Bazas Lippen. „Was ist das für ein Zeugs?“, krächzte Baza. Obwohl man es kaum verstehen konnte, deutete der Muezz Bazas Worte richtig. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass dies ein Trank ist, der deine Knochen und Muskeln stärkt und dir wieder Kraft gibt. Versuche aufzustehen!“
Baza umfasste einen Ast des Baumes, unter welchem er lag, und zog sich an jenem hoch. Er war noch etwas wacklig auf den Beinen, aber wenigstens fiel er nicht wie ein Kartenhaus in sich
zusammen. „Bleib noch etwas so stehen und versuche dann einen Schritt nach dem Anderen auf das Wasser zuzugehen!“, forderte der Muezz Baza auf.
Jener machte einen kleinen Schritt. Sofort fiel er der Länge nach auf den Boden.
„Aufstehen!“ „Ich versuch es ja! Und absichtlich bin ich sicherlich nicht auf den Boden gefallen!“, grummelte Baza kaum hörbar. Der Muezz hatte die Ohren einer Fledermaus. Das wurde Baza nun klar, denn der Muezz hob drohend die Hand. „Noch ein Kommentar und du kriegst eine weitere Ohrfeige. Wenn du versuchst mich noch einmal durch die
Luft zu schleudern, wirst du wahrscheinlich an dem Energieverlust sterben. Und jetzt steh endlich auf. Wir haben nicht die Ewigkeit Zeit.“
Du bist doch schon dreitausend Jahre alt, dachte sich Baza, was machen da schon ein paar Minuten. Grimmig raffte er sich an dem Ast hoch. „Laufen!“, befahl der Muezz.
Da wo du herkommst, kann ein Lehrmeister seinen Schüler wohl behandeln, wie er will, dachte Baza, das ist hier jedoch anders. Noch ein dummes Kommentar und nicht ich kriege eine Ohrfeige von dir, sondern du von mir. In diesem Moment war es Baza egal, ob er bei dem Versuch sterben könnte, Baza
mit eine Windstoß davonzujagen oder ähnlichem.
Er machte einen kleinen Schritt und umklammerte den Ast weiterhin. Er hielt stand. Ein zweiter Schritt. Etwas größer. Auch nun blieb er noch stehen. Baza ließ den Ast langsam los. Ein vierter Schritt. Baza blieb stehen. „Gut, das Mittel fängt an zu wirken. Geh eine Runde um den See! Leichtes Gehen, kein Rennen oder Laufen!“ „Ich versuche es.“
Er machte langsame Schritte. Einen nach dem Anderen. Aber er war sich selber zu langsam und dachte, dass er sicherlich nach einer halben Stunde gehen auch mal ein bisschen Laufen konnte. Zu seinem Glück trugen seine Beine ihn,
doch es schmerzte.
Nach einer weiteren halben Stunde kam er wieder bei dem Muezz an. „Du bist gejoggt.“, grummelte er. „Du hast Glück gehabt, dass das Mittel so schnell wirkt, ansonsten wärst du wieder hingefallen und hättest dir etwas gebrochen.“ Er schaute Baza abschätzend an.
„Nun gut. Wie ich dir bereits sagte, muss man Magie trainieren um sie zu beherrschen.“
Er malte mit seinen Fingern einen Kreis in den Sand, ging zehn Schritte weiter und malte einen zweiten Kreis in den Sand.
Sieben
„Wir wollen das nun ausprobieren. Dazu veranstalten wir ein kleines Duell. Stell du dich doch bitte in den Kreis da und ich stelle mich in den Anderen. Wir versuchen nun jeder den Anderen aus seinem Kreis irgendwie rauszukriegen. Sei es durch einen Windstoß, eine heraufbeschworene Kreatur oder einen anderen Zauber. Du musst dich einfach nur darauf konzentrieren, was du bewirken willst und es bildlich vor dir sehen. Ach uns ich rate dir davon ab, mich abermals mit dem Vola-Zauber wegfliegen zu lassen. Es würde deine Kräfte wieder aussaugen. Wenn deine Kräfte weiter ausgereift sind, werde ich mit dir nach Hunga reisen. Dort stellen
sie die Waffen der Magier her.“
Baza stellte sich in den Kreis, wie der Muezz es ihm gesagt hatte. „Wann geht es los?“, fragte er.
„Ich werde dich erst einmal ausprobieren lassen. Fang an, wenn du bereit bist.“, antwortete der Muezz.
Baza versuchte seine Gedanken zu leeren, wie schon bei seinem ersten Zauberversuch. Doch es wollte ihm nicht so recht gelingen. Das Gezwitscher der Vögel und das Rauschen des Flusses, der in den See mündete, störten ihn.
Ihm kam ein Gedanke. Als ihn die Wut überwältigt hatte, hatte er das starke Gefühl wieder, welches er schon vor Luzzon gespürt hatte. Damals war er sich
auch stärker vorgekommen.
Er dachte an die Ermordung seines Vaters und die Verbrennung seines Heimatdorfes, sowie die Entführung seiner Mutter. Er stellte sich das gequälte Gesicht von Seni aus, wenn Baza ihn endlich in die Finger kriegen würde. Das Gefühl der Stärke und der Macht kehrte zurück. Er konzentrierte sich darauf, die Wut auf den Muezzen zu lenken.
Anstatt ihn zu töten, wie er es mit Seni machen würde, stellte Baza sich jedoch vor, den Muezzen in dem See gefangen zunehmen.
Dazu dachte er sich eine Seezunge aus, die aus dem Wasser schoss und den
Muezzen ergriff. Dann formte sich die Seezunge wie eine Kugel um den Muezzen und hielt ihn fest in sich gefangen.
Der Muezz schwebte nun einige Meter über dem Boden in dem Wassergefängnis.
