Ted
Die stählerne Hand tastete an den Schalthebel.
„Geht’s denn, Ted? Ted antworte!“
„Es geht, John, schwierig, aber ich denke, ich bekomme es hin.“
Der Stahlarm mit der Hand umschloss den groben Knüppel. Dann zog er langsam.
„Das habt ihr prima hinbekommen, ihr Lauser. Wenn das nicht so ein Nudelholz wäre, dann könnte ich das gar nicht so bedienen.“
„Sonst geht es Dir gut?“
„Etwas Kopfweh, aber sonst fühle ich mich noch i.O.“
„Kein Wunder bei deinem Stahlschädel. Hast du die Koordinaten schon eingegeben, die ich dir geschickt habe? Und was ist mit den
Telemetrie-Antennen? Was ist mit denen?“
„Ja“, die Stimme begann zu zittern.
„Beim Eintauchen in das Auge hat es sie weggerissen. Was die Gaszusammensetzung betrifft, ist es ein wenig mau und vitale Spürsonden sind beeinträchtigt. Kontakt nur peripher. Sonst aber funktioniert fast alles. An sich sind die restlichen Sensoren noch intakt. Habe aber leider Sektor 5, 17 und 12 verloren. Allmählich komme ich an meine Grenzen.“
John auf dem Mutterschiff blickte zu seinem Bordingenieur. Der nickte und erklärte:
„Ich denke, dass er die Belastbarkeitsgrenze erreicht hat.“
„Was macht unsere eigene Umlaufbahn? Können wir sie noch halten?“
„Die Kapsel am Ende der Leine zieht nach innen,
aber mit einem Fünkchen Schub könnten wir das noch ausgleichen.“
„Wie viel Fünkchen Schub haben wir denn noch, Luis? Wann muss ich Ted reinholen?“
Luis blickte auf die Bildschirme.
„Die Zahlen sagen, dass wir das allerhöchstens noch 7 Minuten aufrecht erhalten können. Bedenkt man die Zeit, bis wir dann die Kapsel von Ted wieder eingeholt haben, dürfte es gerade noch so ausreichen.“
„Ok, Ted, hörst du mich?“
Die Kabelverbindung zur Kommunikation funktionierte noch.
„Ted!“
„Ja“, schmirgelte die Stimme. "Die Winde vom Saturn zerreißen mich fast.“
„Ich weiß, Ted, deshalb haben wir dich doch
ausgesucht. Deine Gliedmaßen können das ab, wir haben es getestet. Die Karbonfasern halten dem Druck stand. Wie fühlst du dich?"
Das war natürlich eine geschwindelte Frage.
"Du weißt, dass die Druckverhältnisse in deiner Hirnschale das Wichtigste sind! Melde, wenn nicht ok!.“
„Du meinst ich könnte blöde werden?“
„Ja klar, das wissen wir doch, Ted, blöde, so wie immer."
Krampfhaftes Kichern.
"Du schaffst es!!“
Aus der Übertragung kam ein Schluchzen, das man mit Wohlwollen als einen Lachversuch interpretieren konnte.
Der Bordingenieur Luis faltete die Stirn.
„Jetzt ist es Zeit! Fast zu spät! Ted hält das mit
seinem künstlichen Gestell nicht mehr aus. Sein Gehirn ist gut gelagert, aber der Seitendruck ist zu groß. Das hält auch die innere Magnethülle nicht mehr. Hol ihn ein, sonst ist das Gehirn nur noch Matsch!“
„Ted, alles im Lot?“
„Geht so“, raspelte Ted.
In den stürmischen Winden des Saturn begann nun die Kapsel zu trudeln, die an einem 1000 Kilometer langen Seil mit dem Mutterschiff verbunden war. Dieser Testlauf sollte die Atmosphäre des Saturn auf Leben erkunden. Alle Sonden hatte es bisher auf unerklärliche Weise schnell zerrissen, ohne dass genügend Daten übermittelt werden konnten.
„Hast du die Videoaufzeichnung laufen?“
„Klar doch!“
„Wir holen dich jetzt ein, hörst du?“
Luis schüttelte den Kopf.
„Die Anziehungskräfte sind zu groß! Schnell! Der Schmerz! Ich muss ausklinken!“
John und der Bordingenieur Luis blickten sich an, wie nach einer Beerdigung. John blitzte:
"Wie ist das jetzt! Machst du endlich Schluss? Ausklinken!"
Da knirschte es im Äther.
„Du, John, ich sehe was! So was ähnliches, wie schwebende Regenschirme, die im Sturm treiben. Mann ist das toll! So ähnlich wie Quallen. Sie pumpen!“
„Schluss jetzt, wir holen Dich zurück!“
Die Kapsel geriet an den Rand des Auges. Sie hatte den ruhigen Mittelpunkt des Saturnhurrikans verlassen.
„Ich kann sie sehen! Mehrere!“
„ Mehrere? Was?“
„Ich kann es nicht mehr kontrollieren“, rief Ted, aber seine Stimmbänder aus aggregierten Diamant-Nano-Stäbchen und Weichmachern rissen plötzlich. Die Übertragung brach ab.
Luis schrie:
„Zu spät zum Reinholen!“
„Egal“, befahl John, während er auf die Videoaufzeichnung starrte, „er zeigt noch was! Seine Hände funktionieren noch. Guck, da ist etwas!“
„Die Leine zerrt, wir können die Umlaufbahn nicht mehr halten! Die Axialgeschwindigkeit muss rauf, sonst sind wir verloren!“
John murmelte.
„Tut mir leid um dich, Ted.“
Ted konnte es nicht mehr hören.
Und John gab dann ruhig die Order:
„Klinke ihn aus.“
Luis schmiss den Finger auf den Knopf.
„Schub zwo, drei, null! Dürfte gerade noch so klappen.“
„Haben wir wenigstens, was wir brauchen?“
John war in sich gekehrt.
„Kann ich noch nicht sagen“, gab Luis zurück, „es kommt darauf an, wie viel noch an Daten übertragen wurde, bevor..“, seine Stimme fror ein und Trauer war zu erahnen.
John schnaufte tief.
„Jedenfalls war die Sache doch ein voller Erfolg, oder nicht? Ted hat länger durchgehalten, als alle Lebewesen zuvor.“
„Näheres kann ich erst sagen, wenn alle Daten
ausgewertet sind“, erklärte Luis.
„Und, was meinst du, gibt es dort in den Stürmen Lebensformen?“
„Soviel Ted übertragen hat, keine.“
„Und was er gesehen hat?“
„Hirnfunktionsfehler, nehme ich an.“
„Was ist mit der Kapsel? Wird sie tiefer in die Atmosphäre eintauchen?“
Luis blickte traurig.
„Die tausend Kilometer Geschwindigkeit des Windes hat die Kapsel nicht überstanden. Definitiv nicht! Sie ist verloren. Einfach zerrissen.“
„Hmm“, schniefte John.
„Der Rest der Leine ist auch abgeworfen. Alles klar“, meldete Luis zurück.
„Erreichen neue Umlaufbahn in 23 Minuten. Uns
hat der fehlende Ballast nun richtig nach vorne geschmissen!“
"Wenigstens haben wir es noch geschafft."
Die verlorene Kapsel war aber noch nicht zerborsten. Sie hielt, wenn auch nur noch ein paar Minuten
Der Sturm war dabei die Kapsel zu zerreißen.
Ted bekam mit den letzten intakten Gehirnwindungen noch mit, wie er von der riesigen, schwebenden Qualle des Saturns aufgesaugt wurde.