„Lass mich hier raus!“, forderte der Muezz indem er in die Gedanken von Baza eindrang. Innerhalb einer Sekunde, kontrollierte der Muezz Baza und befreite sich selber aus dem Wasserball.
„Das war gut, sehr gut. Aber versuch demnächst doch bitte nicht mich zu ertränken. Ich wäre dir dafür sehr verbunden.“, sagte der Muezz und spuckte das übrige Wasser aus seinem
Mund. „Ich versuche es.“, antwortete Baza und musste Lachen. Irgendwann umspielte auch die Lippen des Muezzen ein mattes Lachen.
„Nun gut, versuch es noch einmal!“, befahl der Muezz.
Baza schloss die Augen und konzentrierte sich. Er beschwor die Kraft, die er aus seinem Zorn auf Seni und dem Trauer wegen des Todes seiner Eltern und Freunde schöpfte, herauf.
Er öffnete die Augen und wollte einen Windstoß heraufbeschwören, der den Muezzen aus dem Kreis warf, doch es kam nur ein matter Wind. Irgendetwas oder irgendjemand blockierte seine Gedanken.
„Du nimmst nicht den Weg, den ich dir gezeigt habe.“, erklärte der Muezz. „Wut und Trauer, die Rachegelüste und der Schmerz, der in dir haust, sind nicht der richtige Weg. Wenn du so weiter machst, entgleitest du dir irgendwann selber. Dies ist der beste Weg ein Schatten zu werden.
Versuche deine Gedanken zu leeren und dich nur auf die eine Sache zu konzentrieren, die du tun willst. Vergiss deine Gefühle. Du musst in einen tiefen Moment der Ruhe einkehren. Das ist der Weg, den du nehmen musst.“
Baza konzentrierte sich. Leerte seine Gedanken. Dann schloss er die Augen und horchte auf seine Umwelt. Die
Gedankenblockade verschwand, als er in Gedanken die Blockade angriff.
Baza öffnete für einen Moment die Augen. Der Muezz nickte ihm zu. „Du kannst das schaffen, wenn du willst.“, formte der Muezz mit seinen Lippen. „Glaube an dich!“
Ich schaffe das, sagte Baza sich innerlich, ich schaffe das.
Er schloss die Augen wieder. Konzentrierte sich. Ich schaffe das, rief er sich wieder vor. Baza zwang sich, alle Gefühle auszublenden, seine Gedanken zu leeren.
Stille. Nur das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Blätter im Wind.
Ruhe breitete sich in ihm aus. Ein tief
greifende Ruhe, die sich von seinen Zehen langsam über die Beine und seinen Oberkörper zu seinem Kopf ausbreitete.
Ich schaffe das, sagte er sich abermals. Baza rief sich einen Gedanken in den Kopf. Ein Windstoß, der den Muezzen aus dem Kreis schleudern würde.
Er spürte wie ein heftiger Wind sich hinter ihm ausbreitete. Er wurde von etwas Fremden gezwungen seine Arme auszubreiten. Wie eine Barriere braute der Wind sich hinter ihm als tosender Wirbelsturm auf. Vor ihm stand die Luft still. Er ließ die Arme nach vorne gleiten und vier Wirbelstürme, zwei auf jeder Seite, stürmte auf den Muezzen zu.
Jener hob blitzschnell die Hand. Ein
Blitz schoss aus dem klaren Himmel, teilte sich im Sturz und traf jeden der vier Wirbelstürme. Jene fielen aus einander. Zurück blieb nur das aufgewirbelte Laub.
Der Muezz klatschte freudig in die Hände. „Das war großartig, Baza. Du warst großartig.“
Baza sackte in sich zusammen. Sofort eilte der Muezz zu ihm. Er griff unter die Tasche seines Mantels und holte eine Phiole mit einer goldenen Flüssigkeit hervor.
„Trink!“, befahl er. „Es wird dich stärken. Aber nur einen kleinen Schluck.“ Baza umfasste die Öffnung der Phiole mit seinen Lippen und nahm einen
kleinen Schluck. Die Flüssigkeit breitete sich schon beim ersten Mal wie flüssiges Feuer in ihm aus. Er schien innerlich zu kochen, doch erlosch das Feuer schneller.
„Danke.“, brummte Baza. „Als ich aus meinen Gefühlen Kraft gezogen habe, bin ich nicht zusammen gebrochen. Außerdem wirkte ich einen stärkeren Zauber, der dich sogar einige Sekunden außer Gefecht gesetzt hatte.“ „Nur weil ich es zugelassen und damit gerechnet hatte, dass du auf mich hörst.“ „Tja, man sollte nie seinen Gegner unterschätzen.“, entgegnete Baza.
Baza musste lachen. Der Muezz schaute ihn noch einmal kurz abschätzend an und
ließ dem Lachen dann ebenfalls freien Lauf.
„Du musst einfach noch eine ganze Menge üben. Versuche dich hier noch etwas an kleinen Zaubern und probiere nicht in Ohnmacht zu fallen. Denk an den Weg, welchen du nehmen musst, wenn du kein Schatten werden willst. Ich habe noch etwas Dringendes in Ilieras zu erledigen und muss dann zu einem Ratstreffen. Ich komme kurz vor Sonnenuntergang wieder her und hole dich ab. Bis dahin übst du!“
Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er davon. Auf halben Wege, drehte er sich um und rief Baza zu: „Und denk ja nicht, dass du dich vom Üben drücken könntest.
Den Weg nach Ilieras findest du von hier nicht zurück.“
Da war es wieder. Das grausige Lächeln, welches Baza schon einmal gesehen hatte, kurz bevor er in Ohnmacht gefallen war. Dieses Mal war er sicher, dass es keine Halluzination war.
Er wandte sich dem See zu. Baza ging langsam an das Wasser und setzte sich in den Schneidersitz vor den See. In weiter Ferne konnte er einen Wasserfall hören und die Umrisse der Berge sehen.
Er hob einen kleinen Stein auf und warf ihn in die Luft. „Vola!“, flüsterte er. Der Stein schwebte vor ihm in der Luft.
Baza hörte etwas im Gebüsch und schaute hinter sich. Doch er sah nichts.
Anscheinend nur ein kleines Tier, das die Blätter zum Rascheln brachte.
Baza drehte sich wieder zu dem See um. Der Stein war auf den Boden gefallen. Baza hob ihn wieder auf und warf ihn so hoch er konnte in die Luft. Er schloss die Augen, stellte sich vor, wie der Stein vor ihm in der Luft hängen blieb und langsam über den See hinweg flog.
Der Stein fiel einfach vor ihm auf den Boden.
Kein Wunder, dachte Baza sich, so ist es ja auch viel anstrengender, als wenn ich meine Gefühle benutzen würde.
Er warf den Stein abermals in die Luft, konzentrierte sich und stellte sich vor, wie der Stein vor ihm zum Schweben
kam. Und tatsächlich der Stein blieb kurz in der Luft hängen, bevor er zu Boden fiel.
Na also, wenigstens ein kleiner Erfolg, grummelte Baza innerlich. Was wäre, wenn ich meine Gefühle unter Kontrolle halten und sie nutzen könnte, dachte Baza weiter.
Er warf den Stein hoch. Konzentrierte sich auf seine Wut und fing den Stein ab. Er schwebte vor ihm in der Luft, als würde er von einem unsichtbaren Luftkissen abgefangen werden.
Baza hörte hinter sich abermals das Rascheln und drehte sich abrupt um. Der Stein folgte seinem Blick. Der Stein schnellte ins Gebüsch. „Au!“, rief eine
Mädchenstimme.
“Wer bist du?“, fragte Baza. „Ich bin Helena. Bitte wirf mich nicht mit noch einem Stein ab. Ich komme jetzt raus.“, antwortete ihm Helena.
Ein Mädchen in Bazas Alter kam zum Vorschein. Sie hatte langes, rotblondes Haar, tiefbraunes Augen und das liebreizendste Lächeln, das Baza je gesehen hatte.
„Warum bewirfst du mich mit einem Stein?“, fragte das Mädchen vorwurfsvoll und rieb sich eine Schürfwunde am Arm. „Ich habe dich nicht abgeworfen. Äh.. na gut ich habe dich abgeworfen, aber nicht absichtlich. Ich sollte hier das Zaubern üben und
habe dich im Gebüsch rascheln hören. Dann habe ich mich umgedreht und der Stein ist ins Gebüsch geflogen.“, verteidigte Baza sich.
„Ich will dir mal glauben. Aber du schuldest mir noch einen Namen.“, forderte Helena ihn auf. „Was?“, fragte Baza sich und im selben Moment wurde ihm klar was sie meinte.
„Achso, ich heiße Baza. Was machst du eigentlich hier?“, hakte er nach. Baza wusste nicht warum, oder wie, doch das Mädchen hatte ihm die Sorgen vom Herzen und die Schmerzen von der Seele genommen. Er musste dringend mehr über sie erfahren.
„Ich sollte Beeren sammeln und wollte in
dem See schwimmen gehen.“, antwortete Helena ihm. „Aber ich will dich nicht weiter stören. Du musst sicher weiter üben, oder?“
„Ja, eigentlich schon, aber das kann auch warten.“, antwortete Baza ihr. „Nein, nein. Übe du nur weiter, aber versuch nicht, mich wieder mit einem Stein abzuwerfen. Einverstanden?“
“Einverstanden.“
Das Mädchen verschwand wieder im Gebüsch. Baza verfluchte sich selber dafür, dass Mädchen nicht angesprochen zu haben.
Er hob einen zweiten Stein auf und warf ihn in die Luft. „Vola!“, flüsterte Baza.
Der Stein schwebte und auf einen Handwink Bazas fiel er auf den Boden.
Sofort merkte Baza wie er an Kraft verlor. Er hob den Stein wieder auf und legte ihn in seine Handinnenfläche. Baza schloss die Augen und konzentrierte sich. Er stellte sich vor, wie eine Hand sie aus dem Wasser vor ihm formte und den Stein in das tiefe Blau mit sich riss.
Nichts passierte. Er versuchte es ein zweites Mal. Das Wasser kräuselte sich nur.
Er warf den Stein in die Luft und dachte an das Antlitz Helenas. An ihr rotblondes Haar, das im Licht der Sonne funkelte und ihre braunen Augen. Kurz bevor der Stein auf dem Boden aufschlug,
konzentrierte er sich darauf, wie der Stein schwebte.
Nur wenige Zentimeter vom Boden entfernt wurde der Stein von einem Luftkissen abgefangen und schwebte gen Horizont.
Na also, geht doch. Er ließ seine Hand nach unten sausen und der Stein fiel runter. Baza drehte die Handfläche wieder nach oben und der Stein wurde von einem Luftkissen aufgefangen. Baza bewegte seine Hand nach rechts und der Stein folgte. Er drehte die Fingerspitzen gen Himmel und der Stein schoss nach oben.
Baza ballte die Hand zur Faust
zusammen und der Stein stürzte in Windeseile in den Boden. Der Stein bohrte durch seinen Aufprall ein Loch in den Boden und versank in jenem.
Baza richtete die Fingerspitzen wieder nach oben, doch der Stein blieb im Boden.
Er suchte sich einen weiteren Stein und warf ihn auf den See. Er richtete seine Hand auf den See und bog die Fingerspitzen nach oben.
Abermals stellte er sich eine Hand vor, die sich aus dem Wasser formte, sich verfestige und den Stein ergriff. Er verdrängte alle anderen Gedanken aus seinem Kopf und konzentrierte sich auf den einen.
Das Wasser kräuselte sich. Es schoss nach oben und formte sich zu einer Hand. Die Hand umfasste den Stein. Der Stein blieb auf der Hand liegen. Baza ballte die Hand zur Faust. Die Wasserhand floss auseinander und der Stein versank mit einem Platschen im tiefen Blau.
Baza beobachtete Helena, die in der Ferne nahe dem Wasserfall aus dem Wald trat. Unter ihrem Arm trug sie einen Weidenkorb, der mit blauen und roten Beeren gefüllt war.
Helena stellte den Korb ab und zog sich aus. Ließ das weiße Gewand fallen und sprang in den See.
Baza konzentrierte sich auf das Wasser. Formte es in Gedanken zu dem Abbild
seiner Selbst und ließ sein Abbild über das Wasser zu Helena gleiten.
„Du kannst ja doch mehr, als nur Steine durch die Gegend schleudern!“, rief sie Baza freudig zu. Er lächelte- war froh das der Versuch nicht misslungen war. Irgendetwas hatte das Mädchen an sich. Etwas das ihn zu tief faszinierte und seine Schmerzen von ihm nahm. Für einen Moment war er der glücklichste Mensch Tasakans, dachte er.
Er ließ sein wässriges Abbild sich verbeugen und machte einen Luftkuss, den das Abbild nachahmte.
Helena sprang in die Höhe und tat so, als ob sie den unsichtbaren Kuss auffing. „Danke, Baza.“, rief sie ihm zu. Jener
streckte seine rechte Hand aus und flüsterte: „Vola!“ Eine Rose flog aus einem der Büsche neben ihm und schwebte vor seine Hand. Baza zeigte zu Helena und seinem Wasserabbild. Sofort schwebte die Rose in den Wassermann. Sie durchquerte ihn einmal und landete schließlich in seiner Hand.
Baza unterbrach den Geisteskontakt zu der Rose, da er wusste, dass es bald seine ganze Kraft kosten würde, sie schweben zu lassen und hielt sie mit dem Wasserabbild fest. Er konzentrierte sich auf den Wassermann, stellte sich vor wie er Helena die Rose überreichte. Sein Abbild gehorchte. „Die ist für dich. So rot wie dein Haar.“, rief Baza ihr zu und
hoffte, dass sie es als Kompliment ansah.
In seiner Heimat galten rote Haare zwar nicht als Zeichen des Teufels, doch er kannte die Geschichten von dem Volk der Traker im Süden, die Menschen mit roten Haaren verbrannten.
„Danke!“, rief sie ihm zu und nahm die Rose entgegen. Sie roch an der Rose.
In diesem Moment kam der Muezz über den Weg zurück. „Baza, ich sehe du machst Fortschritte. Es brauch einiges an Raffinesse um so einen Zauber zu wirken. Aber die Magie ist nicht da, um naive Mädchen zu beeindrucken, sondern um sich im Falle eines Kampfes zu wehren. Lerne zu kämpfen, um nicht
kämpfen zu müssen, sage ich immer. Und jetzt komm. Du hast heute lange genug geübt. Irgendwann sind deine Energiereserven aufgebraucht und du fällst heute noch einmal in Ohnmacht.“, lobte und tadelte der Muezz Baza zugleich.
„Helena, ich muss jetzt gehen!“, rief Baza ihr zu. Er ballte seine Hand zur Faust und sein Abbild zerfloss. „Schade. Ich hoffe wir sehen uns irgendwann mal wieder!“, rief sie ihm zu.
„Komm!“, befahl der Muezz und ging davon. Baza hasste es, wenn der Muezz das tat. Mürrisch folgte er dem Muezz.
„Wohin gehen wir?“, fragte Baza den Muezzen, als er merkte, dass sie sich
immer weiter von den Mauern Ilieras´ entfernten. „Ich will dir etwas zeigen.“, antwortete der Muezz knapp. „Du wirst schon sehen, wohin wir gehen, wenn wir dort sind.“
Die Antwort half Baza nun auch nicht weiter. Er hasste Überraschungen, da es für ihn bis jetzt kaum eine gute Überraschung gab. Trotzdem folgte er dem Muezz. Sie bestiegen einen steilen Bergkamm, der über Geröll gen Norden führte. Mittlerweile waren sie so hoch gekommen, dass er den See und die äußersten Ausläufer der Stadt sehen konnte. An dem Drachenhort tollten einige Drachen mit Menschen, was in anbetracht der unterschiedlichen Größe
ziemlich lustig aussah.
Baza wandte sich von der Aussicht ab und schaute wieder auf den Weg, da er befürchtete auszurutschen. Seit er sich erinnern konnte, wanderte auf Bergen, doch dies war etwas Anderes. Die Zauber, welche er gewirkt hatte, hatten seine Kraft völlig ausgenutzt und nun musste er sehen, wie er klar kam. Der Muezz lief einige Meter vor ihm und rief ihm immer wieder zu, dass er schneller laufen sollte und dass es nicht mehr weit sei. Doch es folgten jedes Mal noch hundert Meter oder mehr, die sie besteigen mussten.
Nach einigen Minuten kamen sie an einem Felsvorsprung an. Von jenem hatte
man einen gigantischen Blick über die Insel. Man konnte den Hafen im Süden und den See, indem Helena gebadet hatte, unter ihnen sehen. Im Westen konnte er den Drachenhort sehen und im Osten war die große Arena zu erkennen, aus der das Geschrei der aufjohlenden Menge war, die sich an dem Kampf zweier Gladiatoren ergötzten. Es waren jedoch keine Sklaven, wie man vielleicht dachte, sondern adlige Männer, die sich für den Krieg trainierten und so ihr können unter beweiß stellen wollten.
„Wo sind wir hier?“, fragte Baza. Selbst von dem Rücken des Drachen aus, hatte er keinen so hohen Berg gesehen. „Das, Baza, ist der Hyam-Berg. Die Schamanen
die einst hier hausten haben mir, bevor wir uns hier angesiedelt haben, beigebracht, wie man Kontakt zu seinem Krafttier aufnimmt.“ „Zu seinem was?“, fragte Baza. Trotz all der Legenden und Sagen die seine Eltern ihm erzählten und all den Büchern die er in seinem alten Heim las, hatte er noch nie etwas von Krafttieren und Schamanen erzählt. Nun gut, in seiner Heimat wurden die meisten Zauber ja auch nur zu Erhöhung der Weizenproduktion oder der Vertreibung anderer Gutsbesitzer vom eigenen Grundstück verwendet, wenn denn überhaupt ein Mensch in seiner Heimat dazu im Stande war zu zaubern.
„Die Schamanen haben mir gezeigt, wie
ich Kontakt mit meinem Krafttier aufnehme.“, wiederholte der Muezz sich. „Ein Krafttier ist ein geistiges Wesen in Gestalt eines Tieres. Es kommt aus eine anderen Sphäre, einer Sphäre, die über unserer liegt. Die Krafttiere haben seit jeher einen sehr starken Platz im Schamanismus gehabt. Ich war der Erste, der Kontakt zu seinem Krafttier aufnahm ohne bei den Schamanen jahrzehntelang ausgebildet zu werden.
Aber um wieder auf das Krafttier zu kommen. Krafttiere sind Wesen, die sich mit uns verbinden. Sie sind zugleich Lehrer, Freund und Weggefährte, sowie man selbst das Krafttier ist. Damit meine ich, dass man sich in sein Krafttier
verwandeln kann, wenn man eng genug mit jenem zusammen lebt. Hast du soweit verstanden?“, fragte der Muezz.
Er hatte sich mittlerweile auf den Vorsprung gesetzt und wies Baza an sich neben ihn zu setzten. Baza bestätigte einsilbig. Der Muezz schaute in die Ferne.
Schließlich erzählte er weiter: „Jeder Mensch hat ein Krafttier. Man muss es nur finden. Dazu kann man entweder eine Reise antreten, die viele dauern kann, oder sich sein Krafttier von einem anderen Schamanen herbeirufen lassen. Das dauert aber auch ein paar Stunden und man muss viele Zutaten sammeln um den Trank der Schamanen zu brauen. Es
gibt auch noch eine dritte Möglichkeit. Man begegnet seinem Krafttier im Traum oder beim Meditieren oder einfach so spontan. Dies passiert aber nur höchst selten und meist nur bei mächtigen Zauberern und Hexen. Du fragst dich jetzt sicher, warum ich dir das erzähle, oder?“
Baza nickte.
„Ich habe einige Männer und Frauen aus Ilieras damit beauftragt die Zutaten für den Trank der Schamanen zu sammeln, aber das wird noch einige Zeit dauern. Ich habe damals meine Visionen durch mein Krafttier unter Kontrolle bekommen. Es hat mich geleitet und mir geholfen, wann immer ich Hilfe
brauchte. Nun, da es jemand neues mit dem zweiten Gesicht gibt, denke ich, ist es an der Zeit, dir von den Krafttieren zu erzählen. Falls du einem in deinen Träumen oder einer Vision begegnest, darfst du dich nicht vor ihm oder ihr fürchten. Sie wollen dir nur helfen. Wenn du stirbst, stirbt dein Krafttier mit dir, aber ohne dein Krafttier kannst du, wenn du Glück hast, überleben. Also sind sie quasi abhängig von den Menschen. Jene haben jedoch oftmals Angst und streiten sie als böse Träume ab. Sie verdrängen ihre Krafttiere und lassen sich so nicht von ihnen helfen. Aber besonders ein Junge mit deiner Begabung muss den Krafttieren
vertrauen. Ich habe damals gelernt, was passiert, wenn man es verdrängt und die Hilfe abweißt.“, erklärte der Muezz zu Ende.
„Aber warum bist du mit mir nun hier hoch gegangen. Von den Krafttieren hättest du mir doch auch am See oder in deinem Haus erzählen können.“, fragte Baza, der ebenfalls in die Weite des Himmels starrte, ohne nach jemandem oder etwas zu suchen. Er horchte einfach nur der rauen Stimme des Muezzen.
„Ich will dir zeigen wie du meditierst. Und hier oben ist der perfekte Platz für eine Meditation. Also, setze dich bequem hin. Die Knie sollen den Boden berühren. Der Rücken ist gerade. Du atmest nun
langsam und ruhig, ganz langsam und ruhig. Du schließt deine Augen. Nun leerst du deinen Kopf von allen Gedanken. Dein Kopf ist leer. Du konzentrierst dich nur auf deine Atmung. Langsam und ruhig. Du atmest ruhig ein und aus, ohne Anstrengung, ohne Pause. Langsam gleitest du nun in eine tiefe Entspanntheit, alle deine Sorgen und Ängste sind weg. Du sitzt an einem See. Das Wasser plätschert neben dir und in den Bäumen singen die Vögel. Sie singen das Lied, welches deine Mutter dir früher immer vorgesungen hatte. Du hörst das Lied deutlich in deinem Kopf. Es entspannt dich. Du bist tief entspannt. Kein Gedanke geht mehr durch deinen
Kopf. Einzig und allein das Plätschern des Wassers und das Lied deiner Mutter gesungen von den Vögeln in den Bäumen kannst du hören. Du bist tief entspannt. Du hast keine Sorgen. Du kannst nun das Gras riechen. Nass von dem Regen, der vor dir dort gewesen war. Du läufst von dem See über die Wiese. Du überquerst die Wiese und lehnst dich an einen allein stehenden Baum. Er ist groß und bietet dir Schatten. Du entspannst dich. Vergisst deine Sorgen. Du fällst in eine tiefe Ruhe.“
Der Muezz verstummte. Baza saß entspannt am Rand des Felsvorsprungs und schaute mit geschlossenen Augen in die Ferne. Er wirkte zum ersten Mal, seit
der Muezz Baza gesehen hatte, glücklich und zufrieden. Zum ersten Mal wirkte er sorgenlos und ohne Hass und Zorn.
Der Muezz setzte sich ebenfalls in die Hocke und beobachtete zwei schwarze Adler, die über Ilieras kreisten.
Irgendwann, es dämmerte bereits, öffnete Baza seine Augen. Der Muezz saß immer noch ungerührt neben ihm, schaute jedoch kurz aus den Augenwinkeln zu Baza hinüber.
„Was hast du gesehen?“, fragte der Muezz. „Ich lag an einem See und habe das Wasser beobachtet, wie es sich kräuselte.“ „Sonst nichts?“ Baza verneinte einsilbig.
„Schade. Wir müssen nun aufbrechen. Es dämmert bereits und glaub mir, du willst nicht in der Nacht durch diese Gebirge wandern.“ Der Muezz stand auf, ohne seinen Blick vom Horizont abzuwenden.
„Komm!“, befahl er Baza. In den Gebüschen raschelte es. Mandelförmige Lichter schienen aus dem Blätterdach der Bäume. „Schau nur auf den Weg. Egal was du hörst. Immer nur auf den Weg sehen!“, brummte der Muezz.
Baza missfiel das keines Falls. Schnell lief er die brüchige Straße hinunter. Er fühlte sich wie ein Tier, das von den adligen Jägern gejagt wurde, wie er es schon öfters in den Wäldern seiner Heimat gesehen hatte. Baza verfluchte
sich selbst dafür, dass er seine Schwerter und den Bogen in des Muezzen Haus gelassen hatte.
Er wollte sich ein kleines Licht in die Hand zaubern, doch der Muezz verbat es ihm. „Die Lichter würden die Dhjaka nur anlocken. Die Dhjaka werden uns nur auf dem Berg verfolgen. Die alten Einwohner Ilieras´ nannten sie auch Hüter der Berge. In anderen Überlieferung werden sie auch Hüter des Mondes genannt. In beiden heißt es sie seien Kreaturen der Nacht, die die Menschen ihren Göttern opfern. Gesehen wurden sie bis jetzt noch nicht, weshalb es sich auch nicht lohnte sie zu jagen.“ „Mir kommen sie gerade ziemlich real vor.“, grummelte
Baza. Das Rascheln der Dhjaka wurde lauter. Laute, eine Mischung aus Krächzen und Bellen, drangen aus dem Gebüsch. „Renn!“, befahl der Muezz. Baza rannte um die Ecke und versteckte sich hinter einem Baum. Doch er hatte keines Wegs vor den Muezzen in Stich zu lassen.
Er erinnerte sich an die drei Männer aus seiner ersten Vision, die Schwerter durch Handbewegungen zauberten. Er formte die Handbewegungen nach und hoffte, dass es funktionieren würde. Kleine goldene Rauchfetzen entstanden in seiner Hand. Sie wuschen, dehnten sich, ringelten umeinander und fielen wieder auseinander. Baza formte unerbittlich die
Handbewegungen der Magier aus seiner Vision nach. Die Rauchfetzen verbanden sich zu langen Strängen und formten sich zu dem Griff eines goldenen Schwertes. Immer weiter breiteten sie sich aus und wuchsen zu der Klinge eines Breitschwertes.
Er ließ das Schwert probehalber in seiner Hand kreisen. Es war perfekt, eine pure Verlängerung seines Armes. Doch die Euphorie verblasste, als er den Kraftentzug spürte.
Als er zu dem Muezz schaute, war jener in einen Kampf verwickelt worden. Sein Gegner verschmolz stetig mit der Finsternis. Der Muezz fiel zu Boden. Das Ungetüm, welches nun aus dem Schatten
der Bäume in das matte Mondlicht trat, beugte sich über den Muezzen. Baza stürmte mit erhobenen Schwert nach vorne. Er sprang auf das Ungetüm zu und fuhr mit der goldenen Klinge durch den monströsen Arm jenes, als die Kreatur ihn zur Seite schleudern wollte. Er konnte sich gerade noch abfangen, bevor er gegen eine große Eiche prallte. Das Ungetüm brüllte wütend und wand sich von dem Muezz ab. Es türmte sich auf und rannte brüllend auf Baza zu. Jener hob verängstigt sein Schwert vor sich.
Baza wich dem ersten Biss des Wesens aus. Er rollte sich zur Seite und stach in den Fuß der Kreatur. Der Muezz erhob sich und richtete seine Handinnenfläche
auf das Wesen, welches ihn nicht sah, da es sich auf Baza konzentrierte. Es machte einen großen Satz auf Baza zu.
Ein greller Lichtblitz. Grünes Feuer breitete sich über das gesamte Wesen aus. Zurück blieb nur einen Staubwolke im Wind.
„Ich habe dir gesagt, dass du wegrennen sollst.“, brüllte der Muezz Baza an und zog ihn mit sich. Baza ließ das Schwert fallen und es löste sich auf, als der Kontakt zu seiner Hand verloren ging. „Es war töricht von dir, mich nicht alleine zu lassen. Ich wäre auch gut alleine mit dem Dhjaka zu recht gekommen.“, tadelte der Muezz Baza. Jener versuchte den Griff des Muezzen
abzuschütteln, doch verfestigte sich dieser nur umso mehr. „Das hat man ja gesehen. Wäre ich nicht gekommen, wärst du gestorben!“, erwiderte Baza. „Ksin wäre mir zu Hilfe geeilt!“ „Wer zum Teufel ist Ksin?“, wollte Baza wissen.
„Ksin ist mein Krafttier. Sie wäre jeden Moment da gewesen.“ „Dann wärst du schon tot!“, entgegnete Baza und stieg den Pfad hinab.
Es war finsterste Nacht. Er konnte nicht sehen, wohin er trat, doch stolperte er trotzdem nicht. Er ließ seinen Gefühlen wieder freien lauf, hörte auf sie zu kontrollieren. Alles stürzte über ihn herein. Der Schmerz, der Hass und der
Zorn, alles was er in den letzten Stunden gefühlt hatte, kam mit einem Schlag zurück. Während seiner Meditation wurde eine Art Barriere aufgebaut, doch war die nun verschwunden.
Innerlich zerfraß ihn der Schmerz. Baza versuchte sie zu verdrängen, wenigstens bis er wieder in Ilieras war, wo er seinen Gefühlen freien Lauf lassen konnte, oder sich in eine Meditation flüchten konnte. Vielleicht war er aber auch einfach nur übermüdet.
Als er den Hauptweg erreichte wurde er schneller, unvorsichtiger. Die Berge mündeten nun ins Tal. Kein Dhjakan würde den Berg so weit runter kommen noch angreifen. Schließlich rannte er.
Die Tore der Stadt wurden von vier Männern bewacht. Gerüstet in Latek, den härtesten Stahl der Menschen.
Baza versteckte sich in den Schatten. Mit dem Muezz wäre er vielleicht in die Stadt gekommen, doch alleine ließen ihn die Wachen sicherlich nicht durch. Er hob einen kleinen Stein auf und warf ihn gegen den Helm eines Mannes. Dann einen zweiten und er warf diesen gegen den Helm eines Mannes auf der anderen Seite. Die Beiden fingen an sich zu streiten und wollten auf einander losgehen. Die beiden anderen Wachen hielt sie jedoch an die Mauer gepresst zurück.
Baza huschte durch das Tor. Also war er
doch noch ohne den Muezzen in die Stadt gekommen. In Ilieras patrouillierte keine einzige Wache. Hin und wieder begegnete er ein paar betrunkenen die verzweifelt ihren Weg nach Hause suchten oder hörte Mütter, wie sie ihre Kinder in den Schlaf sangen.
Schnell lief er durch die von Fackeln matt beleuchteten Straßen und suchte das Haus des Muezzen. Als er es schließlich fand und Drem ihm die Tür öffnete, ging er sofort in sein Zimmer und ließ sich in das weiche Federbett fallen.
Die ersten Schiffe kamen im kühlen Morgennebel. Seni stand in eine schwarze Rüstung gekleidet und geschützt von einem ebenso schwarzen
Helm, der den Kopf eines Drachen darstellte, am Bug des ersten Schiffes.
Hunderte Galeeren wurden auf die Küste zugerudert. In der Ferne konnte man eine große Stadt sehen, die von einem kargen Holzwall geschützt wurde. Seni hob seine linke Hand. Männer und Frauen spannten ihre Bögen. Als sie nur noch wenige hundert Meter von der Küste entfernt waren, ließ Seni seine Hand nach unten schnellen und die Männer und Frauen ließen die Sehnen los. Die Pfeile schnellten durch die Nacht. Unsichtbar im Dunkel.
Das Signalhorn der Stadt war zu hören. Sollen sie doch versuchen uns aufzuhalten, dachte Seni amüsiert. Die
Menschen sind schwächer als sie denken. Er hob seine Hand abermals und knurrte einen Befehl. Ein Mann ging mit einer Fackel an den Bogenschützen vorbei und zündete jeden Pfeil an.
Die Sehnen summten, als die Pfeile den Himmel der Nacht erhellten. Erneut ertönte das Signalhorn. Durchdringend, doch keines Wegs beeindruckend. Seni knurrte: „Luven! Greift an!“ Dunkle Wesen mit roten Augen traten hervor. Es waren nicht sehr viele, vielleicht fünfzig. Auf ihren Rücken ruhten große Flügel, gleich denen einer Fledermaus. Ihr Kopf schien der eines Adlers, doch der restliche Körper war der einer Echse. Sie trugen keine Waffen, hatten sie doch ihre
langen Krallen an den Händen.
Sie sprangen von Bord und glitten wenige Zoll über dem Wasser davon. In der Nacht waren sie kaum sichtbar. Schnell kamen sie an der Küste an. Sie ließen sich auf Arme und Beine fallen und stürmten auf allen Vieren auf den Wall zu.
Sie erhoben sich vor dem Wall und hielten ihre Hände gegen das Tor. Dann krächzten die Luven etwas, dass man nicht verstehen konnte und Feuerzungen glitten aus den Krallen. Sie sprangen über auf das Holz und verbreiteten sich über den ganzen Wall. Schließlich stand er in Flammen. Sie liefen einige Meter zurück und erhoben sich dann in die
Lüfte.
Die Luven flogen über den brennenden Wall. Sie stiegen hinab und landeten auf den Dächern. Der Größte von ihnen krächzte seinen Untergebenen Befehle zu. Sie rannten über die Dächer und sprangen von dort auf die Krieger zu, die sich auf den Weg zu dem brennenden Wall aufmachten. Die Luven schlugen ihre Krallen in die Rüstungen der Männer und öffneten jene schnell. Dann bohrten sie ihre Vogelköpfe in die Körper und fraßen die Eingeweide. Blutbeschmiert rannten sie auf die nächsten Männer zu, schlugen sie zu Boden und wiederholten den Prozess.
Es war eine kluge Idee, sich die Luven
zu unterwerfen, dachte Seni sich, als die Galeeren in den Strand fuhren und er das Boot verließ.
Um ihn scharten sich Firbolg. Firbolg ähnelten von ihrer Größe den Menschen, doch da hörte es auch schon auf. Ihr Körper war von einer dicken Haarpracht bedeckt und sie waren dunkelhäutig. Ihre Augen lagen in tiefen Höhlen und aus ihren Köpfen sprossen lange Hörnerpaare. In ihren Klauen hielten sie lange Speere mit einer Spitze aus Tierknochen und rundliche Schilder. Rüstungen trugen sie keine.
Ein junger Bursche stand mit einem Bogen auf der Klippe. Der Bogen war gespannt und ein brennender Pfeil lag
auf der Sehne. Der Junge schoss den Pfeil ab. Seni hob die Hand und der Pfeil fiel auf den Boden. „Du musst lernen zu zielen!“, tadelte er den Jungen. Dann hob Seni den Pfeil auf und schleuderte ihn die fünfzig Meter zu dem Jungen. Der Pfeil durchbohrte den Kopf des Jungen und jener fiel die Klippe herunter.
Seni stieg über den leblosen Körper und betrachtete die Fahne, welche auf einem kleinen Aussichtsturm im Osten wehte. Auf ihr war ein goldener Löwe zu sehen. „Wem auch immer dieses Land gehörte, nun ist es meins.“, rief er stolz, auch wenn er seine Männer alles erledigen lies.
Baza wachte zitternd auf. Er musste
dringend lernen, wie er diese verdammten Visionen unter Kontrolle bekommt. Kaum eine Nacht konnte er ruhig schlafen. In kaum einer Nacht hatte er keine Vision von Seni oder Smirn.
Er ging ins Bad und wusch sich den kalten und klebrigen Schweiß von der Haut. Wie jeden Morgen lag sauber Kleidung für ihn bereit. Drem sammelte sie jeden Abend ein und wusch sie. Auch wenn Baza ihm dafür und für den Komfort in diesem Haus dankbar war, sehnte er sich doch zurück zu dem ruhigen Leben als Sohn eines Bauern. Zu den Schwertübungen mit seinem Vater und dem Bogenschießen mit seiner Mutter. Zu dem Ballspiel mit seinen
alten Freunden oder dem Reiten mit Ilisa, seiner ehemaligen Nachbarin.
Doch das alles gab es nicht mehr und er musste damit klar kommen. Für die Toten ist der Tod leichter zu ertragen, als für die Lebenden. Das klang vielleicht hart, doch so war es. Die Toten waren einfach tot oder saßen auf der anderen Seite mit den geliebten Menschen, die sie schon früher verloren hatten, doch die Lebenden mussten stetig um die Toten trauern und sich damit abfinden, dass sie nicht mehr da waren.
Baza zog sich die Lederhose und das Leinenhemd über, welche Drem ihn für diesen Tag in das Zimmer gelegt hatte, und ging ins Atrium. Er konnte weder
Drem noch den Muezzen hören, und so setzte er sich auf den Boden, schloss seine Augen und versuchte zu meditieren.
Er atmete langsam ein und aus. Entspannte sich und hörte auf zu denken.
Als er die Augen öffnete war er nicht mehr in dem Atrium, sondern saß auf einer kleinen Insel umrundet von einem großen See unter einer Buche. In einiger Entfernung konnte er wieder Land sehen, dazwischen war nur das smaragdgrüne Wasser.
„Wo bin ich hier?“, fragte er sich. Ihm kam der Gedanke, dass das eine Vision sei, doch war er alleine. Dann dachte er
daran, dass es ein Konstrukt seiner Fantasie war, indem er sich entspannen konnte, seine Kraft neu auflud. Er erinnerte sich, dass er noch vor kurzem in dem Atrium saß und meditierte.
Er verstand jedoch nicht was er dort tun sollte, und warum er dieses Mal an diesem Ort war, und das mal zuvor nicht.
Auf der anderen Seite des Sees hörte er die liebliche Stimme einer Frau ein Lied anstimmen:
Ich bin der wohlbekannte Sänger
der vielgereiste Rattenfänger
den diese altberühmte Stadt
gewiss besonders nötig hat
und wären´s Ratten noch so viele
und wären Wiesel mit im Spiele
von allen säubere ich den Ort
sie müssen miteinander fort.
Dann ist der gut gelaunte Sänger
mitunter auch ein Geisterfänger
der selbst die wildesten bezwingt
wenn er die gold´nen Märchen singt
und wäre der Kobold noch so trutzig
und wären Hexen noch so stutzig
in meine Saiten greif´ ich ein
sie müssen alle hintendrein.
Dann ist der vielgewandte Sänger
gelegentlich ein Mädchenfänger
in keinem Städtchen langt er an
wo er´s nicht mancher angetan
und wären Mädchen noch so blöde
und wären Weiber noch so spröde
allen wird so liebesbang
bei Zaubersaiten und Gesang.
Das Lied hatte seine Mutter ihm früher immer vorgesungen, als er noch ein kleiner Junge war und nachts nach einer Vision nicht mehr einschlafen konnte. „Allissa?“, rief er. Er hörte weiterhin die liebliche Stimme seiner Mutter. Tränen traten ihm in die Augen. Er hatte noch nicht wirklich getrauert, sondern seinen Kummer und die Trauer verdrängt, sie wuchsen mit den Rachegelüsten zusammen und verbanden sich zu etwas Bösen in ihm.